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Nach dem Ende der DDR : Und es war Sommer

Irgendwie war es uns gelungen, drei Plätze im Unterdeck eines Doppelstockbusses zu ergattern, als der Fahrer die Türen schloss und Gas gab Bild:

Vor zwanzig Jahren fuhr unser Autor zum ersten Mal mit dem Bus nach Spanien. Es war sein erster Trip ins westliche Ausland. Stefan Locke über eine denkwürdige Erfahrung in Sachen kapitalistischer Pauschalurlaubs-Kultur.

          Dies ist die Geschichte meines ersten Westurlaubs, der beinahe mit einer Montagsdemo geendet hätte. Am vorletzten Tag des Urlaubs ging jedenfalls plötzlich dieser Mann aus unserer Gruppe auf die Straße, brüllte irgendetwas von „Unverschämtheit“, „Protest“ sowie „Schlimmer als beim FDGB“ und nahm mitten auf der Fahrbahn Platz. Er werde jetzt hier dichtmachen, und, sobald er zurück in Berlin sei, sich bei den zuständigen Behörden beschweren. Die Zustände hier könnten nicht angehen, dafür sei man „im Herbst nicht auf die Straße gegangen“, und deshalb gehe er jetzt erneut auf selbige. So.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Das war im Sommer 1990 an der Costa del Sol. Die - deutsche - Währungsunion war gerade bewältigt, aber wir hatten die D-Mark gleich in Peseten umgerubelt, denn Spanien war zu unserem spontanen Urlaubsziel geworden. Normalerweise wären wir, wie davor beinahe jedes Jahr, an die Ostsee gefahren. Doch dann waren Mauerfall und Westgeld dazwischengekommen, und die Familie plante um. Unsere zuvor eher kollektiven Interessen individualisierten sich rasch und im Sinne der neuen Ordnung; Vater gründete eine Firma, und Mutter beschloss, mit den Kindern ans Mittelmeer zu fahren.

          Bitte keine Ost-Münzen!

          In unserer Kleinstadt hatte auf die Schnelle ein Reisebüro eröffnet, die Plakate mit blauem Himmel, weißen Stränden und grünen Palmen lagen noch halb zusammengerollt im Schaufenster. Zu lesen war lediglich so etwas wie „Viva Espana“, und meine Mutter griff - offenbar auch aus Gewohnheit - sofort zu. Per Bus zehn Tage nach Lloret de Mar an der Costa Brava inklusive Hotel und Halbpension, das klang verlockend und für 398 Mark pro Person auch nicht überteuert. Andere Urlauber sahen das wohl genauso, denn am Sammelpunkt starteten gleich acht Reisebusse mit demselben Ziel.

          Bis zur vierten Etage war unser Hotel vermietet, oben aber wurde weiter gebaut, was uns an die englische Komödie „Ein total verrückter Urlaub” erinnerte
          Bis zur vierten Etage war unser Hotel vermietet, oben aber wurde weiter gebaut, was uns an die englische Komödie „Ein total verrückter Urlaub” erinnerte :

          Unser Bus war alt, aber von Mercedes; zwei Herren Mitte fünfzig stellten sich als Fahrer vor. „Wir sind Ihr Team hier an Bord“, erklärte der, der nicht am Lenkrad saß, und gab weitere Reise-Tipps: von Toilette (ohne Wasser) bis Bordbar mit Wasser zu 50 Pfennig; Cola und Fanta 'ne Mark, aber bitte keine Ost-Münzen! „Die kriegen wir bei uns nicht los.“ Der Morgen nach der Nachtfahrt begann mit Tumult im Heck. Eine Frau war versehentlich auf einen der Fahrer getreten, die abwechselnd im Gang schliefen. Die Sonne brannte durchs Fenster, von vorn wurden „die letzten Getränke“ durchgereicht, die Klimaanlage war „leider kaputt“.

          „Wir erzählen allen in Deutschland, wie schlimm es hier ist“

          Was soll's, dachten wir, gleich würde Spanien kommen. Rechts der Autobahn zeigte sich schon ein überdimensionaler schwarzer Stier, und kurz darauf fuhren wir ab, folgten den Wegweisern nach Lloret de Mar und hielten an einem großen, mit Dattelpalmen umsäumten Platz, was mir auch deshalb in Erinnerung blieb, weil auf nahezu allen Fotos aus diesem Urlaub Palmen zu sehen sind. Zu Hause hatten wir Palmen im Blumentopf, hier aber standen sie draußen herum. Wahnsinn! Nach vier Tagen gab allerdings der Fotoapparat den Geist auf - vermutlich wegen der Hitze, wahrscheinlich aber auch aus Protest gegen das ewig gleiche Motiv.

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