Der frühere Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, ist am Freitag von einem New Yorker Richter unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt worden. Die Ermittlungen würden aber nicht eingestellt, teilte die Staatsanwaltschaft bei einer kurzfristig angesetzten Gerichtsanhörung mit. Der Franzose darf die Vereinigten Staaten vorläufig nicht verlassen, seine Reisedokumente wurden einbehalten.
Zuvor waren Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers aufgekommen. Strauss-Kahn soll versucht haben, ein 32 Jahre altes Zimmermädchen in einer New Yorker Hotelsuite vergewaltigt zu haben. „Der Fall ist noch nicht abgeschlossen, wir werden weitermachen, wie es unsere Pflicht ist“, sagte Staatsanwalt Cyrus Vance. Es sei „die höchste Pflicht eines amerikanischen Staatsanwalts, die Rechte derer zu wahren, die Hilfe bei der Justiz suchen. Der Anwalt der Frau, Kenneth Thompson, sieht den Fall der versuchten Vergewaltigung unverändert. „Die Tat hat stattgefunden“,sagte Thompson unmittelbar nach der Freilassung von Strauss-Kahn. „Dieser Tag hat nichts verändert.“ Strahlend und mit der rechten Hand auf der Schulter verließ seiner Ehefrau Anne Sinclair verließ Strauss-Kahn das Gericht in New York.
Schon zuvor hatten die Berichte über eine mögliche Entlastung Strauss-Kahns von den Vergewaltigungsvorwürfen im linken politischen Lager Frankreichs Erleichterung hervorgerufen. Eine „immense Freude“ empfinde sie angesichts dieser Nachrichten, sagte die Sozialistin Martine Aubry, die nicht mehr Parteivorsitzende ist, seit sie in dieser Woche ihre Kandidatur für die sozialistischen Vorwahlen zur Präsidentenwahl 2012 angekündigt hat. Harlem Desir, der aktuelle Parteivorsitzende, sprach von seiner „enormen Erleichterung“. Der Abgeordnete Jean-Marie Le Guen, ein enger Mitstreiter von Strauss-Kahn, äußerte seine Freude über die „Rehabilitierung“ und das „Ende des Albtraums“ für den Parteifreund. Strahlend und mit der rechten Hand auf der Schulter verließe seiner Frau verließ Strauss-Kahn das Gericht in New York.
Glaubwürdigkeit sogar von Anklägern bezweifelt
Sollte die amerikanische Justiz ihre Vorwürfe gegen Strauss-Kahn fallenlassen, könnte das weitreichende Folgen für die Vorbereitung der Sozialisten auf die Präsidentenwahl im kommenden Jahr haben. Seit Strauss-Kahn Mitte Mai festgenommen wurde, hat sich Frankreich darauf eingestellt, einen Wahlkampf ohne den bis dahin in den Umfragen führenden Politiker zu erleben. Am Freitag wurde über eine mögliche Rückkehr Strauss-Kahns in die Politik spekuliert. „Er muss eine wichtige Rolle im Präsidentschaftswahlkampf spielen“, forderte der frühere Kulturminister Jack Lang. Die französische Abgeordnete Michèle Sabban verlangte eine Suspendierung der Vorwahlen. Bis zum 13. Juli müssen nach dem aktuellen Fahrplan alle Kandidaten erklärt haben, ob sie bei den Vorwahlen am 9. und 16. Oktober teilnehmen wollen.
Wie amerikanische Medien unter Berufung auf Informationen aus Justizkreisen berichteten, sind wegen widersprüchlicher Aussagen des mutmaßlichen Opfers erhebliche Zweifel an der Stichhaltigkeit der bisher verfolgten Anklagestrategie aufgetreten. Weil sich das aus Guinea stammende Zimmermädchen bei ihren Aussagen in offenkundige Lügen verstrickte und zudem in Verbindung mit Drogenhändlern und Geldwäschern stehen soll, wird ihre Glaubwürdigkeit als einzige Belastungszeugin jetzt sogar von den Anklägern angezweifelt. Die 32 Jahre alte Frau soll zudem einen Tag nach dem Vorfall mit Strauss-Kahn vom 14. Mai im New Yorker Hotel „Sofitel“ mit einem inhaftierten Mann telefoniert und dabei über die Vorteile der Klage gegen den früheren französischen Finanzminister gesprochen haben.
Strauss-Kahn war nach kurzer Haftzeit und gegen eine Kaution in Höhe von sechs Millionen Dollar unter strengsten Auflagen aus dem Gefängnis entlassen worden und wohnt seither in einem großzügigen Apartment in Manhattan. Strauss-Kahn, der nach Aussagen der Frau diese in seiner Hotelsuite zum Oralsex gezwungen haben soll, trat am 19. Mai von seinem Posten als IWF-Direktor zurück. Zu seiner Nachfolgerin wurde die bisherige französische Finanzministerin Christine Lagarde gewählt.
Scharfe Kritik am amerikanischen Justizsystem
Der Strauss-Kahn-Vertraute Le Guen versuchte die Franzosen am Freitag auf dessen Rückkehr in die Politik vorzubereiten. „Alle, die ihn politisch für tot erklärt haben, müssen nun mit einer Person rechnen, die bald frei sein wird und den Franzosen offen in die Augen schauen kann“, sagte der Abgeordnete. Selbstverständlich sei es an Strauss-Kahn, sich über sein weiteres Vorgehen zu äußern. Danach müssten die Sozialisten und ihr Führungspersonal entscheiden, wie sie reagieren sollten.
Die Freude über eine Entlastung von Strauss-Kahn dürfte aber nicht gleich stark bei allen Sozialisten ausgeprägt sein. François Hollande, der ehemalige Parteichef, war am besten positioniert, um Strauss-Kahn als gemäßigten Linken zu beerben. Frau Aubry hatte mit Strauss-Kahn einen Pakt geschlossen, nach dem nur einer von beiden in den Vorwahlkampf zog. Nachdem Strauss-Kahn in New York festsaß, entschloss sie sich nach einigem Zögern für ihre Kandidatur. Mit der gescheiterten Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal sowie ihren Parteifreunden Arnaud Montebourg und Manuel Valls haben drei weitere Sozialisten sich Chancen auf einen Sieg in den Vorwahlen ausgerechnet.
Unterdessen wurde in Frankreich am Freitag scharfe Kritik am amerikanischen Justizsystem geübt. Wie es sein könne, dass die Staatsanwaltschaft in New York erst von felsenfesten Beweisen spreche und die Polizei Strauss-Kahn als quasi Verurteilten aller Welt vorführe und dann alles wie ein Kartenhaus zusammenfalle, fragten mehrere Kommentatoren in den Medien. Die Abgeordnete Sabban stellte zudem die Frage, warum die Informationen ausgerechnet am Tag nach der Ernennung von Christine Lagarde zur IWF-Direktorin verbreitet wurden. Sie hatte schon im Mai von einem Komplott gegen Strauss-Kahn gesprochen.
Die größte Einigkeit zeigten die Sozialisten am Freitag indes in ihrer Kritik an Staatspräsident Nicolas Sarkozy: Dieser hatte der Partei im Mai das „Hoheitsrecht in Moralfragen“ abgesprochen. „Wenn ich daran denke, welches Gesicht er heute morgen gemacht haben muss, dann kommt Freude in mir auf“, sagte der Abgeordnete Claude Barolone.
Und was beweist das?
Ellen Schreiber (bonjourtristesse)
- 01.07.2011, 09:12 Uhr
Na klar,warum nicht gleich mit den Fakten auf den Tisch?
Uwe Wagner (view)
- 01.07.2011, 09:28 Uhr
interessant
harald morun (h.morun)
- 01.07.2011, 09:28 Uhr
Wenn das nicht
Dieter Erkelenz (d.erkelenz)
- 01.07.2011, 09:43 Uhr
Jetzt beginnt die Medienolympiade im "Zurückrudern"
Frank Lehmann (lemdax1)
- 01.07.2011, 09:57 Uhr