13.05.2004 · Der Eurovision Song Contest in Istanbul ist nicht nur ein Duell zwischen Ralph Siegel und Stefan Raab, sondern auch ein Gradmesser für die Einigung Europas.
Von Rainer Hermann, IstanbulDas erste direkte Aufeinandertreffen mit Max hat die Gruppe Athena für sich entschieden. Dabei hatte Max mitten in Istanbul ein Heimspiel. Im Kaisersaal des deutschen Generalkonsulats, umringt von Deutschen und Türken, angespornt vom deutschen Generalkonsul Reiner Möckelmann.
Der mußte keine diplomatische Ansprache halten, sondern rief in die jubelnde Menge: "Max macht es, Max macht es möglich." So jung war das Publikum im ehrwürdigen Kaisersaal selten gewesen, und es trotzte dem gefeierten Star Zugaben ab. Richtig in Stimmung kamen sie - unter dem in Glas gemalten Reichsadler und dem Stucco-lustro - jedoch erst beim türkischen Quartett Athena.
Ein Erfolg auf dem Bildschirm unterliege aber anderen Gesetzen als bei einem Live-Auftritt, wehrt Jürgen Meier-Beer ab, der der verantwortliche Deutsche für den Eurovision Song Contest ist. Auch er hält die Musiktitel von Max und Athena für die modernsten des Wettbewerbs. Bei Max liege die musikalische Ehre Deutschlands in besten Händen, versichert Meier-Beer, der seit 1996 im NDR die Vorauswahl des Grand Prix d'Eurovision, der nun Eurovision Song Contest heißt, plant und gestaltet.
Halbfinale eingeführt
Diese Ehre hat Max gegen 23 andere zu verteidigen, und unter diesen zählen Athena gewiß zu den heißen Favoriten. "Eine Prognose ist schwierig." Denn jedes Land schicke ja seine Besten, und der Song Contest zeige, wie wenig ein Land Europas nach wie vor den Geschmack eines anderen Landes verstehe. Europa ist eben vielfältiger, als es die Vereinigten Staaten sind, und untereinander sind sich die Länder weniger vertraut. Der Song Contest ist damit mehr als Unterhaltung, er wird zu einem Indikator für die zwischenstaatlichen Beziehungen.
Etwa als im vergangenen Jahr Griechenland und Zypern für die Türkei gestimmt hatten, Großbritannien aber auf null Punkte abstürzte. Europa ist so groß geworden, daß in diesem Jahr erstmals ein Halbfinale eingeführt wurde. Und das verschafft auch Ralph Siegel wieder seinen Auftritt. Wenn auch nicht für Deutschland, sondern "nur" für das neue EU-Mitglied Malta. Ein Vierteljahrhundert hatte er auf der deutschen Seite den Grand Prix geprägt. Diesmal fand er sich in der Gruppe der Außenseiter wieder, unter 22 Halbfinalisten. Seit Mittwoch abend aber weiß er, daß sich sein für Julie und Ludwig produzierter Titel "On Again... Off Again" für das Finale qualifiziert hat.
Orientalischer Charme
Im Halbfinale hatte sich das arme Land Albanien vor der futuristischen Hochhauskulisse einer flimmernden Großstadt präsentiert, Serbien entschied sich für Hirtenfolklore, und der muselmanische Bosnier trug seinen bloßen Oberkörper zur Schau. Die langbeinigen Griechinnen tanzten im silbernen Bauchtanzkostüm, und Ruslana aus der Ukraine ließ in ihrem Gotensong die archaischen Urgewalten der Erde austoben. Dazwischen warb die Türkei in den Überleitungen für ihre touristischen Ziele. Bis eine gute Fee vor der Silhouette der Hagia Sophia rote Blätter der Istanbuler Tulpen ausstreute und mit orientalischem Charme das nächste Land ankündigte.
Genau 51 Mitgliedsländer umfaßt der Zusammenschluß der European Broadcasting Union inzwischen, und von ihnen sind 36 nach Istanbul gekommen. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs platzt der Wettbewerb aus allen Nähten. Mehrere Modelle sind versucht worden. Zuletzt hatten die Länder, die besonders schlecht abschnitten, ein Jahr aussetzen müssen. Länder, deren Musikszene weit vom Trend entfernt liegt, entfernten sich weiter. Wer es schwer hatte, dem machte es dieses Verfahren noch schwerer.
Nationales Image
Um dies zu ändern und den politischen Charakter der Sendung zu erhalten, kam Meier-Beer in diesem Jahr auf den Modus des Halbfinales. Denn er wünscht sich, daß sich gerade der europäische Charakter dieser größten Unterhaltungssendung der Welt zum Markenzeichen entwickle. Dem europäischen Wettbewerb hat Meier-Beer einen starken Akzent gegeben, und in Deutschland hat er ausgerechnet über die öffentlich-rechtliche ARD eine kleine Revolution angestoßen. Von Land zu Land unterscheidet sich das nationale Image der Sendung.
In England gelingt der BBC kaum eine Zuschauerbindung. In Deutschland aber gilt der Eurovision Song Contest wieder als modern, so daß selbst Diskotheken, die auf Heavy Metal stehen, das Finale am Samstag auf Großleinwänden übertragen. Erfolgreich hat sich Meier-Beer also gegen die Banalisierung a la Zlatko und gegen die konservative Schlagerszene gestemmt. Zukunft werde das Projekt Eurovision nur haben, wenn es relevanter werde, wenn Deutschland wieder musikalischen Respekt genieße, sagt Meier-Beer.
Wendepunkt in der Wahrnehmung
Daher setzte er ausschließlich auf Qualität und auf musikalische Glaubwürdigkeit, und er entwickelte zusammen mit dem Musiksender Viva einen neuen Qualifikationsmodus. Damit zog ausgerechnet die ARD mit einer Unterhaltungssendung Zuschauer bis 49 Jahre an sich, und die Älteren wanderten zu anderen Sendern ab. In dem neuen Verfahren setzten sich Stefan Raab und Max Mutzke gegen die Etablierten und die Besten der Popmusikszene durch.
Antreten müssen sie in Istanbul, beim Vorjahressieger also, gegen die Gruppe Athena. Bewußt hatte sich der türkische Staatssender TRT für diese Istanbuler Tabubrecher entschieden, die gegen alle Konventionen verstoßen und die "mehr in der Zukunft als in der Gegenwart leben", wie Ali Saydam formuliert, ein Fachmann der türkischen Unterhaltungsbranche. Bei der türkischen Jugend sind Athena populär, und in den Fußballstadien dröhnen ihre Songs aus den Lautsprechern. Keine Rolle spiele es mehr, ob Athena unter den ersten fünf plaziert werde, sagt Saydam selbstsicher. Denn bereits im vergangenen Jahr hätten die Europäer mit ihrem Votum für Sertab Erener gezeigt, daß sie keine Vorurteile mehr gegen die Türkei hätten. Das war für ihn ein Wendepunkt in der gegenseitigen Wahrnehmung von Europäern und Türken, und das habe jeden türkischen Nationalisten zum Schweigen gebracht.
Moderne Entwicklung
Ein Glücksfall ist es für die Türkei aber doch, daß der Eurovision Song Contest gerade ein halbes Jahr vor der Entscheidung des EU-Gipfeltreffens über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen stattfindet. Allein aus Deutschland sind 180 Journalisten angereist, nahezu doppelt soviel, wie vor einem Jahr aus Riga berichtet haben. In der Woche vor dem Finale erleben sie eine Türkei, die sie nicht kennen. Sie sehen türkische Frauen, die nicht wie auf dem Gemüsemarkt in Altona herumlaufen, sondern eher wie auf dem Jungfernstieg flanieren. Sie sehen, daß die Türkei keine anatolische Folklore produziert, sondern moderne europäische Musik. Und vor allem erleben sie, daß die Türkei eine Entwicklung durchlaufen hat, die viele konservative Türken, die im Ausland das Bild des Landes prägen, in den vergangenen 30Jahren eben nicht mitgemacht haben.
Auch erleben sie, daß die Türkei gut organisieren kann, selbst die größte Unterhaltungsshow der Welt. Die Veranstalter hätten einen hohen organisatorischen Perfektionsgrad, den sie mit türkischer Herzlichkeit kombinierten, lobt Meier-Beer. Es werde ein Bild vermittelt, das höchstem europäischen Standard entspreche. Aus Schweden kommt die Lichttechnik und von einem deutsch-türkischen Gemeinschaftsunternehmen die Tontechnik. Eine estnische Firma hat die Software für die Akkreditierungen entwickelt, und eine junge Türkin hat das Bühnenbild entworfen. Ob Max siegt, Athena oder ein anderer: Das Ergebnis wird für die Türkei sprechen.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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