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Musik Rückzug nach vorn

10.05.2004 ·  Als Songwriter, Moderator und Blödelsänger hat sich Stefan Raab schon bewährt. Hinter Max Mutzke aber zeichnet er sich als ernsthafter Unterhaltungsproduzent ab.

Von Alfons Kaiser, Köln
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Jeder Sänger hatte im vergangenen Dezember nur 45 Sekunden Zeit, am Alten Verladebahnhof an der Kölner Schanzenstraße sein Bestes zu geben. Für Stefan Raab wurden die Fließband-Auftritte aufgenommen und zusammengeschnitten. Die insgesamt 2.800 Bewerber für "Stefan sucht den Super Grand Prix Star" (SSDSGPS) - spaßige Persiflage und ernsthafte Gegenveranstaltung zu "Deutschland sucht den Superstar" - konnte der Fernsehunterhalter nicht einzeln sichten.

Aber als ein junger Mann namens Max Mutzke gesungen hatte, rief einer der aufzeichnenden Mitarbeiter Raab an: "Das mußt du dir unbedingt anhören! Da ist ein Typ, der ist unfaßbar!" In der geradezu industriellen Abfertigung hatte die Qualitätskontrolle nicht versagt. Stefan Raab kam, sah - und sollte siegen.

Bei der Vorauswahl überlegen

Nach seinem eigenen Gusto, so erzählt es Raab in seinem Büro im Kölner Stadtteil Mülheim vor der Abfahrt nach Istanbul, wo er Max Mutzke beim Eurovision Song Contest betreut, suchte er im Dezember 27 Bewerber aus. Das Publikum sollte nicht zu früh entscheiden, so erklärt er das gesteuerte Casting: "Sonst hätte es Ausreißer geben können." Maximilian Nepomuk Mutzke also, der sich als Sänger einfach Max nennt, kam in die Auswahl der letzten 27.

Er sang vor laufender Kamera, die auch die offenen Münder der aus Joy Fleming, Thomas Anders und Stefan Raab bestehenden Jury übertrug. "Das überzeugte einfach", sagt Raab. "Ich wunderte mich, daß noch keiner über die Region hinaus von ihm Kenntnis genommen hatte." Erst unter den letzten neun Kandidaten durfte das Publikum entscheiden - und suchte sich Max Mutzke aus. Bei der deutschen Vorauswahl zum europäischen Schlagerwettbewerb zeigte sich wieder seine Überlegenheit. Mit einer Mehrheit von 92 Prozent entschied das Publikum im zweiten Wahlgang, den 22 Jahre alten Abiturienten aus Waldshut am Hochrhein nach Istanbul am Bosporus zu schicken.

Witzige Ideen

Auch Stefan Raab fährt mit zum Finale - wieder einmal. Im Jahr 1998 hatte er unter dem Pseudonym Alf Igel für Guildo Horn den Ralph Siegel gespielt und den Titel "Guildo hat euch lieb" produziert, der den achten Platz erreichte. Im Jahr 2000 errang er mit "Wadde hadde dudde da" in Stockholm Rang fünf. Und nun steht er als Caster, Komponist, Texter, Arrangeur, Produzent und Vermarkter in Istanbul hinter Max Mutzke.

Für die Öffentlichkeit ist das die Gelegenheit, in dem für Blödeleien bekannten Fernsehunterhalter den Produzenten zu entdecken, der mit witzigen Ideen und professioneller Organisation zu einem der wichtigsten Manager der deutschen Schlagerbranche wird und langsam den Altvater Ralph Siegel ablöst. Raab, in dessen Büro im Mülheimer Viva-Gebäude der "Express"-Titel "Raab dreht durch" gerahmt an der Wand hängt, fühlt sich nicht verkannt: "Es fehlt aber manchem die Phantasie, hinter dem Klamauk die Substanz zu entdecken."

Cross-Marketing von Musik und Fernsehen

Raabs Methode beruht auf Improvisation und Organisation. Komponieren kann er überall. Zur Not singt er auf seinen Anrufbeantworter oder auf das Handy, dessen Abspielfunktion er allerdings noch immer nicht begreift. In seiner Pro-Sieben-Sendung "TV total" präsentiert er seit fünf Jahren (seit drei Jahren viermal in der Woche) mißglückte Fernsehauftritte, klampft auf der Gitarre und plaudert inzwischen mit den Gästen häufiger, als daß er sie bloßstellen würde. "Unvorbereitet in die Sendung zu gehen gehört zu meinem Selbstverständnis."

Andererseits nutzt er jede Gelegenheit, in der Sendung die von ihm produzierten Sänger herzuzeigen: Von diesem Montag an strahlt er "TV total" täglich aus Istanbul aus, wo am nächsten Samstag der Schlagerwettbewerb stattfindet. Das Cross-Marketing von Musik und Fernsehen, das er seit 1993 als Moderator bei Viva erlernte, kommt Raab doppelt zugute: Max bringt die Sendung nach vorn, und die Sendung bringt Max weiter. Auf beiden Seiten verdient Stefan Raab: Er produziert den Sänger und ist gleichzeitig an dem Viva-Media-AG-Tochterunternehmen Brainpool beteiligt, das für Pro Sieben noch bis mindestens Ende 2005 die Sendung herstellt - so lange läuft sein Moderatorenvertrag.

Ein Tonartwechsel am Ende

Raab selbst glaubt, daß die gute Behandlung der Musiker beim Casting Teil seines Erfolges ist. "Ich habe kein Schublädchen, in dem die fertigen Playbacks liegen. Die Leute müssen nicht singen, ohne daß sie die Tonlage beherrschen." So geschah es auch mit "Can't Wait Until Tonight" von Max. Den Titel hatte Raab schon im Herbst geschrieben, im Winter noch durch eine "Bridge" angereichert, den dritten musikalischen Teil, der das Lied vor allzu großer Einfachheit bewahrt.

Ein Tonartwechsel am Ende - im Schlager üblich - soll emotional berühren und das zunächst recht verhalten klingende Lied dramatisch aufwerten. Gedacht war der Song von vornherein für denjenigen, der die Veranstaltung gewinnt. Es hätte aber jeder singen können. "Der Song sollte nicht vom Arrangement abhängig sein." Die SSDSGPS-Kandidatin Bonita sang das Lied als Up-Tempo-Nummer, Max singt es als Ballade im mittleren Tempo mit Soul-Stimmung, Timbre, Gefühl und ein wenig Schmalz.

Der Klang beherrscht den Text

Den Text hatte Raab lange nicht. "Mich hat bei der Musik immer nur die Musik interessiert. Text ist Transportmittel für das Instrument Stimme." Auch "Can't Wait Until Tonight" sang Raab zunächst mit Nonsens-Blindtext. Im Winterurlaub schließlich tippte er einen Text in seinen Communicator, der phonetisch der ersten Nonsens-Version nahekam. Das wichtigste: "Es muß schön klingen!" Die wärmeren Laute passen ihm besser als die spitzen Vokale: "Mit I-Lauten mache ich das Lied nicht." Deshalb sei auch die englische Sprache tauglicher. (Für Max allerdings, der in wenigen Monaten eine eigene CD herausbringen soll, hat er auch schon ein Lied auf deutsch komponiert.) Der Klang beherrscht auch den Text. Daher kann Raab dem Text nur begrenzt Sinn verleihen: "Wenn sich reimtechnisch nichts findet, was da paßt, dann bieg' ich mir das halt zurecht." Raab kann es auch vornehmer formulieren: "Ich nehme mir die künstlerische Freiheit, Sprache zu modulieren."

Diese Freiheit hat sich Stefan Raab seit seiner Jugend genommen. Er besuchte von 1980 bis 1986 das Jesuiten-Internat in Bad Godesberg und wurde dort auch musikalisch geprägt. Mit Till Brönner, der heute zu den bekanntesten deutschen Trompetern zählt, und anderen spielte er in der Band "Sacropop" religiöse Rockmusik. Zu seinen prägenden Erfahrungen gehört nicht nur ein fast ungebrochenes Verhältnis zum Katholizismus - die Kirchenbesuche in seiner Heimatgemeinde St. Nikolaus im Stadtteil Sülz werden allerdings inzwischen durch Meßdiener erschwert, die sich ständig nach Raab umschauen. Auch die Begeisterung für dadaistische Experimente etwa in Kurt Schwitters' "Anna Blume" oder auch in der Werbung, für die er seit 1990 Jingles komponiert, hat ihn nicht losgelassen. Hinzu kam Hip-Hop. Raab, der gerne Soul-, Country- und Popmusik hört, trieb Ende der achtziger Jahre seinen Sinn für Nonsens-Texte so weit, daß er eine Rap-Platte voller sinnfreier Laute aufnahm. "Hoffentlich erblickt diese Platte nie das Licht der Öffentlichkeit!"

Nicht unbedingt auftreten

In dieser Tradition aus Litaneien und Blödeleien sind seine eigenen musikalischen Erfolge wie "Maschendrahtzaun" (1999), "Wadde hadde dudde da" (2000) und "Hol mir ma' 'ne Flasche Bier" (2000) zu sehen. Die Persiflage auf Bundeskanzler Gerhard Schröder im Polka-Rhythmus hält er noch heute für eine seiner besten Nummern. Schröders Worte an die Umstehenden seien populistisch gemeint gewesen. Da habe er sich gedacht: "Du willst Populismus - du bekommst Populismus!" Musikalischer Anspruch sei nicht mit dem Lied verbunden gewesen: "Dafür würde ich mir keinen Grammy verleihen, eher den Büchner-Preis!"

Raab kann sich durchaus vorstellen, mit seiner Fernsehsendung aufzuhören. Er wird am 20. Oktober 38 Jahre alt, und von seiner Freundin, mit der er zurückgezogen in Köln lebt, könnte er schon ein Kind bekommen haben. Man erfährt darüber nichts: Raab, der öffentliche Menschen satirisch auseinandernimmt, schirmt sich ab. Er ist mithin alt, erfahren und uneitel genug, aus dem Mittelpunkt des Geschehens in den Hintergrund zu rücken. "Ich habe alle beleidigt - das Thema wäre erledigt. Ich bin auf allem geritten, auf dem man reiten kann. Ich kann mich nicht zum fünften Mal im engen Anzug auf ein Pferd stellen." Auch in der Musik, die ihm mehr bedeutet als das Fernsehen, scheint sich ein Rückzug anzudeuten: Er wird weiter nächtelang schreiben, arrangieren, spielen, programmieren, mischen, mastern - aber eben nicht unbedingt auftreten. Auch in einem großen Projekt, das ihn schon seit anderthalb Jahren beschäftigt, arbeitet er hinter den Kulissen: Für den Film eines wichtigen deutschen Regisseurs komponiert er den Soundtrack.

Max als Vorgruppe

Musikalisch kommt Raab endgültig im Massengeschmack an. Max' Lied ist stärker von Melodie als von Rhythmus geprägt, stärker von einfacher Aussage als von kompliziertem Arrangement. "Man muß die Gratwanderung schaffen zwischen einem guten Popsong und einem anspruchsvollen Arrangement, das nicht überladen ist mit Synthesizer-Klängen." Zu dem Lied allerdings sagt die einzige deutsche Grand-Prix-Siegerin Nicole ("Ein bißchen Frieden"), Max könne nicht damit punkten, "wenn er drei Minuten auf seinem Hocker schläft". Raab sieht das anders: "Song und Künstler passen genau." Er sieht sich bestätigt durch die gute Plazierung in der Hitparade und die vielen Anfragen.

Internationale Pop-Größen haben schon nachgefragt, ob Max nicht als Vorgruppe bei ihren Tourneen auftreten will. Im Sommer, so Raab, gehe das noch nicht. Zunächst müssen Max mehr Lieder auf den Leib geschneidert werden. "Denn man kann noch so einen tollen Apparat dahinter haben - ohne Repertoire geht es nicht." Zuvor allerdings sollte Max, zwischen schriftlichen und mündlichen Abiturprüfungen, noch in Istanbul gewinnen. So richtig verbissen sehen der Produzent und sein Sänger den Auftritt nicht. Aber sie haben sicher nichts dagegen, wenn zum Spaß auch noch das Geld kommt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.2004, Nr. 108 / Seite 9
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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