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Veröffentlicht: 15.03.2009, 10:07 Uhr

Musik Die Krise klingt so cool

Wie klingen fallende Aktienkurse? Komponist Johannes Kreidler hat darauf eine überraschende Antwort gefunden. Aus sinkenden Kurs-Charts und steigenden Kurven etwa der Kriegstoten im Irak hat er ein provozierendes Medley der Krise gemacht.

von
© Leowee Polyester

In der Krise hat es die Kunst schwer. Wenn gespart wird, dann gerne an der Kultur. Der Berliner Avantgarde-Komponist Johannes Kreidler zum Beispiel bekommt das auch zu spüren. Für 2009 hatte er eine Hörspielproduktion mit dem Hessischen Rundfunk geplant. Ob daraus etwas wird, ist in Zeiten eingedampfter Etats fraglich. Auf seiner Homepage schlägt Kreidler, 29, freilich ganz andere Töne an. „Krisenzeiten sind immer gute Zeiten für die Kunst“, proklamiert er kühn. Als Beweis dient ihm sein neuestes Werk: „Charts Music“. Er nennt es „das teuerste Musikstück der Welt“ – der „Billion-Dollar-Song“ zur Weltwirtschaftskrise.

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Kreidler ist eigentlich kein Aufschneider, sondern einfach ein subtiler Vermarkter. Und, bei einem Künstler nicht überraschend, erklärtermaßen kein Freund des Kapitalismus: „Ich bin auf der linkeren Seite angesiedelt.“ Demzufolge hält er wenig von Börsen und Aktien. Was den Mann nicht davon abgehalten hat, sich Dax und Dow einmal unter künstlerischen Aspekten anzuschauen. Und siehe da: Die Börsenbarometer stellten sich in den vergangenen Monaten als, nun ja, sehr musikalisch heraus.

Hoffnungsfrohe Violinen

Kreidler entlockte ihnen und anderen Aktienkurven mit einer Software harmonische Melodien. Er zeichnete in die Charts mit einem Grafikprogramm Punkte ein und machte daraus Noten im traditionellen Fünf-Linien-System. Das Ergebnis ist ein drei Minuten und vier Sekunden langes Musikvideo, ein Chart-Medley. Gefällige Computermusik im Klingelton-Stil. Die Kurven weisen börsenbedingt drastisch nach unten, doch die gute Laune trübt das nicht: Bei Kreidler geht’s lustig los, und es endet lustig, auch wenn der Kurs noch so heftig in die Tiefe rauscht.

Die Kurvenbewegung von General Motors etwa begleiten himmelhoch jauchzende elektronische Geigen, als die Aktie sich bei 25 Dollar bewegt. Und auch auf dem aktuellen Niveau unterhalb der Marke von drei Dollar klingen die Violinen noch hoffnungsfroh. Optimistisch entwickelt sich das Lied beim Pleitechart von Lehman Brothers; eine fröhliche Klarinette gibt ihren frühlingshaften Kommentar zum Dow-Jones-Index im Winter.

Negative Reaktionen auf Kriegs-Chart

Die Idee zündet. Mehr als 400.000 Besucher haben sich im Internet Kreidlers Aktienvertonung angehört und angesehen. Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Nur den Chart mit den toten Soldaten im Irakkrieg (Kreidler wollte in seiner Musik-Collage auch ein paar nach oben strebende Grafiken), den nahmen ihm viele übel.

Was den Komponisten nicht anficht: „Da scheiden sich die Geister, aber das ist für mich als Künstler interessant, solche Meinungen herauszufordern.“ Die „Charts Music“ solle kein Gute-Laune-Song in Zeiten der Krise sein. Sondern vielmehr die „harmlose Ästhetik“ einer Microsoft-Software entblößen, die vorgibt, dass jeder sein eigener Komponist sein kann. Von der Kritik am Finanzsystem ganz zu schweigen.

Manager als Komponisten

Provokation ist schließlich Kreidlers Programm; „Kunst muss verdächtig sein“, sagt er. Der gebürtige Schwabe komponiert Zeitgenössisches für ein Nischenpublikum, wie „3300 Klänge für zehn Instrumentalisten“ oder „windowed 3 für Cello und Computer mit Zimmerlautsprecher“.

Publicityträchtiger ist jedoch seine Aktionskunst. Bei der Urheberrechtsorganisation Gema fuhr er in Berlin mit einem Kleinlaster vor. Der Inhalt: Papierberge. Kreidler hatte aus 70 200 Mini-Sound-Schnipseln ein 33 Sekunden langes Stück komponiert. Weil Fremdmaterial der Gema gemeldet werden muss, brachte er 70 200 Antragsformulare mit, für jeden Tonschnipsel eines.

Die Lust an der Zumutung zeigt sich auch beim Projekt „Charts Music“. Spätestens wenn Kreidler in seinem Charts-Musikvideo die Manager von Lehman Brothers und General Motors als Komponisten nennt und der Satz auftaucht: „Crisis sounds so cool“ – die Krise klingt so cool –, spätestens dann weiß man, wie es der Mann meint.

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