16.11.2004 · Ist es wirklich der Schädel des Musikgenies oder ist er es nicht? In Salzburg untersuchen Gerichtsmediziner vor dem Gedenkjahr 2006, ob der Mozart-Schädel der Stiftung Mozarteum echt ist.
Von Reinhard OltDie Aktion begann pünktlich vor Allerseelen. Angetrieben vom Österreichischen Rundfunk (ORF) und vom Kulturkanal Arte, die für 2006 eine Gemeinschaftsproduktion vorbereiten, machen sich Archäologen und Gerichtsmediziner auf dem Salzburger Sebastiansfriedhof an einer Grabstätte zu schaffen, in der Gebeine von Angehörigen Wolfgang Amadeus Mozarts liegen sollen. Sie wollen herausfinden, ob der von der Stiftung Mozarteum aufbewahrte Schädel wirklich der Kopf Mozarts ist. Das Erbgut von "Wolferls" Verwandten, so der beteiligte Wiener Gerichtsmediziner Christian Reiter, könnte den entscheidenden Beweis zur Klärung liefern.
Bisher hat man drei nebeneinanderliegende Grabstellen freigelegt. Im mittleren Grab fanden die Archäologen das gut erhaltene Skelett einer jungen Frau, die nicht älter als 20 Jahre wurde. Dabei könnte es sich um die Knochen Jeanettes handeln, der im Alter von 16 Jahren verstorbenen Nichte des Komponisten. Genaueres wird man erst nach den DNA-Analysen sagen können. Reiter, der auch schon die Überreste des Arztes Paracelsus untersucht hat, sind auch die Gebeine der Mozart-Familie anvertraut worden. Bürgermeister Heinz Schaden genehmigte die Untersuchungen, die den Weg zum Mozart-Schädel eröffnen sollen. Nicht von Exhumierung, sondern von Grabung spricht man. Beteiligt sind der Stadtarchäologe Wilfried Kovacsovics und Joachim Hötzinger, der Leiter des Gesundheitsamtes.
Zuviele Knochen
Für den Gerichtsmediziner sind die weiblichen Erblinien zielführend. Die mitochondriale DNA wird über die Mutter weitergegeben. Im Falle Mozarts und seiner Schwester "Nannerl" wäre deren Erbgut direkt mit jenem ihrer Tochter Jeanette vergleichbar und würde so die heiße Spur zu Wolferls Schädel liefern. Auch Untersuchungen am Skelett Nannerls sind vonnöten. Über die Genehmigung zur Sichtung ihrer Gebeine in der Familiengruft in St. Peter wird aber noch verhandelt.
Die Situation im Sebastiansfriedhof ist nach Reiters Bekunden verworren. So habe man in einem Kindersarg vier umgebettete Individuen entdeckt. Insgesamt wurden bei den Arbeiten an den drei in Frage stehenden Grabstellen neun Schädel und zahlreiche Knochenfragmente geborgen, obwohl dort nur sechs Personen bestattet worden sein sollen: unter ihnen Mozarts Vater Leopold ebenso wie Wolfgangs Frau Konstanze und - laut Grabstein - eben auch Jeanette.
Echt unecht
Um Mozarts Schädel hatte sich schon vor Jahren eine wissenschaftliche Groteske entsponnen. Auf dem Weltkongreß der Rechtsmediziner in Düsseldorf 1993 wähnte ihn der Franzose Pierre-François Puech in Gefahr. Neben natürlichem Zerfall bedrohten auch Bakterien die Knochensubstanz. Um biologische und genetische Studien für die Zukunft zu sichern, sollte sich die Internationale Gesellschaft für Rechtsmedizin beim Mozarteum in Salzburg für die "sachgerechte Konservierung und Lagerung des Musikerschädels" einsetzen, so Puech.
"Der Puech kann reden, was er will, es ist wissenschaftlich bewiesen, daß unser Schädel nicht der Mozarts ist", entgegnete damals Rudolf Angermüller, Generalsekretär der Stiftung Mozarteum. Das "Knochengebilde" im Besitz der Stiftung weise mehr Zähne auf, als Salzburgs großer Sohn in Wirklichkeit gehabt hatte, so Angermüller - "und die werden ihm in unserem Tresor ja wohl nicht nachgewachsen sein".
Der Fall beschäftigte die Spitzen der Gerichtsmedizin. Zunächst kamen die Anthropologen Herbert Kritscher und Johann Szilvassy, die an der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien im Auftrag der Stiftung eine Weichteilrekonstruktion des Schädels durchgeführt hatten, zu dem Ergebnis, daß es sich "um den Schädel von Wolfgang Amadeus Mozart handeln müßte, sofern man die naturwissenschaftliche Beweisführung als Methode akzeptiert" - gemeint waren Untersuchungen mit morphologischen, metrischen, radiologischen, biostatistischen, photographischen und perigraphischen Methoden sowie Befunde über vier Haare ebenfalls aus dem Besitz der Stiftung.
Vom Totengräber verscherbelt
Nach der Besitzüberlieferung war der Mozart-Schädel um die Wende zum 20. Jahrhundert aus dem Nachlaß des Bruders des berühmten Anatomen Josef Hyrtl in den Besitz der Salzburger Stiftung gekommen. An die Stirn des Totenkopfs hatte Hyrtl einen Zettel geklebt: "Vom Todtengräber Jos. Rothmayer, welcher sich die Stelle merkte, wo er Mozarts Sarg einscharrte, bei der Leerung der Gemeingrube 1801 gerettet, und von seinem Nachfolger Jos. Radschopf, meinem Bruder Jacob geschenkt. 1842".
Die Echtheit der Handschrift ist zwar bestätigt. Doch die Angaben hielten einer historischen Beweisführung nicht stand: Totengräber Rothmayer hatte sein Amt erst um 1802 angetreten. Daher sollte vermutlich mit der Überlieferungsgeschichte nur Leichenfledderei verschleiert werden. Denn ungeachtet aller Verbote verscherbelten Totengräber Gebeine namhafter Verstorbener. Totengräber Rothmayer könnte sich also aus Eigennutz die Stelle gemerkt haben. Gleichwohl wurde die Rekonstruktion mit Mozart-Porträts verglichen: Das Familienbild von J. N. della Croce zeigte eine hochgradige Identität mit der Weichteilrekonstruktion.
Was der Schädel über den Menschen verrät
Der anthropologische Befund wies den Schädel als den eines zartwüchsigen Menschen der alpiniden Bevölkerung im Alter zwischen 25 und 40 Jahren aus. An den Zähnen war abzulesen, daß er im 24., 31., 45. und 54. Lebensmonat fieberhafte Erkrankungen durchlitten hatte. Die Bruchlinie an der linken Schläfenregion identifizierten die Wissenschaftler als eine lange zurückliegende Fraktur, möglicherweise Folge des Kutschenunfalls 1771 auf der Reise von Neapel nach Rom.
Als Besonderheit erwies sich eine "Ruga frontalie transversalia" des Hirnschädels: Riefen oder Längsrinnen, die durch Stirnrunzeln oder das Heben der Augenbrauen entstanden. Drei der untersuchten Haupthaare stammten von ein und derselben Person. Das vierte Haar, um einiges dicker, dürfte von Mozarts Perücke stammen. Eine exakte Zuordnung der Haare zum Schädel war jedoch beim damaligen Forschungsstand noch nicht vertretbar, so der Anthropologe Johann Szilvassy. DNA-Analysen könnten einen derartigen Beweis erbringen - und der Kopf könnte als authentisch anerkannt werden.
Naturwissenschaft kontra Geschichte
In der Wiener Stadtbibliothek tauchte im April 1991 im "Vorgeordneten Nachlaß von Ludwig August Frankl" das Originalmanuskript mit dem Titel "Mozarts Schädel ist gefunden" auf. Frankls Beschreibung des Mozart-Schädels war am 8. Januar 1892 in der "Neuen Freien Presse" abgedruckt worden. Darin war die Anzahl der Zähne mit sieben angegeben - der Salzburger Schädel weist elf Zähne im Oberkiefer auf. Neu war, daß Hyrtl die Richtigkeit des Manuskripts bestätigt hatte. Womöglich hatte man der Stiftung einen falschen Schädel untergeschoben. Andererseits besaß die Darstellung Frankls Ähnlichkeit mit dem Salzburger Schädel: Der "naturwissenschaftlichen Beweisführung" stand damit die "historische" entgegen.
Der Salzburger Paläontologe Gottfried Tichy war 1998 nach umfangreichen Untersuchungen von der Echtheit des Schädels überzeugt. Sein Befund fußt auf dem Mozart-Porträt Dorothea Stocks, einer Zeitgenossin des Komponisten. Tichy vergrößerte und verglich es mit dem Schädelknochen und stellte "exakte Übereinstimmung" fest. Es handle sich um den kleinen Kopf eines Mannes unter vierzig mit steiler Stirn, einem etwas vorgeschobenen Oberkiefer und kleinen Augenhöhlen, die für die hervortretenden Augen des Komponisten verantwortlich sein könnten. All diese Merkmale seien durch Porträts und Briefwechsel dokumentiert.
Auch die Krankheiten Wolferls seien demnach kein Geheimnis mehr: Rachitis habe der Träger dieses Kopfes gehabt, der erste Stockzahn war von Karies stark in Mitleidenschaft gezogen, links wies der Knochen einen verheilten Schädelbruch auf, dessen Spätfolgen zum Tod geführt haben könnten.
Ein Gebeine-Sammelsurium
Die Überlieferung zu Mozarts Ableben und Bestattung ist dürftig, aber einigermaßen plausibel. "In aller Stille" fand die Beisetzung statt. Bereits am Stubentor hatte sich der kümmerliche Trauerzug aufgelöst, der sich am 6. Dezember 1791 nachmittags vom Stephansdom aus auf den Weg nach St. Marx machte. Kapellmeister Roser und der Cellist Orsler vom Hoftheaterorchester sowie Mozarts letzter Schüler Süßmaier waren die einzigen drei Aufrechten, die der Bahre folgten und dann doch bei anbrechender Dunkelheit vor Regen und Schnee kapitulierten. Unter den Trauergästen bei der Einsegnung in der Kreuzkapelle zu St. Stephan hatte sich zuvor auch noch Antonio Salieri befunden, Mozarts Kongenium.
Ohne Zeugen lieferte der Kutscher des Leichenwagens seine Fracht beim Totengräber am Friedhof von St. Marx ab, der wohl erst am nächsten Tage seine Arbeit verrichtet haben dürfte. Sechzehn Särge pflegte man in einem Schachtgrab zu verstauen. Jeweils vier Särge nebeneinander wurden mit Erde überschüttet, ehe der nächste "Belag" folgte. Mozart dürfte als erster links in der obersten Lage in die Grube gekommen sein, die nach zehn Jahren zur neuerlichen Belegung wieder geöffnet wurde. Der Mozart-Kopf dürfte daher 1801 dem vorhandenen Gebeine-Sammelsurium entnommen worden sein - und kam sodann über die Sammlung Hyrtls nach Salzburg.
Friedhofsplanung
Ein derart schnörkelloses Begräbnis war nach dem Geschmack Josephs II., dem der Friedhof von St. Marx seine Entstehung verdankt. In den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts ordnete der Sohn Maria Theresias "Eingrabungen ohne Gepränge" an. Der wiederverwendbare Klappsarg sorgte dafür, daß jeder auf dieselbe Weise unter die Erde gebracht wurde. Dieser Umgang mit dem Tod hielt sich indes nicht lange. Der Kaiser ließ "alle Grüfte, Kirchhöfe oder sogenannten Gottesäcker, die sich inner dem Umfange der Ortschaften befinden" schließen und fünf neue "communale Leichenhöfe außer den Linien" planen.
Einer war der zu St. Marx, auf dem die ersten Gräber aus dem Eröffnungsjahr 1784 stammten, die letzten dann 1873 ausgehoben worden waren, weil der Zentralfriedhof errichtet wurde, auf dem einmal Platz sein sollte für die Abgängigen einer Weltreich-Kapitale, die seinerzeit für vier Millionen Bürger konzipiert worden war.
Was von ihm blieb
St. Marx wurde nicht mehr belegt, allerdings auch nicht aufgelassen und eingeebnet. So ist er bis heute als Biedermeierfriedhof beliebtes Ziel von Spaziergängern und unbestrittene Mozart-Ruhestätte. Nur wo exakt seine Gebeine nach der "Lagen-Ausräumung" 1801 zu finden sein könnten, ist nicht ganz gewiß. Schon 1841 war ein Streit um die genaue Lage der Ruhestätte entbrannt. Man zog sogar in Zweifel, ob St. Marx überhaupt der richtige Friedhof sei. Weil prominente Tote in Ehrengräber auf den Zentralfriedhof umgebettet wurden, verbrachte man auch das Mozart-Denkmal von 1859 zum 100. Todestag des Komponisten dorthin. Zurück blieb zunächst ein öder Platz, auf dem ein Verehrer eine Grabplatte mit dem eingehauenen Namen Mozarts aufstellte. Friedhofswärter Alexander Kugler gab ihr später einen Säulenstumpf, einen Engel und eine Steintafel bei.
1950 wurden die Kriegsschäden an der Gedenkstätte beseitigt. In restaurierter Form präsentiert sich die Ruhestätte bis heute. Und obwohl über den St. Marxer Friedhof längst auf Betonstelzen der Autobahnverkehr hinwegrast, besuchen viele Touristen die Mozart-Grabstätte. Am 5. Dezember zur Todesstunde des Meisters um 0.50 Uhr kommt die engere Mozart-Gemeinde. Am hellichten Tag dann zieht es auch Repräsentanten der Musikfreunde und des Konzerthauses, der Opern und Theater, der Philharmoniker und Symphoniker hierher. Meist legen sie einen Kranz nieder: ohne Musik, ohne Ansprachen. Für sie ist Mozarts musikalische Hinterlassenschaft bestimmend, nicht das, was von ihm blieb - zu St. Marx in der Erde und in Salzburg im Panzerschrank.
Reinhard Olt Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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