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Mount Everest "Ihr werdet als Deppen zurückkommen"

27.05.2003 ·  Vor 25 Jahren bestiegen Reinhold Messner und Peter Habeler den Mount Everest ohne Sauerstoffgeräte. Eine dramatische Exkursion am Rande der menschlichen Belastbarkeit.

Von Bernd Steinle
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Die Nacht im Zelt war kurz und eisig. Drei Uhr morgens, der Tag beginnt mit Teekochen, Anziehen, Fertigmachen zum Abmarsch. In knapp 8000 Meter Höhe eine stundenlange Prozedur. Um halb sechs endlich steigen Peter Habeler und Reinhold Messner aus dem Zelt nach draußen. Beißende Kälte. Wolken verbergen den tags zuvor noch blauen Himmel, ein scharfer Wind treibt Graupelkörner über den Sattel, dicke Nebelballen verhüllen die Täler. Sie wissen, dieser Tag ist ihre letzte Chance, einen gescheiterten Versuch haben sie schon hinter sich. Und so stapfen sie los, mit bleischweren Beinen.

Es ist der 8. Mai 1978, der Tag, an dem die beiden als erste Menschen ohne künstlichen Sauerstoff den Gipfel des Mount Everest erreichen wollen. "Ihr werdet als Deppen zurückkommen", haben die Ärzte sie gewarnt. Absterbende Gehirn- und Gewebezellen, drohende Bewußtlosigkeit, Verlust von Konzentration und kontrolliertem Denken: Wegen der unberechenbaren physiologischen Folgen des geringen Sauerstoffgehalts der Luft erscheint eine Besteigung des Everest ohne künstlichen Sauerstoff vielen Fachleuten als Himmelfahrtskommando. Dagegen stehen die Erfahrungen Messners und Habelers an anderen, niedrigeren Achttausendern und die Überzeugung der beiden Expeditionsärzte Raimund Margreiter und Oswald Ölz, die den Everest bei optimalem Training und richtiger Akklimatisierung auch ohne Sauerstoffgeräte für machbar halten. Das Rezept Habelers und Messners ist einfach: mit wenig Ausrüstung schnell auf- und absteigen, möglichst wenig Zeit in kräftezehrenden Höhen verbringen. Die klettertechnischen Fähigkeiten haben sie sich über Jahre in den Alpen erworben. Körperlich sind sie in Höchstform. Dennoch bleiben Zweifel.

Angst vor der Atemnot

"Nie hatte ich am Berg so viele ängstliche Momente wie dort", sagt der heute 60 Jahre alte Habeler. Die Ungewißheit über die Auswirkungen des Sauerstoffmangels, die Unsicherheit, wie der Körper reagieren wird, die Warnungen vor bleibenden körperlichen Schäden. "Ich wollte unbedingt gesund zurückkommen." Zurück zu Frau und Sohn, zurück zu dem Haus, das er im Zillertal, hoch über seinem Heimatort Mayrhofen, zu bauen begonnen hatte. Messner ist entschlossen, es auf jeden Fall zu versuchen. Heute sagt er zur ewigen Frage nach dem Sinn des Bergsteigens: "Vielleicht steigen wir nur hinauf, um wieder zu den Menschen zurückzukommen." Als der Österreicher Robert Schauer, als zäher, ausdauernder Bergsteiger bekannt, nach seinem Gipfelgang berichtet, ohne zusätzlichen Sauerstoff hätte er es nicht geschafft, ist Habeler hin- und hergerissen. Schließlich fragt er Ölz, ob dieser mit ihm eine Zweierseilschaft bildet - mit Sauerstoff. Doch Ölz ist für eine andere Gipfelgruppe vorgesehen. Deren Mitglieder sind verärgert über Habelers Gesinnungswandel. Als dieser das erfährt, steht seine Entscheidung fest. "Ich gehe mit dir", sagt er zu Messner. Ölz erreicht den 8850 Meter hohen Gipfel später mit einem anderen Seilpartner, Reinhard Karl, dem ersten Deutschen auf dem Everest. Beide gehen mit Sauerstoff.

Messner und Habeler starten am 6. Mai vom Lager II aus nach oben. Ohne Sauerstoff. Der Gang zum Gipfel ist ein einsamer Kampf. Zwanzig Meter gehen, auf den Eispickel gestützt ausruhen, wieder zwanzig Meter gehen. "Eine monotone Stapferei", sagt Habeler. Sie versuchen hart gefrorenen Schnee zu finden und brechen doch immer wieder bis zu den Knien ein. Es ist auch ein stummer Kampf. Zum Reden ist die Luft zu knapp. Irgendwann spürt Habeler einen Krampf in der rechten Hand. Der Sauerstoffmangel? Er wartet, massiert, lockert die Hand. Und steigt weiter.

Das Gehirn wie mit Watte gefüllt

Später berichten beide, in den dichten Wolken völlig das Gefühl verloren zu haben, am höchsten Berg der Welt unterwegs zu sein. "In dieser Höhe ist das Gehirn wie mit Watte gefüllt", sagt Messner. "Ich trat aus mir heraus und hatte das Gefühl, daß da ein anderer an meiner Stelle ging", sagt Habeler. Am Ende wird aus dem Gehen ein Kriechen. Automatisierte Bewegungen. Bis es endlich vorbei ist, sie auf dem Gipfel stehen. Für große Freude ist kein Platz, keine Zeit, keine Luft. "Da oben hast du nicht mehr viel in der Birne", sagt Habeler.

Er spürt wieder den Krampf in der rechten Hand. Während Messner noch filmt und fotografiert, beginnt er abzusteigen. Ein kurzer Gegenanstieg am 8751 Meter hohen Südgipfel kostet ihn die letzte Kraft. "Es war eine verheerende Situation." Auf Ellbogen, Unterarmen, Knien und Unterschenkeln kriecht er, robbt er hinauf. Oben hat er nur noch eins im Sinn: raus aus dieser Todeszone. Er setzt sich in den Schnee und rutscht die Ostflanke hinab, fährt im Sitzen den Steilhang hinunter, Stück für Stück. Einmal überschlägt Habeler sich, verliert Pickel und Brille. "Ich habe viel Glück gehabt." Kurz vor dem Lager verstaucht er sich den Knöchel, was ihm beim weiteren Abstieg noch heftige Schmerzen bereitet. Eine Stunde benötigt er vom Gipfel zurück ins Lager, nach acht Stunden Aufstieg. Weltrekord, noch heute.

"Ich war wieder zu Hause"

Messner leidet in der Nacht unter rasenden Augenschmerzen. Schneeblindheit. Obwohl beide völlig entkräftet sind, schaffen sie den Weg zurück ins Basislager. Am 10. Mai kommen sie an. Die Journalisten warten schon. Erst jetzt, in Sicherheit, kommt richtige Gipfelfreude auf. Wenig später trifft Habeler im nahen Ort Khumde Edmund Hillary, der 25 Jahre zuvor mit dem Sherpa Tenzing Norgay erstmals den Gipfel des Mount Everest erreicht hatte. Hillary gratuliert, freut sich mit Messner und Habeler über deren Erfolg. "Er hatte keinerlei Neidgefühle", sagt Habeler, "ein toller Mann mit einer menschlichen Art." Dann, endlich, geht es zurück in die Heimat, nach Mayrhofen. Habelers Buch über die Expedition endet mit den Sätzen: "Es war der 22. Mai. Ich war wieder zu Hause."

Mayrhofen im Zillertal, 3600 Einwohner, 7900 Gästebetten. Ein Ort, schön wie in der Tourismuswerbung. Gleich hinter dem Ortsrand schießen steile Hänge nach oben, über grünen Wäldern und Wiesen thronen schartige Felsen und puderzuckerweiße Gipfel. Hier im Zillertal war Peter Habeler schon als Achtjähriger mit Bergführern unterwegs. "Ich hatte das Glück, oft mit guten Leuten zusammenzusein und viel von ihnen zu lernen." Früh reizten ihn extreme Touren, große Wände, schwierige Routen. Er kletterte 1966 den Freney-Pfeiler am Mont-Blanc, damals "das Nonplusultra in Europa". 1969 folgte die Erstdurchsteigung der Yerupaja-Ostwand in den peruanischen Anden, 1971 die Durchsteigung der Südwestwand des El Capitan im Yosemite National Park im amerikanischen Westen, zu dieser Zeit eine der schwierigsten Klettertouren der Welt. Am Yerupaja war er mit einem Südtiroler Bergsteiger unterwegs, den er als Zwanzigjähriger in den Dolomiten kennengelernt hatte - Reinhold Messner.

Grenzenloses Vertrauen

Mit geringstem technischen Aufwand und leichter Ausrüstung kletterten die beiden weitere große Wände: in knapp neun Stunden durch die Eiger-Nordwand, in vier Stunden durch die Matterhorn-Nordwand. In diesem "Alpin-Stil" schafften sie auch 1975 in wenigen Tagen den 8068 Meter hohen Hidden Peak im Karakorum: zu zweit, ohne Fixseile, ohne Sauerstoffgerät, ohne Hochträger. "Wir wollten das Bergsteigen zurückführen auf das, was es sein sollte: eine fruchtbare Auseinandersetzung des menschlichen Geistes und der menschlichen Kraft mit der Natur", sagt Habeler. Diese Auseinandersetzung trugen sie an den ultimativen Schauplatz: den Everest.

Das gegenseitige Vertrauen der Seilgefährten war grenzenlos. "Wir wußten beide, der andere macht keine Fehler. Wir kannten unsere Stärke, wir mußten uns nichts beweisen." Sie beflügelten sich gegenseitig, lieferten sich oft einen spielerischen Wettkampf am Berg, beseelt vom Ehrgeiz, schneller zu sein, besser zu sein als der andere. Häufig kletterten sie ohne Seilsicherung, in der Gewißheit: Der andere macht das. "Wenn ich mit Messner unterwegs war, konnte ich sicher sein: Der fliegt nicht runter. Und das ist er auch nie."

Ernüchterndes Wiedersehen mit dem Berg

Nach dem Erfolg am Everest trennten sich ihre Wege. Habeler zog sich vorerst von den höchsten Bergen zurück, Messner bewältigte zwei Jahre später den Everest im Alleingang und wird der erste Bergsteiger, der alle vierzehn Achttausender schafft. Zudem gibt es Streit um einige Passagen in ihren Everest-Büchern. Heute, sagt Habeler, "sind die Wogen geglättet". 1984 kehrte Habeler nach Touren in Alaska und Südamerika in den Himalaja zurück, scheiterte aber am K2. Ein Jahr später stand er auf dem Nanga Parbat (8125 Meter), 1986 auf dem Cho Oyu (8201 Meter) und 1988 auf dem Kangchendzönga, dem mit 8586 Meter dritthöchsten Berg der Erde. Zweimal noch kam Habeler zum Everest zurück. Beide Male hatte er Pech. Schlechtes Wetter, zuletzt, im Frühjahr 2000, zog sich erst seine Partnerin, dann er ein Lungenödem zu.

Auch in anderer Hinsicht war das Wiedersehen mit dem Everest ernüchternd. "Es war der gleiche Berg, aber er war in Fesseln geschlagen." Fixseile laufen wie Geländer über die Lhotse-Flanke und fast durchgehend vom Südsattel (7986 Meter) bis zum Gipfel. An schönen Tagen windet sich eine bunte Menschenschlange über den Gipfelgrat. Auf dem Gipfel stehen sich Dutzende Bergsteiger auf den Füßen, viele von ihnen Hobbybergler, die den Everest für zigtausend Dollar als Pauschalreise buchen. Sind das die Geister, die Messner und Habeler mit ihren Büchern und Dia-Shows riefen? "Ich glaube nicht, daß unser Einfluß so groß war", sagt Habeler. "Es gehen ja heute die wenigsten ohne Sauerstoff zum Gipfel."

Es kann vermeintlich jeder schaffen

Die Statistik gibt ihm recht. Nach 1978 sank die Zahl der erfolgreichen Everest-Besteigungen - bis 1985. Das war das Jahr, in dem der 55 Jahre alte texanische Ölmillionär Dick Bass den Gipfel erreichte, geführt von David Breashears, einem der besten amerikanischen Bergsteiger. Das Signal war klar: Bei richtiger Vorbereitung und Betreuung kann es - vermeintlich - jeder schaffen. 1990 standen schon 72 Menschen auf dem Gipfel, drei Jahre später 129. Es gab kein Jahr, in dem am Everest nicht Menschen ums Leben kamen, allein 1996 waren es fünfzehn Bergsteiger. Und trotzdem schoß die Zahl der Besteigungen in die Höhe: im Jahr 2000 auf 145, ein Jahr darauf auf 182. Tausende haben sich am Everest versucht. In diesem Jahr sind es knapp 40 Expeditionen.

Habeler tut sich schwer, das bedingungslose Verlangen von Hobbyalpinisten, einmal auf dem höchsten Berg der Welt zu stehen, nachzuvollziehen. "Das soll jetzt nicht elitär klingen, aber ich finde, diese Berge sollten jenen vorbehalten bleiben, die sich mit der Materie genau auseinandergesetzt haben." Jeder könne tun und lassen, was er will, das Gebirge sei frei für alle. Ohne einen Bezug zum Berg aber verkümmere das Everest-Erlebnis zur teuer bezahlten, mit gewaltigen Erwartungen verknüpften Gipfeljagd. "Viele meinen, sie finden das große Glück, wenn sie nach Nepal fahren", sagt Habeler. "Das stimmt nicht. Dafür muß man nicht weit weg fahren. Das große Glück kann ein kleiner Berg hinterm Haus sein."

"Der Everest hat uns lediglich geduldet"

Peter Habeler hat dem Everest viel zu verdanken. Der Everest machte ihn prominent, wenn er auch nicht meterweise die Bücherregale füllt wie Messner, kein Schloßherr geworden ist, kein Europaparlamentarier und kein Wüstendurchquerer. Habeler führt eine Ski- und Alpinschule in Mayrhofen, wurde wegen seiner alpinistischen Kenntnisse zum Professor ernannt und zum juristischen Gutachter berufen. Der Everest aber hat ihn auch viel gekostet. Er weckte den Wunsch, weitere Achttausender zu besteigen, zu reisen, unterwegs zu sein. "Ich war kaum noch zu Hause, und das war Gift für die Familie." Habeler hat sich, wie er sagt, für den Berg entschieden. Sein Buch heißt "Der einsame Sieg". Ein Sieg nicht über den Berg, sondern höchstens über den eigenen Körper, die eigene Angst. "Der Everest ist von uns nicht besiegt, nicht bezwungen worden. Er hat uns lediglich geduldet."

Bis heute haben 88 Menschen den Mount Everest ohne Sauerstoff bestiegen. Acht von ihnen kamen ums Leben. Alle auf dem Abstieg.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2003, Nr. 105 / Seite 9
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Jahrgang 1970, Sportredakteur.

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