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Mount Everest Der Held vom Dach der Welt

27.05.2003 ·  Am 29. Mai 1953 stand Edmund Hillary mit Tenzing Norgay auf dem Mount Everest. Fünfzig Jahre später feiert der 83jährige Neuseeländer mit viel Whisky und seinen Freunden, den Sherpas, in Katmandu.

Von Erhard Haubold
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Bergsteigen ist die Eroberung des Nutzlosen. Da ist Sir Edmund Hillary einer Meinung mit seinem Freund Reinhold Messner. Dennoch würde er es wieder tun, wenn er noch einmal 34 wäre. Über den Rummel wundert er sich ebenso wie darüber, daß es kein kritisches Buch über ihn gibt - so gut ging es nicht einmal Mutter Teresa. Hillary ist berühmt, aber nicht überheblich geworden.

Vor seinem Haus in Auckland wird keiner abgewiesen, der ihm die Hand schütteln und ein Autogramm mitnehmen will. Er hat, ein schwerer Schicksalsschlag, seine erste Frau und eine seiner Töchter bei einem Flugzeugunglück in Nepal verloren. Und es ist ihm nicht gelungen, das Bergsteigen an dem überlaufenen Schicksalsberg ein paar Jahre lang aussetzen zu lassen: Die Regierung in Katmandu braucht die Devisen. Ansonsten aber schaut der Dreiundachtzigjährige auf ein gesegnetes Leben zurück.

War Mallory doch der Erste?

Vor fünfzig Jahren, am 29. Mai kurz vor Mittag, stand der Neuseeländer Edmund Hillary als erster Mensch auf dem höchsten Gipfel der Welt. Oder war der Brite George Mallory doch vor ihm da, dreißig Jahre früher? Seine schneeweiße Leiche wurde 1999 gefunden, nicht jedoch die kleine Kamera, die er oder sein Partner Sandy Irvine in der Hosentasche gehabt haben sollen.

Aber selbst wenn es da noch Überraschungen geben sollte: "Ich würde mich nicht beschweren", sagt Hillary. "Ich hatte fünfzig Jahre, um einen Helden der Welt zu spielen." Im übrigen habe das Extrembergsteigen immer zwei Seiten: Man müsse hinauf-, aber dann auch wieder lebend herunterkommen. Und dieser zweite Teil der Geschichte sei Mallory nicht gelungen. Die meisten Unfälle passieren auf dem Heimweg, wenn Konzentration und Anspannung nachlassen, wenn der Wind heftiger wird und die Kälte beißender.

"Primadonnen" am Berg

Berühmtheit fördert Gerüchte und Anekdoten. Das Schlimmste für ihn sei eine Frau im Gipfelteam? Nein, das habe er nie gesagt. Aber ja, er und Sherpa Tenzing Norgay haben vom Everest auf die Welt geschaut und dann ihre Blasen erleichtert. Schließlich sei das auch ein Erfolg der Expeditionsärzte, die ihnen immer geraten hatten, soviel zu trinken wie möglich.

In den letzten fünfzig Jahren sind mehr als 1.200 Menschen den Spuren Hillarys und Tenzings gefolgt, 175 haben am Everest ihr Leben gelassen. Den höchsten Gipfel der Welt kann man heute im Reisebüro buchen. Mit 65.000 Dollar könne es heute fast jeder schaffen, grummelt Hillary, der von "Primadonnen" spricht, die sich am Ziel fotografieren lassen, nachdem moderne Technik und bereits angebrachte Leitern und Seile beim Aufstieg geholfen haben.

Der heutige Wettlauf: Blinde, Kinder, Senioren

Das Laufen in ausgetretenen Spuren sei "kaum Bergsteigen im eigentlichen Sinn". Das nächste Mal "schicken sie vielleicht einen Bus", sagte er 1993, als an einem Tag vierzig Menschen den Gipfel erreichten. Eine Fünfzehnjährige, ein Blinder, ein Siebzigjähriger - viele waren schon oben. Kleidung und Zelte von Hillary und Tenzing waren archaisch, ihre Sauerstoffflaschen dreimal schwerer als die heute verwendeten. Und während früher die Spitzenkletterer von der Royal Geographical Society in London handverlesen waren, so meint Hillary, habe heute auch der übergewichtige Globetrotter Zugang.

Hillary signalisierte den Sieg per V-Zeichen aus Mittel- und Zeigefinger an das vorgeschobene Lager. Von dort expedierte "Times"-Reporter James Morris die gute Nachricht nach London, wo sie gerade rechtzeitig zur Krönung von Königin Elisabeth II. eintraf. Heute klappen die Gipfelstürmer ihr Satellitentelefon auf, wenn sie am Ziel sind. Auch Peter Hillary hat vor ein paar Jahren so mit seinem Vater in Auckland gesprochen. Viele beklagen den heutigen Zustand. Im vergangenen Jahr hat ein japanisches Team vier Tonnen Abfall und mehrere Leichen von dem Berg heruntergeschafft, den die Sherpas mit großem Respekt lieber Chomolungma oder Muttergöttin der Welt nennen und der in den Worten Tashi Tenzings, eines Enkels von Norgay, nicht zu einem "Disneyland Asiens" verkommen soll.

Ein "einfacher Neuseeländer"

Daß er möglicherweise die ersten Schritte tat zu Entmystifizierung und Kommerzialisierung, bereut Sir Edmund nicht. Eher hat es ihn geärgert, daß die Königin nicht auch den treuen Gefährten Tenzing Norgay geadelt hat, mit dem er später, als neuseeländischer Botschafter in Delhi, häufig zusammentraf. "Wir haben Glück gehabt", sagt Hillary zu seiner Lebensleistung. "Wir mußten alles selbst machen. Wir legten Seile und Leitern, vor uns war keiner. Und dann lag die Welt unter meinen klobigen Stiefeln." Verzweiflung, Ausgezehrtsein und Einsamkeit waren überwunden. Ja, im Gipfelschnee hat er ein kleines Kruzifix vergraben - im Auftrag des Expeditionsleiters John Hunt. Er selbst sei nie besonders religiös gewesen und habe auch auf den letzten 300 Metern nicht gebetet. "Ich habe einfach Stufen geschlagen und mich gefragt, ob das Eis wohl halten würde. Und habe mich langsam hinaufgeschoben, Tenzing kam dicht hinter mir."

So redet ein Mann mit Weltruhm, den sie in der Heimat zu einem der größten Neuseeländer erklärt und auf der Fünf-Dollar-Note abgebildet haben. Der ganz nebenbei seine acht Ehrendoktorate erwähnt. Der jeden Tag Reporter empfängt, mit gleichbleibender Freundlichkeit und Geduld. Der sich als einen "einfachen Neuseeländer" bezeichnet und den die Taxifahrer in Auckland einen "bloke" nennen, einen Kumpel. Edmund Hillary ist bescheiden geblieben, auch wenn sie ihn in Nepal, wo er den Sherpas zwei Krankenhäuser, zwölf medizinische Stationen und 27 Schulen gebaut hat, einen "burra sahib" nennen - einen großen Mann.

Fit durch Arbeit an den Bienenstöcken

Das mag auch mit der Heimat am anderen Ende der Welt zusammenhängen, wo sie Angeberei verabscheuen und Blumen, die zu schnell nach oben schießen, sprichwörtlich die Köpfe abschlagen. Und mit dem Elternhaus. Die Mutter, eine Lehrerin, sorgte dafür, daß Hillary mit "Auckland Grammar" eine der besten High Schools Neuseelands besuchte. Der Vater, der vom Provinzjournalismus zur Imkerei gewechselt war, glaubte an militärische Disziplin und sperrte den widerspenstigen Sohn gelegentlich in ein Holzhaus im Garten.

Tatkräftig war Edmund Hillary wohl von Anfang an, aber er war als junger Mensch auch ein schüchterner Träumer, der auf der Fahrt zur Schule Abenteuerbücher las. Als Achtzehnjähriger schwor er sich, eines Tages auf den höchsten aller Berge zu steigen. Die harte Arbeit an den Bienenstöcken - "Wir produzierten 20 bis 30 Tonnen Honig im Jahr" - hatte den Einmeterneunzig-Mann fit gemacht. Ein Schulausflug in die vulkanische Gegend von Ruapehu, südlich von Auckland, weckte die Begeisterung für den Schnee. Im britischen Everest-Team seien er und sein Landsmann George Lowe die besten Schnee- und Eiskletterer gewesen.

Überrascht von der Aufmerksamkeit

"We knocked the bastard off" - viel mehr hat Hillary nach dem Gipfelsieg nicht über die Lippen gebracht. Er war überrascht über die Aufmerksamkeit. "Wir hatten mit ein paar Flaschen Bier gerechnet und der Anerkennung, einen guten Job gemacht zu haben", erzählt der Expeditionsfotograf Alfred Gregory, der heute in Australien lebt. Aber weder der Everest noch die Fahrt als erster mit dem Traktor zum Südpol haben Hillary sonderlich reich gemacht. "Geld hat uns nichts bedeutet", sagt er mit phlegmatischer Ehrlichkeit. Bei amerikanischen Sponsoren wie Sears Roebuck, für die er Camping-Artikel ausprobierte, ist er als "großer Kerl mit wirrem Haar" in Erinnerung, dessen alte Aktentasche von einer Schnur zusammengehalten wurde und der auf die Frage nach dem Honorar sagte: "Well, auf einer Expedition nehmen wir gewöhnlich kein Geld."

Immerhin hat sich Hillary mit dem Honorar für sein erstes Buch ein schönes Haus im besten Stadtteil Aucklands gebaut. Er schaut dort auf Schiffe und denkt an die Berge Nepals. Er hat Freunde auf der ganzen Welt. Mit 83 ist der Druck der großen Hände etwas sanfter geworden. Aber Vitalität und Begeisterungsfähigkeit sind noch da. Er ist etwas traurig darüber, daß Bergsteiger heute nicht mehr so freundschaftlich miteinander umgehen und vor allem an die kommerziellen Interessen denken, wenn sie die 8.000 Meter überschritten haben - und nicht unbedingt an Kollegen, die in Not geraten sind.

Viel Whisky für die Party in Katmandu

"Ich habe eine bemerkenswerte Zeit und großartige Abenteuer erlebt, und ich konnte den Sherpas helfen." Für sie und ihre Kinder sammelt der von ihm gegründete Himalayan Trust in jedem Jahr rund 400.000 Euro. Rund 600 dieser Träger und Bergführer, dazu 100 Freunde aus dem Westen hat er zu einer Party am Donnerstag in Katmandu eingeladen: "Dort wird viel Whisky fließen." Seine Landsleute in Neuseeland wollen an diesem Tag möglichst viele Fünf-Dollar-Noten sammeln - für die humanitäre Arbeit, die Edmund Hillary heute viel wichtiger ist als die Errungenschaft am Berg. Der Himalaja ist kein Paradies. Kaum jemand weiß das so gut und tut so viel dagegen wie der Mann, der dort schon vor einem halben Jahrhundert einen Gipfel der Unmöglichkeit bezwungen hat.

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