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Mount Everest Auf dem Gipfel der Eitelkeiten

 ·  Am Mount Everest ist die Hölle los: Neun Bergsteiger sind dort in diesem Jahr schon ums Leben gekommen, am Wochenende tummelten sich trotzdem 200 Menschen auf dem höchsten Berg der Welt.

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© dpa Die Ruhe trügt: Bislang 425 Bergsteiger haben in diesem Jahr den Gipfel erreicht

Das Schauspiel hat sich wiederholt. Wie schon eine Woche zuvor, so hat sich auch am vergangenen Wochenende wieder eine lange Menschenschlange zum Gipfel des Mount Everest auf den Weg gemacht. In der vorvergangenen Woche drängelten sich etwa 300 Bergsteiger über die Normalroute, die von Süden her auf den Mount Everest führt, auf den Berg. In den vergangenen Tagen waren es noch einmal 200 Gipfel-Aspiranten. Allein am Samstag erreichten 86 Bergsteiger den Gipfel des höchsten Berges der Welt.

In diesem Jahr standen laut evererstnews.com schon 425 Bergsteiger auf dem Gipfel. Die Aussichten sind gut, dass in dieser Saison noch weitere den Weg hinauf schaffen. „Der Monsun hat noch nicht eingesetzt, wenn auch die Verhältnisse schon feuchter geworden sind“, sagt Karl Gabl, der Meteorologe aus Innsbruck, der seit vielen Jahren Expeditionen im Himalaja berät und die Wetterverhältnisse dort wie kaum ein anderer kennt. „Der Jetstream, der die Windverhältnisse bestimmt, befindet sich weiter nördlich.“

Zahl der Besteigungen sprunghaft gestiegen

Neun Bergsteiger sind in diesem Jahr am Everest schon ums Leben gekommen. Unter ihnen ein 61 Jahre alter Arzt aus Aachen und ein 41 Jahre alter Bergführer aus München, der sich beim Abstieg vom Gipfel auf der Nordseite in etwa 8600 Metern Höhe ein Bein gebrochen hatte. Die hohe Zahl der Opfer erinnert an das verheerendste Expeditionswochenende in der Geschichte der Everest-Besteigung: Nach einem Wetterumschwung kamen am 10. Mai 1996 acht Bergsteiger ums Leben.

Das schlechte Wetter führte in diesem Jahr dazu, dass es besonders eng wurde. Allein am 19. Mai waren von der Südseite aus etwa 150 Bergsteiger unterwegs. Sie stapften, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, an dem von Sherpas angebrachten Fixseilen Richtung Gipfel. „Der Everest ist kaputt erschlossen“, kritisiert Reinhold Messner, der 1978 gemeinsam mit Peter Habeler bewies, dass der Mensch dazu in der Lage ist, auch ohne Flaschensauerstoff den Gipfel des höchsten Berges der Welt zu erreichen. „Der Berg wird präpariert, mit Seilen und Leitern versehen und in Ketten gelegt. Sonst könnten diese Massen nicht hinaufsteigen. Das hat mit Bergsteigen nichts mehr zu tun.“

Besonders in den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Besteigungen sprunghaft gestiegen. Messner nennt den Everest daher auch den „Gipfel aller Eitelkeiten“. Nur der Gipfel zählt. Jedes Jahr hinterlassen die Bergsteiger mehrere Tonnen Müll am Berg. Ob der Everest „by fair means“ bestiegen werden soll oder im Alpinstil, wird nur noch von den wenigsten Bergsteigern überhaupt thematisiert.

Eine Frage des Geldes

Von Ueli Steck zum Beispiel. Der 35 Jahre alte Extrembergsteiger aus der Schweiz erreichte den Gipfel am 18. Mai ohne Zuhilfenahme von zusätzlichem Flaschensauerstoff. Steck war der erste Bergsteiger, der in diesem Jahr den Gipfel des Everest erreichte. „Jeder, der mit Sauerstoffflasche dort oben steht, war gar nie auf dem Gipfel. Im Flugzeug war jeder schon mal auf 10.000 Metern über dem Meer. Das ist auch nichts Ungewöhnliches. Genauso ist es mit einer Sauerstoffflasche auf dem Everest“, sagt Steck. Der zusätzliche Sauerstoff erleichtert das Gehen enorm. Der Mount Everest fühle sich an wie ein Sechs- oder Siebentausender. „Das hat mit klassischem Bergsteigen nichts mehr zu tun“, sagt Steck.

Für Nepal hat sich der Hype zu einer veritablen Einnahmequelle entwickelt. Nicht nur die Menschen in der Khumbu-Region und die Sherpas und Träger, die die Logistik der Expeditionen sicherstellen, profitieren von den Bergsteigern. Musste Reinhold Messner Mitte der siebziger Jahre noch drei Jahre auf die Erlaubnis warten, den Everest besteigen zu dürfen, und war seine Expedition noch die einzige auf der Südseite des Berges - so drängeln sich heute im April und Mai jedes Jahr mehrere hundert Menschen im Basislager.

Die Besteigung des Berges ist weniger eine Frage des eigenen bergsteigerischen Vermögens als eine Frage des Geldes. 70.000 Dollar kostet die Gipfelgebühr, die für sieben Teilnehmer gilt. Längst kann eine zweimonatige Everest-Expedition samt Flaschensauerstoff und eigenem Hochträger, der neben Zelt, Schlafsack und Kocher auch die schweren Sauerstoffflaschen trägt, im Katalog gebucht werden. Kosten: je nach Service zwischen 30.000 und 65.000 Dollar.

Die vielen Menschen erhöhen die Risiken

Wer meint, sich den Gipfel erkaufen zu können und deshalb viele Wochen im Basislager ausharrt, bis sich ein Wetterfenster auftut, der will seine Chance nutzen - koste es, was es wolle. Die Bereitschaft unter den Gipfelaspiranten, bei Verspätungen, einem sich abzeichnenden Wetterumschwung oder ungenügender körperlicher Verfassung den Rückweg anzutreten, ist gering. Das beweist das Beispiel des Italieners, der in der vergangenen Woche vier Tage ohne Flaschensauerstoff in 8300 Metern ausharrte in der Hoffnung auf eine Gipfelchance. 48 Stunden in der Todeszone über 8000 Metern zu überleben gilt medizinisch als höchst unwahrscheinlich. Vier chinesische Bergsteiger brachten den Italiener schließlich doch dazu, mit ihnen abzusteigen.

Die vielen Menschen erhöhen die Risiken am Berg. Steinschläge werden mehr. Und obwohl der Aufstieg von Süden nicht sehr steil ist und als technisch ziemlich leicht gilt, kommt es immer wieder zu Staus, nicht nur an Engstellen wie dem Hillary Step, sondern auch durch schwächere Bergsteiger, die am Fixseil eine Pause einlegen und damit andere am Vorankommen hindern. Diese Zeitverzögerungen sind in der Höhe gefährlich, Bergsteiger riskieren Erfrierungen dabei. Und weil der rationierte Sauerstoff unnötig verbraucht wird, verschärft das auch das Risiko der Höhenkrankheit. „Viele Leute überschätzen sich oder können schlicht die Situation nicht richtig einschätzen“, sagt Steck. Angesichts dessen, was sich seit vielen Jahren am Evererst abspielt, staune er nicht über die vielen Toten, sagt Reinhold Messner. „Ich staune über die Naivität, mit der das alles wahrgenommen wird.“

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