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Moskauer Tagebuch (3) Zu viel Sicherheit macht Angst

14.05.2009 ·  Unsicher ist, wer am Samstag den Grand Prix gewinnt. Sicher hingegen scheinen die 300.000 erwarteten Fans, denn Russland orderte Tausende Polizisten und Soldaten nach Moskau, um aufzupassen.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Jeden Tag taucht in Moskau ein anderer Favorit auf. Am Mittwoch war es - zumindest auf Seiten der deutschen Delegation - Yohanna. Die gerade 18 Jahre alte Isländerin hatte am Abend zuvor das Halbfinale mit Bravour bestanden, musste aber am Ende auch lange zittern, bevor Island als Finalist feststand. Die Briefumschläge mit den Ergebnissen werden nicht mehr einzeln auf die Bühne getragen und dann von Hand geöffnet, sie werden als Computeranimationen via Bildschirm den Fernsehzuschauern gezeigt.

Der virtuelle Umschlag mit der isländischen Flagge drin wurde erst als zehnter präsentiert. Damit zog Yohanna als letzte Kandidatin gerade noch ins Finale ein. Was sie auch verdient hat: Ihre romantische Ballade „Is It True?“ trug sie mit viel Gefühl und nahezu perfekt vor. Eine Überraschung war ihr Fortkommen am Dienstag dennoch. Nur einen Tag später wurde sie dann schon als mögliche Grand-Prix-Gewinnerin gehandelt, was viel über die ständig wechselnden Favoriten hier in Moskau sagt.

Der Osten wird punkten

Zugleich hatten die 19 Halbfinalisten ihre Generalproben. Sie wollen sich an diesem Donnerstag qualifizieren. Dieses Mal wird der Osten klar punkten, schon allein deshalb, weil nur sechs Interpreten in der zweiten Zwischenrunde aus dem Westen antreten. Drei von ihnen dürften es problemlos ins Finale schaffen (Norwegen, Dänemark und Griechenland), eventuell schafft es auch Irland. Für die Niederlande und Zypern jedoch wird es schwer werden. Insgesamt ist das zweite Halbfinale noch schwächer als das erste besetzt, was die Qualität der Songs angeht. Es ist fast unmöglich, überhaupt zehn Kandidaten zu benennen, die den Einzug ins Finale verdient hätten.

In der Endrunde stehen derzeit elf Nationen aus den westlichen, den sogenannten traditionellen Grand-Prix-Nationen, zu denen auch Israel und die Türkei gezählt werden. Nur vier aus dem ehemaligen Ostblock haben es bislang geschafft - was durchaus bemerkenswert ist. Es könnte durchaus sein, dass am Samstag 15 Nationen aus dem Westen „nur“ zehn Nationen aus dem Osten gegenübertreten, obwohl von den ursprünglich 42 Teilnehmerstaaten in diesem Jahr die Mehrheit - nämlich 22 - dem Osten zugerechnet werden.

300.000 Menschen werden erwartet

Der sogenannte Ost-West-Konflikt ist während eines Grand Prix eigentlich nie ein großes Thema. Auch wenn sich einige eingefleischte Fans schon im Vorfeld massiv darüber beklagten, dass ihre Reise dieses Jahr ausgerechnet nach Moskau gehen muss. Und ihre Befürchtungen wurden ja auch bestätigt: Selbst der NDR schreibt inzwischen auf seiner Internetseite, dass in Moskau „der Preiswucher der russischen Ticketmafia, die überteuerten Hotels und das angekündigte Verbot von Schwulen- und Lesbenparaden die Freude vieler Fans auf den Grand Prix“ getrübt hätten. Die Sicherheit indes ist in Moskau ein Thema. Tausende Polizisten und Soldaten (die Rede ist von 8500) sollen für Ruhe und Ordnung auf den Straßen sorgen. Immerhin werden rund 300.000 Menschen erwartet - unter anderem auch zum Public Viewing auf dem Roten Platz.

Zuviel Sicherheit kann aber auch Angst machen: Abends, auf dem Weg von der Olympiysky Arena zur Metrostation Prospekt Mira, geht man durch ein regelrechtes Spalier von Uniformierten. Es sind zumeist Mitglieder der Omon, leicht am Schriftzug, ihren blau-weiß-grau gemusterten Kampfanzügen und schwarzen Baretts zu erkennen. Diese Milizbrigaden mit besonderer Bestimmung, die meist nur „Schwarze Barette“ genannt werden und den deutschen SEK (Spezialeinsatzkommando) zumindest nahekommen, werden immer dann eingesetzt, wenn es kritisch wird (wie etwa während der Geiselnahme von Beslan).

Regelrechte Kampfansage der Russischen Nationalisten

Warum genau sie das Straßenbild so prägen, erklärt vielleicht auch eine regelrechte Kampfansage der Russischen Nationalisten, die gegen die für Samstag geplante und von den Behörden nicht genehmigte Schwulen-Parade in der Stadt vorgehen wollen: „Wir werden sie heilen“, heißt es da. „Wir werden sie ins Krankenhaus bringen, damit sie behandelt werden können. Das sind kranke Leute.“

Ähnlich äußert sich auch der Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow, der Homosexuelle als „satanisch“ bezeichnet und deswegen auch ein hartes Durchgreifen bei jeglicher „homosexueller Zuschaustellung“ angekündigt hat. So fragen sich viele der angereisten (und häufig ja auch homosexuellen) Grand-Prix-Fans, auf welche Seite sich die Polizei und vor allem die Elitekämpfer der Omon, die bekanntermaßen für ihre Dienste auch nur äußerst dürftig entlohnt werden, letztlich schlagen werden.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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