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Moskauer Tagebuch (2) Lieber nicht aufs Wunderkind wetten

12.05.2009 ·  Am Dienstag ist es soweit: 18 Kandidaten kämpfen im ersten Halbfinale um den Einzug ins Finale am Samstag. Doch es gibt nicht nur neue Gesichter, auch schon bekannte Talente kämpfen um den Sieg. Doch auf wen lohnt es zu setzen?

Von Peter-Philipp Schmitt
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„Wenigstens Peter Urban bleibt uns ja erhalten“, hieß es in den Internetforen in den vergangenen Monaten, als sei die langjährige deutsche Stimme des Eurovision Song Contest die letzte Konstante im ach so wandelbaren und trügerischen Grand Prix. Auch in diesem Jahr schien nichts, wie es war: Der deutsche Vorentscheid fiel aus, der Direktkandidat wurde stattdessen durch eine Jury bestimmt, und auch in Moskau im Finale zählt nicht mehr das Votum des Fernsehzuschauers allein, sondern nur noch zur Hälfte. Zu 50 Prozent entscheiden nationale Juroren (auch) über die (deutsche) Punktevergabe. Und dann kam Anfang Mai für viele doch noch eine Schreckennachricht: Peter Urban wird nicht in Moskau dabei sein. Zum ersten Mal seit dem Finale in Dublin 1997 (in dem Katrina & The Waves mit „Love Shine A Light“ gewann) wird der NDR-Radiomoderator mit seiner unverkennbaren Stimme nicht den Grand Prix kommentieren - wegen einer unaufschiebbaren Operation.

Stattdessen tritt ein Hesse an, wenn auch kein waschechter. Tim Frühling moderiert bei „hr3“ alles, was gute Laune machen soll. Für ihn wird - was auch sonst - ein Jugendtraum wahr, wie er sogleich wissen ließ. Seit seinem siebten Lebensjahr (also seit dem Nicole-Jahr 1982) will der Frankfurter jeden Contest gesehen haben. Ob ihn das schon zum Grand-Prix-Kommentator befähigt, wird sich vielleicht schon heute Abend beim ersten Halbfinale zeigen.

Schon länger kein Wettstreit mehr

Die Briten indes trauern dieses Jahr noch mehr: Sir Michael Terence „Terry“ Wogan hat nach fast 30 Jahren hingeschmissen. Der Grand Prix sei zu vorhersehbar, ließ er wissen, und schon länger kein „Wettstreit“ mehr. Der britische Kollege von Peter Urban war berüchtigt: Traditionell kam er unvorbereitet in seine Kommentator-Kabine, oft wusste er nicht mal, wer gerade auf der Bühne stand. Griffbereit in einem Kübel Eis lagen für ihn stets zwei Flaschen Baileys bereit, meist ließ er aber auch schon nüchtern jede Menge dummer Sprüche los. Kein Klischee war ihm zu doof - ob es um Deutschland ging, das wieder in Österreich einmarschieren sollte, oder um russische Frauen, die in seiner Jugend noch Schnurrbärte getragen haben. Guildo Horns Auftritt fand Terry Wogan so lustig wie Beulenpest. Und trotzdem war der Mann Kult, die meisten Briten sahen wohl vor allem noch wegen ihm den Eurovision Song Contest. Dafür wurde er von der BBC mit 150.000 Pfund (rund 170.000 Euro) belohnt, hieß es. (Davon können Peter Urban und schon gar Tim Frühling nur träumen.) Dem Grand-Prix-Urgestein Wogan folgt nun der Brite Graham Norton nach, der in diesem Jahr bereits die britischen Filmpreise Bafta moderiert hat.


In Moskau aber trifft man auch viele alte Bekannte. Chiara zum Beispiel, die zum dritten Mal für Malta an den Start geht. 1998 in Birmingham hatte es die Einundzwanzigjährige mit „The One That I Love“ sofort auf Platz drei geschafft, 2005 landete sie mit ihrem wunderbaren „Angel“ sogar auf Platz zwei. Chiara (Siracusa) hat eine begnadete Stimme, mit der sie jeden in den Bann schlagen kann. Und auch wenn sich ihr diesjähriger Beitrag „What If We“ vielleicht nicht mit „Angel“ messen kann, für einen der vorderen Plätze ist die Malteserin immer gut. Auch Sakis Rouvas meldet sich ein weiteres Mal zurück: Der gutaussehende Grieche von der Insel Korfu kam 2004 mit seinem „Shake It“ (bei dem er nicht nur seine Hüften lasziv kreisen ließ) auf Platz drei, zwei Jahre später führte er souverän zusammen mit Maria Menounos durch das ESC-Finale in Athen. Rouvas ist der absolute Topseller in seiner Heimat und wird es wohl mit Leichtigkeit in Moskau ins Finale schaffen.

Lieber auf Außenseiter setzen


Den größten Makel trägt ein junger Weißrusse mit sich herum. Alexander Rybak, der morgen seinen 23. Geburtstag feiert, tritt für seine Heimat Norwegen an. In (West-)Europa wird er seit Wochen als der Favorit überhaupt gehandelt. Sein von ihm geschriebenes „Fairytale“ hat bei der nationalen Ausscheidung alle Rekorde gebrochen, er spielt brillant Violine (auch in Moskau auf der Bühne), er dirigiert ein Symphonieorchester im norwegischen Bergen, er singt (selbstverständlich auch) und wird allgemein nur als „das Wunderkind“ gehandelt. Im Grunde könnte er sich nur selbst im Wege stehen, wenn er denn überhaupt dem Druck standhält. Bei den Buchmachern in den vielen Online-Wettbüros lohnt es jedenfalls nicht, auf Rybak zu setzen.


Wetten sollte man lieber auf einen Außenseiter - denn je unwahrscheinlicher ein Sieg scheint, desto höher sind die Gewinnchancen. Im Jahr 2003 setzte zum Beispiel ein türkischer Fan aus lauter Begeisterung für Sertab Erener („Everyway That I Can“) 1000 Euro auf einen Sieg der türkischen Popsängerin und stand damit ziemlich alleine dar. Als das britische Büro die Wette annahm, lag die Quote bei 200 zu 1. Am Ende, Sertab Erener gewann das Finale mit nur zwei Punkten Vorsprung, hatte der Mann 200.000 Euro verdient.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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