Home
http://www.faz.net/-gum-otuh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mormonen Keuschheit nun auch in New York

04.05.2004 ·  Die Mormonen sind auf Expansionskurs. Sie eröffnen nun sogar einen Tempel in der sündigen Ostküsten-Metropole. Der oberste Tempelverwalter: „Es gibt auch hier Menschen, die Keuschheit und Tugendhaftigkeit praktizieren."

Von Roland Lindner, New York
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Sage noch jemand, die Mormonen verstünden sich nicht auf die angenehmen Seiten des Lebens! Vielen Menschen ist die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage", wie sich die Mormonen offiziell nennen, vor allem für das bekannt, was sie verbietet: Alkohol, Nikotin, Glücksspiel, Sex vor der Ehe und einiges mehr.

An diesem Montag aber demonstriert die Kirche in ihrem neuen Tempel in New York Lebensfreude: Die Gäste finden ein opulentes Frühstücksbüfett vor, das nicht nur aus Obst, sondern auch aus weniger vernünftigen Speisen wie riesigen Muffins und sogar Rühreiern mit Würstchen besteht.

Der ganze Raum, in dem die Pressekonferenz stattfindet, ist offenbar als Ort der Unterhaltung und des Austobens konzipiert: Auf der Bühne steht ein Klavier, das künftig für Konzerte genutzt werden soll. Den Holzboden zieren schwarze Markierungen eines Basketballfeldes, von der Decke hängen die dazugehörigen Körbe. Auf eines müssen die Besucher allerdings verzichten: Kaffee gibt es nicht, obwohl es noch früher Morgen ist. Kaffee und Tee stehen auf der Verbotsliste.

Zweckbau in Babel

Es ist ein sehr seltenes Ereignis, zu dem die Mormonen die New Yorker einladen. Für wenige Wochen wird der erste Mormonentempel der Stadt der Öffentlichkeit zugänglich sein. Nach seiner Einweihung am 13. Juni dürfen nur noch Mitglieder der Kirche den Tempel betreten. Solche Einblicke in das spirituelle Zentrum der Religion bieten die Mormonen immer nur vor Neueröffnungen.

Der New Yorker Tempel - der hundertneunzehnte auf der Welt - ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich: Normalerweise kennt man die Tempel der Mormonen als ausladende oder sogar verspielte Konstruktionen. Oft werden sie von Türmen flankiert, und auf der Spitze eines Turms steht eine riesige goldene Statue in Form eines posauneblasenden Engels.

Der New Yorker Tempel ist dagegen ein schmuckloser sechsstöckiger Zweckbau, der im Vergleich zu dem Schneeweiß vieler anderer Tempel von außen fast ein wenig schmutzig anmutet. Er steht direkt gegenüber der Metropolitan Opera und wurde in die dicht bebaute Umgebung mitten in Manhattan förmlich hineingequetscht. Die meisten anderen Mormonentempel nehmen dagegen als freistehende Konstruktionen große Flächen in Anspruch und sind häufig von Gartenanlagen umgeben.

„Auch hier Menschen, die Keuschheit und Tugendhaftigkeit praktizieren."

Die Mormonen und New York - das erscheint wie ein Widerspruch. Die Stadt ist nicht gerade für Enthaltsamkeit und Familienorientierung bekannt, so wie es von den Mormonen gepredigt wird. Robert Reeve, der in der Mormonen-Zentrale in Salt Lake City für die Verwaltung der Tempel zuständig ist, sieht darin kein Problem: "Ich glaube nicht, daß New York ein besonderer Sündenpfuhl ist. Es gibt auch hier Menschen, die Keuschheit und Tugendhaftigkeit praktizieren."

New York bekommt aber erst recht spät einen eigenen Tempel. Andere Ostküstenstädte wie Washington oder Boston sind längst versorgt. Die Mormonen gehören zu den am schnellsten wachsenden Religionen Amerikas - und das, obwohl die Mitglieder zehn Prozent ihres Einkommens an die Kirche abgeben müssen. Auf der Welt hat die Kirche rund 12 Millionen Mitglieder. Der New Yorker Tempel ist der Höhepunkt einer rasanten Expansion. In den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der Tempel von 50 auf 119 hochgeschnellt. Außerdem werden jedes Jahr 400 neue Gemeindehäuser errichtet.

Für die 36 000 deutschen Mormonen gibt es zwei Tempel: in Friedrichsdorf bei Frankfurt seit 1987 und in Freiberg bei Dresden seit 1985. Weitere Tempel in Deutschland sind vorerst nicht geplant, sagt Robert Reeve, "vielleicht einmal wieder in zehn Jahren". Über die Kosten ihrer Tempel schweigen die Mormonen.

Familienorientierte Mormonen

New York hat erst jetzt eine Art kritische Masse von Kirchenmitgliedern erreicht, die den Bau eines Tempels rechtfertigt. In New York und der näheren Umgebung der angrenzenden Bundesstaaten New Jersey und Connecticut leben nach Angaben der Kirche rund 42 000 Mormonen. Was genau die Mormonen in dem Tempel tun, ist aber auch nach einem Rundgang nicht ganz klar. "Der Tempel ist ein Glaubensbekenntnis für die Unsterblichkeit der Seele", sagt Gordon Hinckley, das 94 Jahre alte Oberhaupt der Kirche, etwas nebulös in einem Videoclip. Hier würden "die Ewigkeit der Ehe" und "die Bedeutung der Familie" zelebriert.

Die in New York versammelten Mormonen werden nicht müde, diese Familienorientierung am eigenen Beispiel zu demonstrieren. Kein Vortrag und kein Gespräch, in dem ein Mormone nicht nach wenigen Sätzen von "meiner Frau" spricht oder von den Kindern, deren Zahl im Regelfall sehr hoch ist. Bryan Richards zum Beispiel nimmt seine Frau Lynn-Anne sogar auf den von ihm geführten Rundgang mit und läßt sie hin und wieder zu Wort kommen, wenn es um Episoden aus der eigenen Familie geht: wie Bryan und Lynn-Anne vor 47 Jahren geheiratet haben zum Beispiel, daß das Paar acht Kinder hat, wie Lynn-Anne den sechs Töchtern in den Stunden vor ihrer Hochzeit mit Rat und Tat zur Seite stand.

Distanzierung zur Polygamie

Diese Demonstration traditionellen Familienlebens ist auffällig, weil die Mormonen auch berühmt und berüchtigt für die lange von ihnen praktizierte Polygamie sind. Heute distanziert sich die Gemeinschaft von Vielehen. Sie wurden schon im Jahr 1890 vom damaligen Kirchenoberhaupt abgeschafft, nach offiziellen Angaben werden Polygamisten exkommuniziert. Im Mormonen-Heimatstaat Utah sollen aber noch immer Zehntausende von Menschen in polygamen Familienverhältnissen leben. Nach Angaben der Mormonen haben sie jedoch keine Verbindung zur "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage".

Zeremonien im Tempel

Tempel sind die heiligsten Stätten der Mormonen - aber zum Beten sind sie nicht da. Dafür gibt es die mehr als 10 000 Gemeindehäuser oder Kapellen auf der Welt, in denen auch Nicht-Mormonen zugelassen sind. Mit einem traditionellen Gotteshaus scheinen die Tempel nichts zu tun zu haben: Es gibt keinen großen Versammlungssaal, sondern viele einzelne Räume. Sie dienen jeweils verschiedenen Ritualen, über deren Details die Mormonen nicht viel verraten.

Familiäre Zeremonien gehören dazu: Die zwei Hochzeitszimmer werden ausschließlich für die kirchliche Vermählung von Mormonen genutzt. Diese Zimmer haben in jedem Tempel zwei große Spiegel an gegenüberliegenden Wänden. Das Paar soll sich darin unendlich oft spiegeln - eine Anspielung auf das Prinzip der Mormonen, daß eine Ehe nicht nur auf Lebenszeit gilt, sondern in der Ewigkeit fortbesteht.

Schließlich glauben die Mormonen an ein Leben nach dem Tod. Charakteristisch für die Religionsgemeinschaft ist auch die Totentaufe: Dazu gibt es ebenfalls ein eigenes Zimmer mit einem Taufbecken, das von zwölf riesigen Ochsenfiguren getragen wird - sie repräsentieren die zwölf Stämme Israels. In dem Zimmer lassen sich junge männliche Mormonen stellvertretend für ihre Ahnen taufen.

Ort zur persönlichen Erleuchtung

Neben solchen Familiensakramenten ist der Tempel ein Ort zur persönlichen Erleuchtung. Hier werden Prinzipien des Glaubens vermittelt, und die Mormonen legen Gelübde ab. Auch dazu wurden eigene Räume geschaffen: ein kinosaalähnlicher Raum mit etwas beklemmenden Wandgemälden, die Wälder im Bundesstaat New York darstellen sollen; ein weitaus freundlicherer Raum mit hellen Farben, der einen größeren Grad der Erleuchtung symbolisieren soll; und als wichtigster der "Himmlische Raum" ("Celestial Room"), in dem man Jesus Christus besonders nahe sein soll.

Deshalb darf hier nicht gesprochen werden. Die Atmosphäre dient allerdings nicht unbedingt der inneren Einkehr: Mit seinen Polstersesseln erinnert der Himmelsraum eher an eine Hotellobby.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2004, Nr. 104 / Seite 11
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

Jüngste Beiträge