26.06.2003 · Weil seine Ehefrau ihm im Weg stand, ließ Hüseyn D. sie und zwei ihrer Kolleginnen kurzerhand umbringen. Am Donnerstag war in Münster Prozeßauftakt des Putzfrauen-Mordes von Telgte.
Von Katrin Hummel, MünsterDie meiste Zeit blickt Hüseyn D. mit gesenktem Kopf nach unten - so tief, als fixiere er die Sitzfläche seines Stuhles: Er blickt hinab, als der Vorsitzende Richter ihn nach seinem Familienstand fragt und die Frage dann angesichts der Sachlage schnell selbst beantwortet. Und er blickt noch immer hinab, als der Mann, der in seinem Auftrag drei Frauen vor einem Fitneßstudio ermordet hat und ihm nun im Prozeß vor dem Landgericht Münster im wahrsten Sinne des Wortes im Nacken sitzt, seine Aussage macht.
Doch plötzlich hebt er den Kopf, wendet ihn nach links zu seiner Anwältin, nach rechts zu seinem Anwalt, als wolle er an ihren Gesichtern ablesen, was sie von der Aussage des hinter ihm sitzenden Timucin Ö. halten. Ö. sagt gerade: "Irgendwann wußte ich zuviel. Hüseyn hat mir gedroht, mich auch umzubringen. Da hab' ich gesagt: ,Ja, okay, ich will's probieren.'"
Fünf Kinder verloren die Mutter
Wenn man der Aussage Timucin Ö.s folgt, dann hat der 31 Jahre alte D. ihn wochen- und monatelang immer wieder zu überreden versucht, er möge D.s Frau umbringen. Hüseyn D., das ist unbestritten, hatte Schulden und wollte als Bordellbesitzer und Rauschgifthändler im westfälischen Telgte Geld verdienen. Zwar hatte er weder eine Wohnung angemietet noch Frauen an der Hand, mit denen er ins große Geschäft hätte einsteigen können. Doch der Plan war da, und D.s 30 Jahre alte schwangere Ehefrau stand ihm im Wege. Eine Scheidung sei ausgeschlossen gewesen, sagen Ö. und ein weiterer Angeklagter übereinstimmend aus, da D. die Rache seiner Großfamilie habe fürchten müssen. Also ließ er seine Frau umbringen und ihre beiden Kolleginnen im Alter von 34 und 39 Jahren gleich mit dazu. Insgesamt hinterlassen die Frauen fünf Kinder.
Man kann es nicht glauben, wenn man Hüseyn D. zwischen seinen Anwälten sitzen sieht: Einen kleinen, schmächtigen Mann ohne Vorstrafen, mit einer kleinen, intellektuellen Brille, einem ovalen Gesicht und einem gepflegten Kurzhaarschnitt. Er sieht nett aus, der Angeklagte, und wenn der Staatsanwalt von Heimtücke, niedrigen Beweggründen und Habgier als besonderen Schuldmerkmalen spricht, dann fühlt man sich unwillkürlich an den Spruch erinnert: Man kann den Leuten nur vor den Kopf schauen und nicht hinein. Denn, so die Ausführungen Timucin Ö.s, des gedungenen Mörders: Hüseyn D. hat die Tat akribisch geplant, die Tatwaffe besorgt und ihm 5000 Euro versprochen, und er hat alle Hindernisse, die den Morden im Wege standen, überwunden. So hatte er zuerst einen anderen Mann als Schützen ins Auge gefaßt - der nun der Beihilfe zum Mord angeklagt ist. Erst als der sich weigerte, hat D. den Ö. zur Tat gedrängt. Und er hat Ö. aufgetragen, auch die beiden Kolleginnen seiner Frau umzubringen, die mit ihr als Reinigungskräfte in dem Fitneßstudio arbeiteten - damit es keine Zeuginnen gebe und die Polizei in die Irre geführt werde: "Wenn du nur meine Frau fertigmachst, kommt die ganze Schuld auf mich drauf."
An der Wand hingerichtet
Es wirkt nicht unbedingt so, als habe Timucin Ö. seine Aussage selbst verfaßt, denn Ausdrucksweise und Sprache passen nicht zur teilweise recht anspruchsvollen Wortwahl. Dennoch spürt man, daß Ö. seine Tat bereut, als er schließlich sagt: "Die Frauen sind dann rausgekommen, und als sie ins Auto einsteigen wollten, habe ich gesagt: ,Leute, geht mal rüber da an die Wand.' Ja, und dann ist es passiert. Dann habe ich alle erschossen." Darüber hinaus wollte Ö. am ersten Tag des Prozesses jedoch keine Angaben machen, und Hüseyn D. beschränkte sich gar mit immer noch gesenktem Kopf darauf, seine Aussage von seinem Verteidiger verlesen zu lassen.
Es ist darin die Rede davon, daß D. das unendliche Unglück, das er über die Familien der getöteten Frauen gebracht hat, zutiefst leid tut. Außerdem wisse er, daß alle ihn verachteten. Seine Schuld stehe für ihn bis an sein Lebensende fest. Aufgabe seiner Verteidiger Ingo Minoggio und Lale Emiroglu wird es nun sein, die besonderen Schuldmerkmale Heimtücke, niedrige Beweggründe und Habgier auszuräumen. Minoggio sagt dazu: "Herr D. konnte über sein Leben überhaupt nicht bestimmen, seine Eltern haben seine Frau für ihn ausgesucht - wir vermuten hier tiefere Beweggründe. Es ist völlig blödsinnig, anzunehmen, daß jemand, der ganz und gar unbescholten ist, einen präventiven Dreifachmord begeht, um danach in kriminelle Machenschaften einzusteigen." D. habe, anders als die beiden anderen Angeklagten, die beide schon vorbestraft sind, kaum Kontakte zum kriminellen Milieu in Telgte gehabt.
Zum Auftakt des Prozesses war die Verteidigung von Timucin Ö. mit dem Versuch gscheitert, für ihren Mandanten eine Verhandlung vor einem Jugendgericht zu erreichen. Das Schwurgericht hatte jedoch keinen Zweifel, daß die amtlichen Unterlagen zutreffen, denen zufolge der Angeklagte am 26. Dezember 1981 in der Türkei geboren wurde und demnach zur Tatzeit volljährig war. Der Prozeß wird am Mittwoch fortgesetzt.
Katrin Hummel Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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