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Monaco Der Patriarch ist tot - es lebe der Junggeselle

07.04.2005 ·  Das Fürstentum Monaco ist nach dem Tod Rainers III. mit dem Gefühl eines Epochenwechsels aufgewacht. Was wird Albert den Monegassen bringen? Eine Märchenhochzeit wäre schön.

Von Michaela Wiegel
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Die Türen des opulenten Kasinobaus, der einst den Ruf Monacos als Spielparadies begründete, sind schon wieder geöffnet. Doch das Fürstentum an der französischen Mittelmeerküste ist am Donnerstag mit dem untrüglichen Gefühl eines Epochenwechsels aufgewacht. Die Ära Rainier III., die den Monegassen mehr als fünf Jahrzehnte Wohlstand bescherte, ist beendet.

Die rot-weißen Nationalflaggen, die wegen des Todes des Papstes schon auf Halbmast gehißt waren, ziert nun zusätzlich ein schwarzer Trauerflor. In den mit Videokameras überwachten properen Straßen des Zwergstaats ist die zur Schau getragene Leichtigkeit des Seins der Schönen und Reichen einer diskreten Tristesse gewichen. Nur die Fernsehteams aus aller Welt, die auf der Suche nach trauernden Monegassen jeden Passanten ansprechen, vermitteln den Eindruck von Geschäftigkeit.

„Fühlen uns ein bißchen wie Waisen“

56 Jahre lang hat Fürst Rainier III. die Geschicke auf dem Felsen bestimmt und das vom Großvater ererbte Reich aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Es ist ihm geglückt, die monegassische Staatsbürgerschaft zu einem Privileg zu erheben. Seine Untertanen sind ihm für seine paternalistische Politik stets dankbar gewesen. So scheint es nur allzu verständlich, daß ein wahrer Rainier-Kult die Trauerstimmung begleitet. Kein Schaufenster, das an diesem sonnigen Tag nicht das Porträt des verstorbenen Fürsten ziert, kein Café- oder Restaurantbesitzer, der es versäumt, seine Liebe zu den Grimaldis zu bekunden.

„Wissen Sie, wir fühlen uns heute alle ein bißchen wie Waisen“, sagt Stephane Valeri, der dem monegassischen Parlament, dem „Conseil National“ („Nationalrat“) vorsteht. Der 42 Jahre alte Valeri steht für den Generationenwechsel, den der Fürst in den letzten Jahren seiner Herrschaft einleitete. Im Einverständnis mit Albert entmachtete er den Parlamentspräsidenten Jean-Louis Campora, der den Clan der alteingesessenen monegassischen Familien anführte. Auch von der Spitze des Fußballclubs AS Monaco wurde Campora vertrieben - ein klares Signal, daß Rainier für seinen Sohn einen Wandel vorbereitete, der es ihm ersparen soll, als Marionette der mächtigen monegassischen Familiencliquen zu herrschen.

Nur knapp 7000 echte Monegassen

Denn trotz aller demokratischen Reformen, in die das Fürstentum zur im Oktober 2004 vollzogenen Aufnahme in den Europarat einwilligte, erinnern die Gesellschaftsstrukturen noch eher an ein Feudalsystem als an eine offene Demokratie. Von den 36.000 Einwohnern, die auf dem 200 Hektar kleinen Staatsgebiet ihren festen Wohnsitz haben, verfügen nur annähernd 7000 über einen monegassischen Paß. Die hundert führenden Monegassen-Familien aber haben das Sagen auf dem Felsen, während die residierenden Millionäre das Geld bringen. Sie sind mit Rainier zu erheblichen Wohlstand gekommen und dürften ihre Acquis gegen Reformwünsche des neuen Fürsten zu verteidigen wissen.

Wohl kaum ein Herrscher hat so gut für seine Untertanen gesorgt wie Rainier: Die Monegassen haben Vorrang bei der Arbeitsplatzvergabe und ein Anrecht auf günstigen Wohnraum im Land der höchsten Immobilienpreise. Einem monegassischen Croupier im berühmten Kasino muß ein Mindestlohn von 5500 Euro monatlich gezahlt werden. Einkommensteuer wird selbstverständlich nicht erhoben. „Es ist doch ganz normal, daß die Monegassen bevorzugt werden. Monaco gewährt 30.000 Pendlern aus dem französischen Umland einen festen Arbeitsplatz, da wäre es doch erstaunlich, wenn man sich nicht zuerst darum sorgte, daß alle Monegassen in ihrer Heimat arbeiten können“, sagt Patrick Leclercq, der noch bis Anfang Mai als aus Paris entsandter „Ministre d'Etat“ den Posten des Regierungschefs einnimmt.

Im Fürstenpalast, dem keines der unter Rainiers Herrschaft entstandenen Hochhäuser die Sicht auf das Meer versperrt, dürfen die Monegassen von Dienstag an Abschied nehmen von ihrem Wohltäter, den sie gern als „le patron“ bezeichneten. Zur Wachablösung, zu der sich neben den üblichen Touristengruppen auch viele Einheimische auf dem Vorplatz einfinden, hat die Fürstengarde die Trommeln mit schwarzem Trauerflor umhüllt. Nach alter Tradition wird der Fürst in der Kapelle des Palastes aufgebahrt. Montag dürfen Diplomaten und Angehörige der Staatskorps Rainier III. die letzte Ehre erweisen. Bis zur Trauerfeier am kommenden Freitag in der Kathedrale herrscht Staatstrauer. Der Staatsminister hat alle Vergnügungsstätten aufgefordert, in gebührlicher Weise die Trauer zu respektieren. Die Beamten tragen einen Monat lang schwarze Krawatten oder Trauerbinden. Der römisch-katholische Glauben genießt im Fürstentum, anders als im laizistischen Protektoratsstaat Frankreich, den Rang der Staatsreligion. Der Erzbischof von Monaco, Bernard Barsi, kündigte Trauermessen in allen Kirchen an, die das Fürstentum zählt. „Schon der Tod des Papstes hat uns in tiefe Trauer gestürzt“, sagt eine ältere, in Schwarz gekleidete Frau, die aus der Kathedrale kommt. „Aber wir müssen dankbar sein, daß Rainier nicht zu lange leiden mußte.“ Sie hoffe nur, daß die neue Zeit, die mit Albert anbreche, Gutes für Monaco bringe.

„Schlimmer“ verdacht: Albert ist amerikanophil

Die Blicke richten sich auf den 47 Jahre alten Fürsten Albert II., der schon am 31. März die Amtsgeschäfte übernahm. Wird der Sohn, der stets im Schatten des übermächtigen Vaters gelebt hat, der Herausforderung gerecht werden? Die französische Glanzpresse, die in den Grimaldis einen Ersatz für die guillotinierte Monarchie gefunden haben, beäugt Albert mit äußerster Skepsis. Er gilt als amerikanophil - ein schlimmer Verdacht aus französischer Sicht. Alles muß für die These herhalten, daß Albert mehr Kelly denn Grimaldi sei. Sein leichter Sprachfehler, eine Neigung zum Stottern, haben die französischen Berichterstatter bemerkt, mache sich nur bemerkbar, wenn er in der Sprache Molières vor die Öffentlichkeit zu treten habe. In seiner amerikanischen Muttersprache aber rede Albert ohne Haspeln und Erröten.

Doch die Beziehung zu Frankreich hat sich nach dem Krach über die Geldwäschevorwürfe aus Paris im Jahr 2000 wieder entspannt. Rainier hatte es als schwere Beleidigung empfunden, als ihm eine von den Sozialisten Arnaud Montebourg und Vincent Peillon angeführte parlamentarische Untersuchungskommission schwere Versäumnisse in der Kontrolle der Finanzflüsse in das Fürstentum vorhielt. Das Thema ist heikel, da die 53 Banken und Finanzinstitute in Monaco eine der wirtschaftlichen Säulen des Kleinstaats darstellen. In seinem Zorn über die sozialistischen Ankläger ging Rainier so weit, eine vollkommene Unabhängigkeit von Frankreich zu fordern. „Ich werde wie ein Drogenboß behandelt, es reicht jetzt“, erzürnte sich Rainier. Nach Verhandlungen mit Paris, in denen der Charme von Prinzessin Caroline Wunder bewirkt haben soll, gab es dann doch eine gütliche Einigung.

Als Zeichen der Entspannung wird gewertet, daß Rainier der Tradition treu blieb, einen hohen französischen Beamten zum „Ministre d'Etat“ zu ernennen. Denn künftig wird dem Fürstentum das Recht zugestanden, einen Monegassen zu nominieren. Anfang Mai soll mit dem ehemaligen Pariser Polizeipräfekten Jean-Paul Proust ein Gefolgsmann Chiracs den Posten des Ministre d'Etat übernehmen. An einer harmonischen Beziehung haben beide Seiten größtes Interesse, lebt Monaco doch vom französischen Hinterland, für das es eine wichtige Finanz- und Wirtschaftsmetropole darstellt. Aber auch als kulturelles Oberzentrum in der Region hat sich Monaco spätestens seit der Eröffnung des neuen Konzert- und Kulturzentrums Grimaldi-Forum etabliert. Der Konzertsaal wurde - Monaco ist landarm - dem Meer abgerungen, er liegt unter dem Wasserspiegel. Die Prinzessinnen wiederum haben ihr Domizil in Frankreich gefunden, weil ihnen die ständige Beobachtung im „Aquarium“ Monaco wohl doch zu aufdringlich wurde. Caroline lebt in dem von Karl Lagerfeld erstandenen Gut im Großraum Paris; Stéphanie in einem kleinen Ort in den südlichen Alpen.

Evolution statt Revolution

„Es wird eine Evolution, aber keine Revolution in Monaco geben, weil alle Projekte langfristig angelegt sind“, sagt Bettina Grosse de Cosnac, die mit ihrem Buch „Der Clan von Monaco“ eine profunde Analyse abseits der üblichen Klatschgeschichten lieferte. Vor allem der Führungsstil werde sich mit Albert II. ändern, sagt die deutsche Autorin: „Prinz Albert hat ja einen ganz anderen Charakter als sein Vater. Er ist viel lockerer, persönlicher und spontaner im Umgang, während sein Vater aufgrund seiner Kindheitserfahrungen und der Erfahrungen im Amt ein zutiefst mißtrauischer Mensch, ein Einsiedler war.“ Schon seit 1994 habe Albert wegen der sich verschlechternden Gesundheit des Vaters die Amtsgeschäfte peu à peu übernommen. Eine neue Garde, die Albert wohlgesonnen ist, habe im Conseil National wie in anderen wichtigen Institutionen an Einfluß gewonnen. Die Mitgliedschaft im Europarat, die von Rainier gewünscht wurde, symbolisiere schon den Wandel, für den Albert eintrete.

Die größte Herausforderung für den Junggesellen Albert aber wird wohl sein, eine Fürstin zu finden, die den Wunsch nach einem Erbfolger befriedigt. Das Liebesleben der Prinzen ist nie wirklich Privatsache gewesen. Schon auf Rainier, der als Junggeselle die Nachfolge seines Großvaters angetreten hatte, lastete Heiratsdruck. Die Erfahrung, die in die perfekt inszenierte Traumhochzeit mit dem Hollywood-Star Grace Kelly mündete, hinderte Rainier nicht daran, auch seinen Sohn unter Heiratszwang zu setzen: Albert müsse den Bestand der Grimaldi-Dynastie sichern. Dabei ist das rechtliche Problem der Nachfolge inzwischen gelöst. Monaco muß nicht mehr befürchten, von Frankreich vereinnahmt zu werden, sollte Albert kinderlos bleiben. Die Nachfolge kann theoretisch von seinen Neffen, den Söhnen seiner Schwestern, angetreten werden. Doch schon haben die Monegassen angefangen, von einer neuen Märchenhochzeit zu träumen, die sie über den Verlust Rainiers tröstet.

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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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