17.10.2001 · Kann Heroin Drogenabhängige zur Abstinenz verhelfen? Unter bestimmten Umständen ja, meinen Experten. Ein deutscher Modellversuch soll nun Aufschluss geben.
Von Nathalie HeinkeIm Jahr 1994 verzeichnete die Schweiz ihre bislang höchste Zahl an Drogentoten - etwa 400 Menschen erlagen den Folgen ihrer Sucht. Als im selben Jahr die Regierung erstmals die Vergabe von Heroin an Schwerstabhängige genehmigte, keimte Hoffnung auf. Die Idee: Mithilfe der Vergabe des illegalen Opiats kurzfristig den Gesundheitszustand zu verbessern und langfristig womöglich die Abhängigen aus der Sucht zu geleiten. Das Projekt hatte Erfolg und findet nun Nachahmer in anderen europäischen Ländern. Anfang des kommenden Jahres startet ein ähnliches Modellvorhaben auch in Deutschland.
An der auf insgesamt drei Jahre angelegten Studie, bei der es sich rechtlich um eine wissenschaftliche Arzneimittelprüfung handelt, sollen insgesamt 1.120 Heroinabhängige teilnehmen. „Vor allem schwer Abhängige mit schlechtem Gesundheitszustand, die durch das bestehende Drogenhilfesystem bislang nicht erreicht werden konnten, sollen von der Heroinvergabe profitieren," erklärt Ingo Michels, Leiter der Geschäftsstelle der Drogenbeauftragten des Bundes in Berlin. Von den Probanden erhält die eine Hälfte einmal täglich Methadon, der anderen Hälfte wird drei Mal am Tag Heroin unter medizinischer Aufsicht in Ambulanzen verabreicht.
Mehrere Städte beteiligt
Durchgeführt wird der Modellversuch in Hamburg, Hannover, Frankfurt, Köln, Bonn, Karlsruhe und München. An dem Projekt sind darüber hinaus die Länder Hessen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Niedersachsen beteiligt.
Schätzungsweise 100 Mark benötigt ein Heroinsüchtiger am Tag für Stoff, erklärt Martin Schmid vom Frankfurter Institut für Suchtforschung, das den Versuch wissenschaftlich begleitet. „Um ihre heftige Sucht zu befriedigen, prostituieren, stehlen und dealen die meisten Schwerstabhängigen". Dieser Beschaffungsdruck fällt bei den Projektteilnehmern weg, so können sie ihr Augenmerk nun eher auf ihre eigentlichen Probleme richten, hoffen Experten. Und nicht nur das: „Der Schweizer Versuch hat gezeigt, dass auch die so genannte Beschaffungskriminalität stark abgenommen hat, weiß Schmid.
Wichtigstes Ziel: Leute in der Therapie halten
Prostitution, Obdachlosigkeit, Schuldenberge, - die Sucht nach dem weißen Pulver hat viele Schreckensgesichter: „Zwar schaffen es manche Abhängige über Jahre hinweg dem Verelendungsprozess zu entgehen, doch es gibt auch genügend, die ohne Wohnung, Familie und Beruf dastehen", weiß Gerd Fürst vom Frankfurter Drogenreferat. „Deshalb ist es besonders wichtig, die Menschen in der Therapie zu halten und sie wieder sozial zu integrieren", betont er. Die Vergabe von Heroin könne seiner Ansicht nach einen wichtigen Beitrag dazu leisten.
Die psychologische Betreuung der Probanden ist ein wesentlicher Pfeiler des Modellprojekts. So wird etwa eine Aufgabe der Sozialarbeiter sein, gemeinsam mit den Süchtigen Lösungen für ihre Problemen zu finden. Hat der Abhängige beispielsweise den Kontakt zu seinen Kindern verloren, wird versucht, über das Jugendamt wieder Kontakt herzustellen. Auch bei den Suche nach einer möglichen Arbeitsstelle helfen die Betreuer.
Auch die Art der Betreuung wird untersucht
Neben der Effektivität des Heroins im Vergleich zu Methadon wird im Rahmen der Studie auch getestet, auf welche Betreuungsform die Probanden besonders gut ansprechen. Während die Sozialarbeiter im Rahmen der Therapieform namens Case Management mit den Probanden einen Hilfeplan erarbeitet und das Vorankommen überwacht, sollen bei den Probanden, die Psychoedukation erhalten, in den zwölf Sitzungen vor allem die Selbsthilferessourcen mobilisiert werden.
Das Fernziel dieses Projekts ist die Abstinenz. Viele Süchtige haben aber zum Teil so lange Drogenkarrieren, dass sie viele Jahre brauchen, um von der Droge loszukommen. Der Frankfurter Drogenberater Fürst sieht den Modellversuch deshalb sehr pragmatisch: "Wir sind froh, die Leute erst einmal am Leben und in der Therapie zu halten.“