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#MeToo in der Mode : Erst mal leiden, um wer zu sein

Kalte Flure, Casting-Direktoren, die jungen Frauen für 24 Stunden verbieten, zu essen, oder Stylisten, die spontan auf die Idee kommen, dass topless, also nackte Brüste, dem Look guttäte: Models bei der New Yorker Modewoche. Bild: EPA

#MeToo ist in der Mode überall. Besonders Models kennen sich mit Psychoterror und sexueller Belästigung aus. Wie gehen Betroffene mit diesem Gefühl von Abhängigkeit und Einsamkeit um?

          Anna Schmitz war 18 Jahre alt, als sie gelernt hat, stark sein zu müssen. Dass der Druck von denen, die sich eigentlich um ihre Karriere kümmern sollen, am Ende zu katastrophalen Folgen für ihr Leben führen kann. Anna Schmitz ist Model und stand mit 18 Jahren gerade vor ihren Abiturprüfungen. In der Schule war sie trotz der Arbeit auf dem Laufsteg immer gut gewesen. Lernen fiel ihr leicht, und deshalb verlegte sie die Abi-Vorbereitung für ein paar Wochen nach Mailand, um parallel ein bisschen zu arbeiten. Dann kam die Option für die Produktion eines wichtigen Magazins. Termin: der Tag ihrer ersten Klausur.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anna Schmitz hatte ihre Agentur lange im Voraus darüber informiert, dass sie schon ein bisschen früher zurück nach Deutschland fliegen würde und deshalb nicht zu buchen sei. Heute ist sich die junge Frau sicher: „Das war völlige Absicht. Ich hatte es ihnen mehrmals gesagt.“ Es war einer der ersten bleibenden Eindrücke, den Anna Schmitz von den drei Menschen bekam, die ihre Agenten waren und die mit dem Instrument von Schikane vor allem ihr eigenes Fortkommen im Blick hatten. „Sie sagten, eine Absage könnte die Beziehungen zu dem Magazin ruinieren.“ Deshalb ihr Rat: Anna Schmitz solle sich ein gefälschtes Attest besorgen – oder die Schule abbrechen. Ein paar Tage vor dem Abi. Für eine Modestrecke. „Mir war klar, dass ich das auf gar keinen Fall mache, aber ich habe dann echt meinen Schulleiter angerufen und gefragt, ob ich die Klausur nachschreiben kann.“ War natürlich nicht möglich. „Total bescheuert, ich habe mir hinterher Vorwürfe gemacht. Aber die drei haben mir das verkauft, als sei die Idee das Normalste von der Welt.“Anna Schmitz sagt auch, dass es deshalb umso schwerer ist, für sich einzustehen, mit 18 sowieso. Natürlich flog die junge Frau im Sommer vor vier Jahren dann einfach nach Hause, und natürlich mussten die Prüfungen nach dem Psychoterror schlecht laufen. Anna Schmitz nennt ihre ehemaligen Agenten „diese Leute“. Diese Leute, die ihr das Gefühl gegeben haben, von ihnen abhängig zu sein. Und allein und verloren.

          Wenig mit dem eigentlichen Alltag der meisten Teenager gemeinsam

          Anna Schmitz arbeitet in einer der großen Modestädte der Welt, wo viele Luxusmarken ihre Firmenzentralen haben. Sie heißt eigentlich anders, hätte gerne ihren echten Namen auf unserer Seite gelesen sowie jenen der Agentur, hinter der diese Leute stehen, gegen die sie Vorwürfe erhebt, die ihr als Model alle Rechte genommen haben. Leider haben die sich abgesichert, mit einer Verschwiegenheitsklausel in Anna Schmitz’ Vertrag. Das nimmt ihr bis heute die Möglichkeit, andere zu warnen und offen über ihre Erlebnisse zu sprechen, die eigentlich wenig mit gewöhnlichen Betriebsgeheimnissen zu tun haben. „Das Grundproblem, dass Models ausgenutzt werden, dass sie nicht darüber informiert werden, was ihnen zusteht, das bleibt. Das ist sehr wohl auch in größerem Stil vorhanden“, sagt Schmitz. Eigentlich ist die Aufgabe einer Modelagentur recht klar: „Sie ist dazu da, jemanden zu vertreten und zu beschützen, dafür zu sorgen, dass denen nichts Schlimmes passiert, dass sie gesund bleiben. Dass sie von perversen Männern ferngehalten werden. Das ist leider nicht immer die Realität, wenn diese Männer zugleich mächtig sind.“

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