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Wolle in Großbritannien With a little help from PC

 ·  Prinz Charles setzt sich dafür ein, dass ein britisches Nationalgut nicht ausstirbt: Die Wolle. Dafür mischt er sich sogar unters Modevolk. Mit Erfolg - seit knapp zwei Jahren ist ein Aufwärtstrend in der Wollproduktion zu beobachten.

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Es war einmal ein Prinz, der liebte die Natur. Wann immer es ging, fuhr er auf seinen Landsitz, ritt über die Felder und spazierte auf den saftig grünen Wiesen. Eines Tages stellte er mit Erschrecken fest, dass es immer weniger Schafe waren, die auf den Hügeln weideten, er bemerkte leere Wiesen, wucherndes Gras und verwaiste Bauernhöfe, in denen einst die Schafe geschoren wurden. Und er wusste, dass er handeln musste, um sein Volk zu retten.

Wenn John Thorley, Präsident der Campaign for Wool, davon erzählt, wie ihn vor knapp drei Jahren ein Brief von His Royal Highness, dem Prince of Wales, erreichte, in dem er über seine Sorge schrieb, dass die Schafzucht aussterben könnte, kam ihm das vor wie ein Märchen. Seit Jahren kämpfte die Textilindustrie darum, den Rückgang des Absatzes von Wolle aufzuhalten. Dass sich aber der britische Thronfolger höchstselbst darum kümmern wollte, schien beinahe unglaublich.

Schafe gehören zum Nationalgut Großbritanniens. Sie prägen die Landschaft und sind Teil jener romantischen Requisiten, die den Reiz der britischen Landschaft auch für Touristen ausmachen. Nicht auszudenken, was eine Rosamunde-Pilcher-Verfilmung wäre ohne grasende Schafe auf saftigen Hügeln vor stürmischem Meer. Würde man noch lachen können über die Wachsmännchen der britischen Animationsserie „Shaun das Schaf“, wenn es keine Schafe mehr gäbe? Sie gehören zur Insel genauso wie die Wolle, die sie produzieren und mit ihnen all die Twinsets, Tweedjacken und Dufflecoats, die daraus gefertigt werden. Das Problem ist nur: Das Interesse an den Wollprodukten ließ in den vergangenen Jahrzehnten nach, sie wurden immer weniger gekauft und bekamen das wenig schmeichelhafte Image, „oldfashioned“ zu sein.

Weltweit von 20 auf 14,5 Millionen

Der Grund dafür sind die neuen Stoffe, die in den siebziger und achtziger Jahren auf den Markt kamen: Lycra, Polyester, Viskose. Mittlerweile können synthetisch hergestellte Stoffe wie Fleece genauso wärmen wie Wolle, sie sind leicht, kratzen nicht, können in der Waschmaschine gewaschen werden, ohne zu verfilzen, und: Sie sind billig. Dennoch fällt es einem britischen Gentleman schwer, etwas Positives über die zum Teil aus Erdöl produzierten Stoffe zu sagen. Peter Ackroyd, Präsident des Internationalen Wollverbands IWTO, trägt zum Interview einen dunklen Wollanzug mit Nadelstreifen, („einen besonders schweren, das mag ich“). Wenn er über das Produkt Wolle spricht, bekommt sein britischer Tonfall eine schwärmerische Note: „Wolle ist atmungsaktiv, sie wärmt im Winter und kühlt im Sommer. Und sie ist umweltfreundlich, leicht abbaubar und zu 100 Prozent ökologisch.“ Und was ist mit Kaschmir, der Wolle größter Konkurrent auf dem Luxusmarkt? Weich und warm? Ackroyd nickt zustimmend und erwidert dann: „Ich besitze keinen einzigen Kaschmirpullover, ich trage nur Wolle.“

Ackroyd kämpft mit ganzem Herzen für das Naturprodukt, das zum größten Teil in Australien, Neuseeland, China und Großbritannien produziert wird. Und wenn er von der Zeit erzählt, als er vor zehn Jahren die Schaffarmer in Yorkshire besuchte und sie darüber klagten, dass sie vom Verkauf der Wolle kaum noch leben könnten, klingt er plötzlich bitter. Die Farmer bekamen für die Wolle ihrer Schafe noch nicht einmal das Geld wieder rein, das sie die Schur der Tiere kostete. Viele gaben auf. Die Population der Schafe ging weltweit von 20 auf 14,5 Millionen zurück.

Die „Wool Week“

Seit knapp zwei Jahren ist ein Aufwärtstrend zu beobachten – in etwa seit sich auch Seine königliche Hoheit engagiert. Damals im Januar 2010 lud Prinz Charles, der seit mehr als drei Jahrzehnten für den Umweltschutz kämpft, die Interessenvertreter von Wolle zu einem Dinner ein und es entstand die Idee der Campaign for Wool, einer großangelegten Kampagne, die das Interesse an dem Naturstoff wieder aufleben lassen soll. Mit seiner Initiative schaffte es Prinz Charles, dass Wollproduzenten aus Großbritannien, Australien und Neuseeland zusammen mit Einzelhändlern, Designern, Künstlern und großen Modehäusern wie Burberry sich dem Thema annehmen. In dieser Woche nun fand zum zweiten Mal die „Wool Week“ statt, bei der unter anderem Einzelhandelsketten wie Harvey Nichols und Marks & Spencer in ihren Schaufenstern und auf speziellen Verkaufsflächen für Wolle werben, genauso wie die Schneider an der Savile Row.

Dass sich Prinz Charles über den Erfolg freut, ist ihm am Mittwochabend anzumerken, wenn auch Euphorie kaum in das Persönlichkeitsbild eines künftigen Königs passt. Er steht er in dem kleinen Ausstellungsraum La Galleria Pall Mall unweit des Trafalgar Square inmitten des kunterbunten Modevolks und eröffnet die Ausstellung „Wool Modern“. Er plaudert angeregt mit Vivienne Westwood und bestaunt die Installation von Angela Wright: ein gigantischer Wollvorhang aus 150 Kilometern Wolle. Die Ausstellung, die ab dem 4. Oktober auch in der Britischen Botschaft in Berlin zu sehen sein wird, soll zeigen, was man mit Wolle alles machen kann: zum Beispiel das „Knit Monster“, ein kunterbunter Ganzkörperanzug der Marke Sibling, in den alte schottische Muster genauso wie Totenköpfe gewebt sind. Oder „The Egg Twin“: zwei schwarze Umhänge mit Kapuze des britischen Designers Giles Deacon aus schwerer gewalkter Wolle mit Schafhaaren auf dem Kopf. „Ich habe sie nur einmal verkauft“, erzählt Deacon lachend und ergänzt ernst: „Ich liebe Wolle, ich habe sie in jeder Kollektion, im Winter und im Sommer.“ Muss man das nicht als britischer Designer? „Nein, denn es ist ein Stoff, der so vielfältig ist wie kaum ein anderer. Das ist der Grund. Man kann mit Wolle richtige Skulpturen schaffen.“

Wieder mehr Schafe

„Wenn Seide die Königin, Baumwolle die Tante und Leinen der Onkel ist, dann ist Wolle der König“, sagt Designerin Vivienne Westwood und erzählt, dass in ihrer Schulzeit jedes Mädchen stricken konnte und ihre Mutter an einem Abend ein ganzes Paar Handschuhe fertigte. Selbst die „Queen of Punk“, die einst britische Symbole durch den Kakao zog, ist stolz auf die britische Wolle, die England geprägt und gewärmt hat, als es noch keine Zentralheizung gab, und die man noch heute brauche, wenn man sein Wochenende auf zugigen Landsitzen verbringe, ergänzt Peter Ackroyd.

Zur „Wool-Week“ strahlt man in London Optimismus aus. Es gebe wieder mehr Schafe, erzählt der australische Schaffarmer Stuart McCullough. Der Preis für Wolle habe sich verdoppelt. „Wolle ist zurück in der Mode“, sagt er strahlend.

Das ist nicht nur Seiner Königlichen Hoheit zu verdanken. Günstig auf die Branche wirkte sich auch das neue Bewusstsein der Konsumenten aus. „Die Menschen kaufen wieder mehr Qualität und nachhaltige Produkte“, sagt Ackroyd. „Ich bin zwar nicht so naiv zu glauben, dass der Eco-Trend unsere Probleme löst, aber die Menschen achten eben zur Zeit mehr darauf, was sie kaufen.“ Hinzu kommt der boomende chinesische Markt. „Früher sagte meine Mutter, wenn jeder Chinese ein Paar Wollsocken kauft, sind wir alle unsere Sorgen los“, sagt der Australier McCullough. „Und ein bisschen davon ist jetzt wahr geworden.“ Auch wenn es eher Anzüge und Pullover aus Wolle sind, die in China gekauft werden. So hat das Märchen sein globales Happy End.

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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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