Home
http://www.faz.net/-gut-ryo6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wanda Ferragamo Auf leisen Sohlen

07.01.2006 ·  Man muß nicht Tausende ausgeben, um elegant zu sein. Ein Hausbesuch von Alfons Kaiser bei Wanda Ferragamo in Florenz, der Urgroßmutter der Mode.

Von Alfons Kaiser, Florenz
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Wanda Ferragamo läßt bitten. Im Palazzo Spini Feroni, ganz in der Nähe des Ponte Vecchio, auf einer Höhe mit den Glockentürmen von Florenz, herrscht gedämpfte Stille. An den Wänden des Empfangssaals alte Stiche von den Siegen des chinesischen Kaisers Qian Long.

Die Werke des Jesuiten Giuseppe Castiglione aus dem 18. Jahrhundert waren eigentlich für den Kaiserlichen Palast in Peking vorgesehen. Jetzt hängen sie in Wanda Ferragamos Reich, knapp darunter die Fotos aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Salvatore Ferragamo mit der ganzen Familie. Salvatore Ferragamo mit Christian Dior und einer hübschen Frau. Wer ist denn das?

„Das bin ich!“ Wanda Ferragamo ist nicht beleidigt. In den viereinhalb Jahrzehnten, in denen sie nun ohne ihren Mann eine Großfamilie und ein Großunternehmen regiert, hat sie stets den guten Namen ihres Mannes vor sich hergetragen, hat sie sich diskret hinter diesem Namen versteckt. Auch an diesem Morgen möchte sie nicht allzusehr ins Licht der Öffentlichkeit treten. Denn montags haben alle Friseure in Florenz geschlossen. „Bitte kein Foto“, bittet die Pressefrau. Aber die Frisur ruht in sich. Und eine Patriarchin genießt wohl auch deshalb Respekt, weil sie am Mittag kurzerhand kippt, was sie am Morgen an Regeln aufstellte. Am Nachmittag ist sie ganz glücklich mit dem Bild, das sich der Fotograf von ihr gemacht hat.

Verlasse dich niemals auf den Ruhm!

Doch Außenwirkung ist nichts ohne Innenleben. Wanda Ferragamo, die 83 Jahre alte Präsidentin einer der wichtigsten italienischen Modemarken, ist Aufsichtsrat der Salvatore Ferragamo Italia S.p.A., der Ferragamo Finanziaria S.p.A. und der Palazzo Feroni Finanziaria, die unter anderem die Hotelkette Lungarno Alberghi S.p.A. kontrolliert. Die Ferragamo-Gruppe, die sich im ersten Halbjahr 2005 mit einem Umsatz von 253 Millionen Euro um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr steigerte, ist unter ihrer Ägide aus den Schuhen hinausgewachsen und macht nun auch Damenmode, Herrenmode, Handtaschen, Lederwaren, Schals, Krawatten, Schmuck, Parfums und Brillen.

Wanda Ferragamo kommt jeden Wochentag und fast jeden Samstag ins Büro: „Wenn es ruhig ist, kann man viel besser arbeiten.“ Sie hat zwei Sekretärinnen, bekommt viel Post - und hatte mit dem Schreiben der Weihnachtskarten schon im Frühsommer begonnen.

Verlasse dich niemals auf den Ruhm! Der Wahlspruch bewahrte sie vor dem Schicksal der Guccis und reiht sie ein in die diskreten italienischen Modefamilien, die Zegna, Missoni und Fendi. Die Ferragamos haben nicht einmal ein Privatflugzeug. Nun gut, Wanda Ferragamo wohnt in einer Villa in den Hügeln von Fiesole, die ihr Mann Salvatore gebaut hat und in der die Kinder groß wurden. Aber sie gewinnt nicht über die Oberfläche, sondern über Disziplin, Fleiß und Bescheidenheit: „Alle meine Kinder und Enkel arbeiten - und keiner macht Blödsinn.“

„Sie sind also der große Ferragamo?“

Man kann nur mutmaßen, wie sie ihren sechs Kindern, den 22 Enkeln und noch mehr Urenkeln ihre Botschaften vermittelt, wie die Sitzungen des familiären Verwaltungsrats aussehen, der neben dem Empfangssaal in der „sala de consiglio“ zusammenkommt. Ist sie bei den Sitzungen immer dabei? „Immer!“ Und was, wenn sie streiten? „Gestritten wird nicht viel!“ Alle immer einig? „Die großen Entscheidungen fällen alle immer gemeinsam.“ Die subtilste Mauer der Verschwiegenheit in diesem wehrhaften Palazzo aus dem Jahr 1289, den ihr Mann 1938 kaufte, ist aber noch immer ihre Offenheit: „Ich kann Ihnen alles erzählen, was Sie wissen wollen. Zum Glück haben wir nichts zu verstecken!“

Keck war sie wohl auch schon mit achtzehn Jahren, als sie Salvatore Ferragamo in Bonito traf, einem kleinen Dorf bei Neapel. Salvatore, 1898 als elftes von vierzehn Kindern armer Bauern geboren, war nach ersten Lehr- und Berufsjahren, seinen Brüdern folgend, nach Kalifornien ausgewandert und Ende der Zwanziger zurück nach Florenz gezogen. Wandas Vater, Dorfarzt in Bonito, hatte den weltbekannten Sohn des Dorfes per Brief um eine Spende für ein Armenheim gebeten. Salvatore ließ sich nicht lange bitten, schickte Geld, und das Haus wurde gebaut. Um sein Werk zu besichtigen, setzte er sich im September 1940 in seinen Alfa Romeo und fuhr die sieben Stunden nach Kampanien in sein Heimatdorf.

Der Dorfarzt war nicht zu Hause. Aber seine Tochter Wanda, der in dem gottverlassenen Flecken entschieden zu wenig passierte, freute sich, daß endlich mal jemand vorbeikam: „Sie sind also der große Ferragamo?“ - „Ja!“ - „Gratulation für ihren Beitrag zur Eleganz der Frauen!“ - „Ah, Sie kennen mich? Woher?“ - „Aus den Magazinen!“ Da hatte Wanda, schon damals eine gute Öffentlichkeitsarbeiterin, geflunkert: Die Magazine kamen nicht bis nach Bonito. Aber sollte sie sagen, daß sie beim Dorftratsch auf der Straße von ihm gehört hatte? Salvatore drehte sich zu seiner Begleiterin und sagte: „Dieses Mädchen wird meine Frau sein!“ Überhaupt war er ein Mann von schnellen Entschlüssen: „Er wollte bald heiraten, denn er hatte zu tun.“

Die Schuhe der Amerikaner: „Wie Kartoffeln!“

Ihr Vater war über den Altersunterschied - sie 18, er 42 - nicht glücklich: Er wußte eben noch nicht, daß da eine Verbindung entstand, die mit der Geburt Salvatores ins 19. Jahrhundert und mit seiner rüstigen Witwe Wanda bis tief ins 21. Jahrhundert reichen würde. Der Vetter vermittelte, und bald darauf heirateten sie in Neapel. Nun kam auch Wanda Ferragamo in die große Welt, nach Florenz und immer wieder nach Amerika. Wie die Schuhe der Amerikaner damals aussahen?

„Horrrible! Horrrrible! Wie Kartoffeln! Und sehr, sehr schwer!“ Die Mission ihres Mannes, Schuhe feiner und leichter zu machen, steckte sie an. Sie kümmerte sich um ihre Kinder, repräsentierte fürs Unternehmen und nahm die wichtigen Kundinnen an die Hand. Königin Margrethe II. von Dänemark zum Beispiel - „eine sehr einfache, sehr nette Dame“ - kommt noch heute öfters in Florenz zum Einkaufen vorbei.

Als Salvatore im Jahr 1960 plötzlich starb, stand sie, 38 Jahre alt, mit sechs minderjährigen Kindern da. Nach allem, was er durchgemacht und erreicht hatte, wollte sie sein Erbe nicht verkommen lassen. Die Fabrik lief. „Und die Arbeiter“, sagt sie, „waren treue Leute: Es gibt noch heute eine Mitarbeiterin, die schon mit Salvatore gearbeitet hat!“ Die Familienpolitik hatte ohnehin schon über den Fortgang entschieden. Salvatore hatte ein Jahr zuvor neben seinen großen Schreibtisch einen kleinen Tisch für seine sechzehnjährige Tochter Fiamma gestellt, die eigentlich studieren wollte, sich aber von den Eltern davon abbringen ließ: „Seit dieser Lehrzeit schätzte sie sich immer glücklich, auf ihren Vater gehört zu haben. Sie lernte so viel!“

„Schönheit ist ein natürliches Geschenk“

Fiamma und bald all ihre Geschwister arbeiteten mit am Familien-Universum. Jedes Kind konnte wählen zwischen Design, Marketing, Vertrieb: „Jeder bekam das gleiche Gehalt, den gleichen Besitz, so daß sie sich nicht stritten.“ Die im Jahr 1998 gestorbene Fiamma, der Vorstandsvorsitzende Ferruccio, Leonardo, Giovanna, Fulvia, die in Mailand arbeitet, und Massimo, der jüngste und diplomatischste, der die Marke in Amerika vertritt, arbeiten sich seither am Mythos ihres Vaters ab.

Die meisten ihrer vielen Kinder haben schon wieder Kinder: So kommt Wandas Urenkelin Emily, Tochter des Ferruccio-Sohns James, oft morgens herbeigesprungen, wenn Wanda ins Büro will: „Wie ein kleines Püppchen! Crrazy, crrrazy!“ Das Kindermädchen muß am Eingang warten und bekommt nach einer Runde in der Limousine ein glückliches Kind zurück. „Das ist so eine kleine Sünde von mir!“

Schon auf dem Weg in die Stadt, zum Palazzo am Arno-Ufer, wird sie dann auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Denn welche Schuhe sieht sie, wenn sie aus ihrem Wagen auf die Straße schaut? „Horrrible! Ich habe wirklich etwas gegen so manche Moden. Vieles ist so vulgär. Die Schuhe sind oft klobig, die Damen mit viel Schmuck behängt. Die Frauen verlieren an Würde, wenn sie übertreiben.“ Wanda Ferragamo ist nicht verschlossen gegen Neuerungen: „Ich verstehe, daß die Zeiten heute anders sind. Aber man sollte es nicht übertreiben! Schönheit ist ein natürliches Geschenk.“ Sie möchte dennoch versöhnlich klingen: „Was schön ist, muß auch anerkannt werden. Man muß nicht Tausende ausgeben, um elegant zu sein.“

„Ich habe viele Urenkel“

Der reduzierten Ästhetik entsprechen die geradezu preußischen Werte. Ihr wichtigstes Ziel ist es, die Familie und damit das Unternehmen zusammenzuhalten. „Ich habe zwar viele Urenkel, aber nur ein paar von ihnen, die wirklich interessiert und fähig sind, sollen ins Unternehmen kommen.“ Immer drei, so sagt es Ferruccio, der Vorstandsvorsitzende, sollen die Firma leiten. Vorherbestimmt sind wohl Diego di San Giuliano, Sohn von Fiamma, Manager für Produktentwicklung der Damenschuhe, Angelica Visconti, Tochter von Fulvia, die ebenfalls leitend in der Firma arbeitet, und James, der fürs Merchandising zuständig ist. Und die anderen? „Die müssen sich etwas anderes suchen“, meint Ferruccio. „Die eine arbeitet im Umweltschutz, der andere ist Ingenieur, meine Tochter Vivia hat ihre eigene Modelinie.“

Wandas Söhne sprechen Englisch, ihre Enkel auch Französisch, die Urenkel, so würde sie es sich wünschen, sollten Chinesisch lernen, um den nächsten Luxusmarkt kennenzulernen. Aber nachdem sie sich immer der Zukunft gewidmet hat, der Diversifizierung und Globalisierung, hängt Wanda Ferragamo nun auch der Vergangenheit an. Sie kauft möglichst viele alte Ferragamo-Schuhe zurück, die noch nicht in dem von Stefania Ricci geradezu mustergültig geführten Archiv stehen. Vor kurzem erst fand sie die Liste all der Materialien, mit denen Salvatore im Krieg arbeitete, als man kein Leder benutzen durfte: Stroh, Cellophan, Leinen, Baumwolle, Seeleopardenhaut.

Manchmal reist sie noch weiter in die Vergangenheit. Jeder Flug nach New York bringt sie Salvatore und seiner amerikanischen Geschichte näher. Als vor zweieinhalb Jahren der große Laden an der Fifth Avenue eröffnet wurde, gleich gegenüber vom Rockefeller Center, ging sie, als sie die Schaufenster sah, erst einmal an die Arbeit: Die Kleider im Fenster zur Fifth Avenue mußten anders arrangiert werden. In letzter Minute hielt sie wieder einmal den Namen Salvatore Ferragamo in Ehren, der in roten Lettern an der Fassade leuchtete. Abends stand sie im Gedränge der Weltstars und der Lokalprominenz, eisern lächelnd, bis Mitternacht.

Quelle: F.A.Z., 07.01.2006, Nr. 6 / Seite 8
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

Jüngste Beiträge