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Vor 60 Jahren „Der originellste Badeanzug hieß Bikini“

05.07.2006 ·  Kann etwas wie der Bikini in die Jahre kommen? Vor 60 Jahren trat der Bade-Zweiteiler im Pariser Jugendstilbad Molitor seinen Siegeszug an - und ist so jung wie eh und je.

Von Florentine Fritzen
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Jean-Francois und der Bikini kamen im selben Jahr zur Welt. Beide sind jetzt sechzig, Jean-Francois schon ein bißchen länger, der Bikini erst seit diesem Mittwoch. Am 5. Juli 1946 stellte Louis Reard der Welt seinen Badezweiteiler vor. Als Ort für das Spektakel wählte der Modeschöpfer das Pariser Jugendstil-Schwimmbad Molitor im Nordwesten der Stadt. Jean-Francois betrat das Bad am Bois de Boulogne erst zwölf Jahre später zum ersten Mal.

Dafür sitzt der Franzose auch an diesem heißen Mittag im Juli noch vor der runden Säulengangfassade des Molitor, müde vom Leben, und verspeist ein Sandwich. Mit einem Plastikmesser stochert er in einer Büchse und träufelt rote Paste auf labberiges Weißbrot. Ein bißchen was geht daneben. Jean-Francois ist oft hier, auch wenn er sagt, er wohne irgendwo da hinten bei seinem besten Freund, der ihm aus der Misere geholfen habe. Der Bikini hingegen verschwand vor siebzehn Jahren aus dem Molitor - ganz wie das Wasser. Das neusachliche Bauwerk des Architekten Lucien Pollet schloß 1989. Seitdem träumt es in seinen blaßgelben Mauern vor sich hin und verfällt. Sechzig Jahre zuvor, 1929, hatte der Schwimmer und Olympiasieger Johnny Weissmueller das moderne Bad feierlich eröffnet.

Ordentliche Mannequins weigerten sich

Daß die Bademodenschau des wolkig-warmen 5. Juli 1946 in einem Avantgarde-Bau verblichener Zeiten stattfand, wies zugleich in eine bessere Vergangenheit und eine bessere Zukunft. Die Zeitung „L'Aurore“ schrieb tags darauf: „Das Schwimmbad Molitor hat zur alten Pracht seiner großen Feste aus der Vorkriegszeit zurückgefunden.“ Zweiter Höhepunkt neben der Schau war eine Miss-Wahl unter den Besucherinnen. Sie dürften allesamt mehr Stoff am Leib gehabt haben als die Models des Louis Reard.

Vor 60 Jahren: „Der originellste Badeanzug hieß Bikini“

Zur neuen Mode vermerkte der Reporter von „Aurore“: „Der originellste Badeanzug hieß Bikini.“ Andere Beobachter regte das moderne Kleidungsstück auf. Reard provozierte zusätzlich, indem er den Bikini von Frauen aus dem Rotlichtmilieu vorführen ließ. Ordentliche Mannequins hatten sich geweigert, derart arm an Kleidung über den Schwimmbad-Laufsteg zu schreiten. Eines der Bikini-Modelle war Micheline Bernardini, hauptberuflich Stripteasetänzerin im Casino de Paris. Auf den Fotos aus dem Molitor posiert sie auf Keilsandalen in einem Oberteil mit Spaghettiträgern und einem Höschen, das hoch in der Taille sitzt, nur knapp unter dem Nabel.

„Monument historique“ verfällt

Auch bei der Namensgebung des Bikinis bewies Louis Reard Sinn für gute Öffentlichkeitsarbeit. Er wählte einfach ein Wort, das seit vier Tagen längst in aller Munde war. Am 1. Juli hatte der amerikanische Präsident Harry S. Truman die ersten Nukleartests der Nachkriegszeit über dem Bikini detonieren lassen, einem Atoll der Marshall-Inseln. Als kurz darauf der Bikini aus Stoff in die Zeitungen drang, war das Wort der aufgeweckten Welt längst ein Begriff.

Das Molitor ist vielen keiner mehr. Zwar hat es der französische Staat inzwischen zum „Monument historique“ erklärt. Aber davon verschwinden noch lange nicht die Graffiti von den Mauern, die das Rechteck zwischen vier Straßenzügen im 16. Arrondissement nachziehen. Die Rundfenster, deren Scheiben aus Buntglas und Stahl einst frohe Menschen beim Bade zeigten, sind mit Waschbeton zugeklatscht. Am Eingang, vor dem Jean-Francois sein Sandwich ißt, ist von der Hauptkasse nichts mehr zu sehen. Alle Türen sind verrammelt oder durch grobes Mauerwerk ersetzt. Das Innere, von dessen gußeiserner Schönheit alte Fotos künden, bleibt Geheimnis.

Verbote und Anti-Bikini-Vereine

„Schade um den Platz“, sagt Christiane Gonnet, die in der Nähe arbeitet. Es habe Pläne gegeben, den Komplex abzureißen und ein Hotel zu bauen. „Andere wollen, daß das Schwimmbad wieder errichtet wird. Wie auch immer, so, wie es jetzt ist, sieht es furchtbar aus.“ Vom großen Auftritt des Bikinis im Molitor hat Madame Gonnet noch nichts gehört. „Ach? Ich habe nur gelesen, daß der Bikini jetzt sechzig wird.“

Eine solch lange Lebensdauer wünschten ihm viele anfangs nicht. Bei weitem nicht alle Zeitungen lobten den Bikini so entschieden wie der Reporter der Pariser „Aurore“, auf deutsch Morgenröte, deren programmatischer Name ja schon auf eine gewisse Offenheit für Neues hindeutet. Auf Reards Schau folgten Bikini-Verbote in der ganzen Welt. Besonders Eifrige gründeten Anti-Bikini-Vereine. Der Bikini aber war stärker als die Kritik und wurde schon in den fünfziger Jahren allmählich Teil des Schwimmbad- und Strandalltags, auch wenn er dem Badeanzug erst Jahrzehnte später ernste modische Konkurrenz machte. Und im Rückblick erscheinen die frühen Bikini-Modelle mit ihrer groben Textur und ihren großflächigen schwarzweißen Mustern so gar nicht revolutionär, sondern als Inbegriff behäbiger Fünfziger-Jahre-Spießigkeit.

Auch als Jean-Francois 1958 zum ersten Mal in dem Schwimmbad war, das jetzt hinter seinem Rücken schlummert, trugen manche Frauen Bikinis. Jean-Francois hat schon ein paar Bier getrunken, aber er kann sich noch genau daran erinnern. Eis habe es am Kiosk gegeben und Bonbons. Von einem Becken weiß er noch, das nur dazu da war, die Füße baumeln zu lassen. Und von einem Cafe. „Da waren schöne Frauen. In Bikinis. Ich war sehr interessiert. Ich kannte ja nur meine Mutter.“ Dann kramt Jean-Francois noch etwas aus seinem Gedächtnis hervor. „Das waren aber noch keine Strings damals.“

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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