28.01.2012 · In den Sechzigern galten die Ungarn als die besten Schneider Londons. Heute droht die Kunst selbst in ihrer Heimat auszusterben. Zu Besuch bei einigen der Letzten ihrer Zunft.
Von Sebastian Garthoff, BudapestAuf dem Andrássy-Boulevard in Budapest reiht sich Tür an Tür, was in der Modewelt Rang und Namen hat: Louis Vuitton, Ermenegildo Zegna, Gucci, Burberry oder Roberto Cavalli. Stolze Ware für einen stolzen Preis. Die Branche hat die ungarische Hauptstadt längst für sich entdeckt – und die nimmt es dankend an.
„Die Dinge haben sich definitiv verbessert, ein eleganter Stil ist nach Budapest zurückgekehrt“, sagt Simon Skottowe. In einer kleinen Seitenstraße des Andrássy-Boulevards, nur einen Steinwurf von Budapests prächtigem Opernhaus entfernt, führt der Engländer seinen Salon. Was er hier macht, hat in der ungarischen Hauptstadt heute Seltenheitswert. Simon Skottowe ist einer der letzten traditionellen Herrenschneider von Budapest. Jedes seiner Produkte ist ein Unikat, individuell gemessen und geschneidert, ganz im Stile des klassischen englischen bespoke. Er kleidet, sagt er, nicht den Kunden ein, sondern dessen Persönlichkeit. Er führt ihn, er versteckt, was es zu verstecken gilt, er hebt hervor, was es hervorzuheben gilt.
Die traditionellen ungarischen Herrenschneider haben sich in den vergangenen Jahrzehnten entweder in den Bankrott oder in den Ruhestand verabschiedet. Skottowe aber sah zur Jahrtausendwende die Möglichkeit für einen Neuanfang. „Der Markt war offen, die Leute hatten Geld, und die Nachfrage war da, doch es war sehr schwer für die Kunden, Qualität zu kaufen“, sagt der 45 Jahre alte Engländer, der nach seinem Abschluss am Harrow College zunächst zehn Jahre in Mailand arbeitete, bevor er Ende der neunziger Jahre zu einer großen englischen Bekleidungsfirma nach Budapest wechselte. Nachdem sein Vertrag ausgelaufen war, entschied er sich, in der Stadt zu bleiben und eine Tradition wiederzubeleben, die Budapest fast schon vollständig verloren hatte.
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte sich Budapest zu einer der am schnellsten wachsenden, spannendsten Metropolen Europas entwickelt. Arbeiter strömten vom Land in die Stadt, die Jobs in der Industrie sorgten dafür, dass das Proletariat bald die größte Klasse stellte, doch der Ton der Stadt war bourgeois. „Die bürgerliche Uniformität von europäischen Kleidungstilen wurde allgegenwärtig“, schreibt John Lukacs in seinem kulturhistorischen Meisterwerk „Budapest 1900“. Auch die junge Arbeiterklasse nahm die städtischen Gepflogenheiten schnell an, stellte die Stiefel in die Ecke und kleidete sich in Schuhe und Anzug. Für die Herrenschneider waren es goldene Zeiten.
Die Tradition der Budapester Herrenschneiderei führten die emigrierten ungarischen Juden nach dem Zweiten Weltkrieg in London fort. Skottowe hat noch heute seinen ehemaligen Meister im Ohr: „Die besten Schneider in London sind die Ungarn.“
Dort, vor allem in der weltbekannten Savile Row, liegt seit dem 18. Jahrhundert das Zentrum dieser von Männern für Männer ausgeübten Kunst, von hier wandert der Begriff des gentleman in die Welt. Während Schneider bis zum 17. Jahrhundert von der Mode beherrscht wurden, avancierten sie nun zu Herrschern der Mode.
Einer, der sein Handwerk mit in die Wiege gelegt bekam, ist Tamás Jáni. „Die Menschen haben sich früher sehr elegant gekleidet, und wenn jemand einen Anzug brauchte, ging er zum Schneider“, erzählt er und hantiert nebenbei mit Fingerhut und Nadel. „Úriszabó“ steht schlicht auf dem Schaufenster seines Geschäfts auf der Budaer Seite der Stadt: Herrenschneider. Einige Stufen geht es vom Bürgersteig in die Tiefe, dann öffnet sich ein Zeichensystem aus Stoffen, Falten, Formen und Farben. Die Werkstube eines Herrenschneiders, wie sie vor knapp einem Jahrhundert ausgesehen haben mag.
Tamás Jáni führt den Familienbetrieb „Mihály Jáni & Sohn“ in dritter Generation, nach seiner Ausbildung an der mittlerweile aufgelösten Bekleidungsindustrie-Fachschule „Ilona Vámos“ arbeitet er seit 1988 zusammen mit seinem Vater, Tag für Tag an die zehn Stunden und mehr. Viel Zeit für die Familie bleibt Jáni, 43, da nicht mehr. Und viel Geld zum Leben auch nicht. Vier Anzüge kann er pro Monat schneidern und verdient damit umgerechnet 530 Euro. Nach allen Abzügen bleiben ihm monatlich 360 Euro.
Das Herrenschneidergeschäft hatte sein Großvater 1932 gegründet, heute ist es das älteste in ganz Budapest. Den Wandel hat die Familie Jáni hautnah miterlebt, auch die Zeiten nach dem Krieg, in denen Anzüge mit Marken oder auch mit Fleisch bezahlt wurden. Von den fünf Schneidern, die es in ihrer Straße gegeben hat, sind sie die einzig Verbliebenen. Die Anzahl an traditionellen Herrenschneidern in Budapest kann Jáni heute an einer Hand abzählen.
Für die Verbliebenen wie Jáni oder Skottowe ist das Handwerk nicht nur physisch, sondern auch mental eine harte Arbeit. Moderne industrielle Konfektionsfertigung ist stark arbeitsteilig organisiert, die Produktion unterteilt in die Bereiche Zuschneiden, Zusammenstellen der zugeschnittenen Teile und des Zubehörs, Nähen und Qualitätskontrolle.
Beim klassischen Herrenschneider kommen all diese Aufgaben zusammen. Ein Anzug verschlingt so etwa 45 Arbeitsstunden. Fehler darf man sich keine leisten, schließlich steht die Zufriedenheit des Kunden über allem. Der Stolz eines Schneiders ist dementsprechend groß. „Schneidern ist auch eine Prestigefrage, gerade gut ist nicht gut genug“, sagt Tamás Jáni. „Und ist ein Kunde nicht zufrieden, kommt er nicht wieder.“
Ein maßgeschneiderter Anzug ist neben einer Frage des Anspruchs auch eine Frage des Geldbeutels. Auch wenn ein Anzug in Budapest ab 1000 Euro zu haben ist und damit für gut ein Drittel der westeuropäischen Preise, rekrutiert sich der Kundenkreis vorwiegend aus der besserverdienenden Klientel: Politiker, Botschafter, Geschäftsleute aus dem In- und Ausland. Tamás Jáni erzählt mit Stolz, dass sich in den vergangenen achtzig Jahren eine stabile Stammkundschaft aufgebaut habe.
„Der Anspruch wird bleiben“, gibt sich Jáni zuversichtlich. Doch er weiß auch, wie schlecht es um seine Zunft steht. Sie ist in ihrer Existenz bedroht. Vor allem am Nachwuchs mangelt es. Eine Untersuchung der Budapester Industrie- und Handelskammer aus dem Jahr 2008 zählte auch die Herrenschneider zu den vom Aussterben bedrohten Handwerksberufen in Ungarn. Gründe des Niedergangs seien vor allem die fehlenden Ausbildungsmöglichkeiten.
„Wenn man jemanden ausbildet, kostet dich das hier ein Vermögen“, klagt Simon Skottowe, der die Zukunft seiner Profession skeptisch beurteilt. „Ich bin recht zufrieden mit dem, was wir tun. Es gibt auch keine Konkurrenz in der Stadt, langfristig jedoch bin ich mir nicht sicher. Man muss immer die aktuelle Situation im Auge haben.“ Besonders in der Krise sei es schwer gewesen, die Kunden zu halten, so Skottowe. „Man denkt dann eben zweimal darüber nach, ob man sich einen Anzug für 1000 Euro leisten will.“ Das Ansehen der klassischen Herrenschneider in Budapest mag nach wie vor hoch sein. Nur kaufen können sie sich allein davon nichts.