27.05.2010 · Wenn Technik auf Textilien trifft, entsteht eine neue Form der Mode - „wearable electronics“. Noch tragen die Entwürfe vor allem Popstars, doch bald könnten die Bekleidungshybride einen breiteren Markt ansprechen.
Von Anke SchippDen ersten Eindruck, den die Gäste der Mode-Gala Anfang Mai im New Yorker Metropolitan Museum von Katy Perrys weißem Kleid hatten, war: etwas langweilig, zu altmodisch und zu damenhaft für eine 26 Jahre alte Popsängerin, die sonst eher freizügig über die Bühne rennt. Aber Katy Perry wartete noch eine Weile, bis sie das Feuerwerk zündete. Sie betrat die leicht abgedunkelte Halle und legte den Schalter in ihrem BH um. Es machte klick, und Katy Perrys Kleid strahlte plötzlich wie eine Leuchtreklame, erst rosa, dann grün, dann gelb. Es war der Überraschungshit des Abends - und das Kleid, über das in den nächsten Tagen in Modeblogs und Boulevardzeitungen am ausführlichsten berichtet wurde.
Bislang war High-Tech-Mode ein Nischenprodukt, das in der Sportwelt und im medizinischen Bereich, also überall dort, wo es funktional zugeht, gefragt war. Doch mit Katy Perrys Auftritt vor knapp drei Wochen zeigte sich: Hightech-Entwürfe sind tragbar, originell und celebrity-tauglich. In der Sprache der Mode heißt das: Sie sind zu begehrenswerten Objekten geworden. Anders als im üblichen Modedesign geht es bei Hightech-Mode weniger um Schnitte, Farben und Muster, sondern darum, Stoffe mit einer zweiten Dimension zu verknüpfen, ihnen mit Hilfe von Elektronik Leben einzuhauchen. Mitunter sind es hochkomplexe Produkte, die, wenn man unter den Stoff blickt, wie das Innenleben eines Computers aussehen.
Spektakuläre Möglichkeiten
Vielleicht ist es das, was High-End-Designer stets abschreckte. Zu den wenigen experimentierfreudigen unter ihnen gehört Hussein Chalayan, der sich bevorzugt im Grenzbereich zwischen Kunst und Mode bewegt. Der Brite zyprischer Herkunft zeigte auf dem Laufsteg in Paris ein Kleid mit Videobildschirm, auf dem Filme zu sehen sind. Vor drei Jahren präsentierte er zudem eine Jacke, aus der rote Laserstrahlen blitzten. In Produktion sind die Teile niemals gegangen, aber sie zeigten auf spektakuläre Weise, was in der Mode alles möglich ist - und wie die Couture der Zukunft aussehen könnte.
Doch Hussein Chalayan, vermutlich in Elektronik wenig bewandert, brauchte Hilfe, um die Kleider zum Leuchten zu bringen. Der Mann, der als Experte für die Fusion von Mode und Elektronik gilt, heißt Moritz Waldemeyer. In seinem Studio im Südwesten von London tüftelt er stets so lange mit Kabeln, Dioden und Leuchten herum, bis auch die ausgefallensten Wünsche realisiert werden können. Waldemeyer, der aus Halle stammt, ist wie viele, die sich mit Hightech-Mode beschäftigen, eine Mischung aus Designer und Techniker - und kam eher zufällig dazu, sich mit „smart fashion“ auseinanderzusetzen. Er studierte eine Mischung aus Maschinenbau und Elektrotechnik und arbeitete während des Studiums bei der Firma Philips in einem Forschungslabor, das sich mit „wearable electronics“ beschäftigte. „Dort wurde viel experimentiert, ohne dass man den Druck hatte, in Serie zu gehen“, erzählt er. Später machte er sich selbständig und gilt seitdem nicht nur in London als Experte für Hightech-Design.
U2-Sänger Bonos Lieblingsjacke kommt von Waldemeyer
Meistens muss alles ziemlich schnell gehen. Wie nach dem Anruf, den er im vergangenen Herbst bekam, als die Stylistin des irischen Sängers Bono anrief. Die Welttournee von U2 stand an, und Frontman Bono wünschte sich eine blitzende Jacke, mit der er über die kreisförmige Bühne hechten konnte. Waldemeyer machte sich ans Werk und stattete die Jacke, gefertigt von Schneidern aus der berühmten Londoner Savile Row, mit roten Laserdioden aus. Bono gefiel das Stück, und er erklärte es zu seiner Lieblingsjacke, wie Waldemeyer aus dem Management erfuhr. Für den zweiten Teil der Tournee, die bald beginnt, wünschen sich nun alle Bandmitglieder eine solche Jacke.
In der Musikszene haben sich Waldemeyers Qualitäten, mit denen er spektakuläre Bühneneffekte erzielen kann, herumgesprochen. Er fertigte bereits mit Lasern dekorierte Outfits für die Sänger Rihanna und Mika an und entwickelte für die Band Ok Go Jacken mit einer Laufschrift auf dem Rücken. Für einen Tanzfilm produzierte er Schuhe, die mit Sensoren ausgestattet sind, die auf Tanzschritte reagieren und zu leuchten beginnen.
Bald könnte ein breiter Markt angesprochen werden
Waldemeyer glaubt, dass das Thema Hightech-Mode in den vergangenen Monaten an Zugkraft gewonnen hat. Tatsächlich liefern sich eine Reihe von Institutionen einen regelrechten Wettbewerb um die neuen Kleider. Das Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM), das sonst bekannt ist für Forschungsprojekte, deren Inhalte für den Laien nahezu unverständlich sind, präsentierte kürzlich ein neuartiges LED-Display, das sich fast unsichtbar in Kleidungsstücke einarbeiten lässt und die Bewegungen der Träger erspürt und in Lichtwellen umwandelt: Je mehr sich das Kleid bewegt, desto heller leuchtet es. Das Schweizer Stickereiunternehmen Forster Rohner entwickelte in St. Gallen zusammen mit dem dänischen Designer Diffus ein Kleid mit Hunderten kleiner LEDs, die komplett in die Stickerei integriert sind, da der Strom mit Hilfe leitfähiger Garne weitertransportiert wird. „Noch ist die Technologie nicht so weit, dass sie den Massenmarkt bedienen kann“, sagt Projektleiter Jan Zimmermann. Noch würden die Leuchtdioden mit der Hand aufgenäht. „Erst wenn wir diesen Prozess automatisieren können, könnte ein breiterer Markt angesprochen werden“, ergänzt Zimmermann.
Immerhin eine kleine „Ready to Wear“-Kollektion bietet die amerikanische Firma Enlighted Designs aus Kalifornien an, auf deren Internetseite man Westen, Krawatten und Büstenhalter bestellen kann, die leuchten. Auch Sonderanfertigungen werden angeboten. Die Firmengründerin Janet Cooke Hansen nennt sich „Light-up Clothing Designer“ und hat angeblich schon als Kind ihr Puppenhaus mit Leuchten aufgefrischt. Seitdem experimentiert sie fröhlich mit Stoffen und Kabeln. Die Londoner Marke CuteCircuit sorgte vor drei Jahren mit dem Hug Shirt für Aufsehen, das über Sensorenfelder verfügt, die Druck mit Hilfe von Bluetooth an Handys weitergeben können. Trägt der Empfänger am anderen Ende auch ein Hug Shirt, kann er die Umarmung des Senders spüren. CuteCircuit hat auch das Kleid für Katy Perry entworfen, das mit immerhin 3000 LEDs ausgestattet wurde, die über einen Schalter im BH gesteuert werden. Damit wurde erreicht, dass High-tech-Mode, über die sonst nur in Computermagazinen berichtet wird, in der Modewelt ernst genommen wird. Das New York Magazine schrieb: „Der schönste Teil des Abends war Katy Perrys Light-up Dress.“
Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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