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Supermodel Die vielen Gesichter der Heidi Klum

29.09.2003 ·  Ihre Karriere als Model begann vor zehn Jahren. Heute setzt Heidi Klum alles daran, nicht nur auf das Supermodel reduziert zu werden: Sie entwirft ihre eigene Kollektion, schreibt ein Buch und moderiert in der Mongolei.

Von Alfons Kaiser
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Heidi ist Heidi. Diesen ersten Grundsatz ihrer Karriere würde Heidi Klum nicht so formulieren. Aber wenn sie aus ihrem Leben erzählt, hört man ihn aus jedem zweiten Satz. Und wo sie von ihrem Leben erzählt, spürt man es auch: Nicht im Mercer Hotel trifft man die New Yorkerin zum Tee, sondern in einer der 132 Starbucks-Filialen, die es im Umkreis von fünf Meilen gibt (New Jersey nicht mitgerechnet). Sie trägt schwarze Jeans, schwarze Jeansjacke, blonde Haare, Sonnenbrille. Wären da nicht die neongrün und neongelb leuchtenden Schuhe - sie fiele höchstens wegen ihrer Unauffälligkeit auf.

Die Farbenfröhlichkeit läßt auf Experimentierfreude schließen, und wie zum Beweis bestellt sie sich einfach einmal einen Tazo Tea. Nach Berichten von Teeologen wird der schon seit 7000 Jahren wegen seiner beruhigenden und verjüngenden Wirkung getrunken. Aber von wem? Heidi Klum nimmt einen Schluck und prustet ihn fast wieder aus. Er schmeckt so süß, daß er garantiert nicht aus dem alten Ägypten, sondern aus der Neuen Welt stammt. "Den kann ich nicht trinken."

„Man möchte gut rüberkommen“

Die Bedienung tauscht das Süßwasser ohne Ansehen der Person in einen Earl Grey um. So ist Heidi Klum wieder näher an ihrem Geschmack und also mitten im Thema. Sie will es genau wissen. Vor einer Kampagne informiert sie sich: Wie sieht der Spot aus? Was ist das Konzept? Schickt ihr mir das Layout? Welche Kleider? Wer macht das Make-up? "Man möchte gut rüberkommen." Es gibt auf der Welt viele Auffassungen, wieviel Haut bei einem Bikini-Shooting zu sehen sein soll und kann und darf. Sie ist da lieber vorsichtig.

Auch das Eine-Million-Dollar-Angebot des "Playboy" lehnt sie ab. Zu leicht können Bilder billig aussehen: "Ich möchte natürlich erscheinen, möchte wiedererkennbar sein, nicht zu stark geschminkt, möchte wie ich rüberkommen, nicht wie eine aufgezickte Frau mit dickem Make-up, Mascara und rotem Lippenstift." Bisher zahlt es sich aus. Ihre Model-Karriere begann vor zehn Jahren, brachte sie vor fünf Jahren auf den Titel von "Sports Illustrated" und geht immer so weiter: "Es läuft gut." So gut, daß sie nun auch als Designerin, Moderatorin und Autorin zu sehen, lesen und hören ist: "Wenn man einen Schritt gegangen ist, darf man nicht aufhören. Viele Leute mit Erfolg gehen so darin auf, daß es der letzte war."

Yoghurt-Gums zwischen den Zehen

Heidi ist Heidi ißt Katjes. Die Werbefilme sind witzig (im neuen Spot kommt sie ins Hotelzimmer, leert ihre große Tasche, und nur Katjes-Tüten fallen heraus), der Werbespruch ist einfach einprägsam ("Katjes-yes-yes-yes"). Katjes wächst und wächst mit Heidi: Vergangene Woche eröffnete sie in Emmerich das dritte Werk, bis zu 100 Arbeitsplätze hat sie mit ihrer Werbung geschaffen. Sogar Moderator Reinhold Beckmann, jüngst gern kritisch, wird sich am Montag abend in seiner (aufgezeichneten) zweihundertsten ARD-Show, bei der sie zu Gast ist, Yoghurt-Gums zwischen die Zehen klemmen.

Und alles dreht sich um ein Produkt, das sie mag: Man kann mit ihr lange über Katjes-Kinder und Katjes-Pfötchen debattieren. Wenn sie zurückkommt nach New York, geht sie mit schweren Koffern und schlechtem Gewissen durch den Zoll, wegen all der Gums und Pfötchen im Gepäck.
Heidi will Heidi bleiben. Deshalb arbeitet sie viel, aber nicht zuviel. Sie macht Kampagnen in aller Welt und hat schon Shampoo, Lippenstifte, Telefone, Süßwaren beworben.

„Ich versuche, verträglich zu sein“

Je bekannter sie ist, desto besser laufen die Produkte. Aber wenn sie abends nach langem Flug zum Aufnahmeort kommt und noch zwei Stunden durchs Fitting gehetzt werden soll, dann sagt sie auch mal: "Leute, seid mir nicht böse, das machen wir morgen. Irgendwie bekommen wir das gewuppt." Kann das wachsende Selbstbewußtsein nicht auch gefährlich sein? "Ich versuche, verträglich zu sein." Und sie versucht, zügig zu arbeiten, dann hat sie Zeit für Shila, ihre Hündin, die sich ansonsten mit dem Dogsitter, und für Flavio, ihren Freund, der sich ansonsten mit der Formel1 beschäftigt.

Inzwischen hat sie auch die richtigen Agenturen für Modelling, Fernsehauftritte und PR. "Wichtig ist, daß man viele Leute hat, am wichtigsten, daß man der Anführer ist. Ich kann immer noch selbst entscheiden." Nicht nur darin unterscheidet sie sich von anderen Models: "Ich arbeite mich auch nicht kaputt. Man kann sehr schnell sehr viel machen - und danach ist man tot."

Heidi versucht, ihr Image zu korrigieren

Heidi ist nicht nur Heidi. Das ist so etwas wie der zweite Grundsatz ihrer Karriere. Sie will sich nicht einengen lassen auf das Bild der Werbefigur. Natürlich ist sie weiter auf "Elle" und "Cosmopolitan" zu sehen, hübsch, jung, kerngesund. "Aber so kennen mich die Leute ja schon alle!" Deshalb geht sie auch zu schrägen Magazinen, zu "i-D", zum japanischen "Esquire", zum "Another Magazine", wo es im Studio morgens keinen Lachs zum Frühstück gibt und nachmittags keinen Kuchen, nicht mal Cappuccino.

Sie will auch "edgy" sein, trendig, vorneweg. Auf dem Laufsteg der New Yorker Schauen geht sie in die gleiche Richtung und läuft nicht für Oscar de la Renta oder Ralph Lauren, sondern für die Trendmarken Imitation of Christ und Zac Posen. Sie gilt als kommerzieller Typ und korrigiert dieses Image: "Viel Geld gibt's da nicht, aber man zeigt den Leuten, daß man auch andere Gesichter haben kann."

Die Heidi Klum GmbH - ein Familienbetrieb

An die Frage "Was mache ich danach?" denkt sie nicht nur, weil sie in diesem Jahr 30 Jahre alt geworden ist. "Man braucht ein Ziel. Wenn man immer nur zu seinem nine-to-five-job latscht, hat man bald keinen Elan mehr." Schon früh hat sie mit dem Vater alles geplant: "Wir phantasieren beide gerne herum und organisieren das dann." Vor acht Jahren hat sie ihren Namen markenrechtlich geschützt, bald darauf die Domain-Namen belegt - andere Models haben bis heute im Internet nichts aufgebaut. Auch jetzt denkt sie weiter. Als die Firma Birkenstock, angetan von ihrem Bekenntnis zu den Gesundheitsschuhen, im heimischen Bergisch Gladbach anrief, machte die Familie Klum einen Ausflug nach Vettelschoß.

Birkenstock ist ein Familienbetrieb und vertreibt die Produkte global - so ähnlich wie sie, mit Günther Klum als Vater und als Geschäftsführer der Heidi Klum GmbH. Die Familien verstanden sich. Seitdem schneidert sich Heidi Klum neben dem Modeln eine Perspektive zurecht. So manchen Abend hat sie schon in ihrer Wohnung damit verbracht, Prototypen für "Birkenstock styled by Heidi Klum" zu kleben und zu hämmern.
Heidi ist ganz anders. Wenn sie bei sich bleibt, wirkt diese Botschaft. Und bei sich ist sie schon im Namen. Dank einer fiktiven Figur sitzt er fest im kollektiven Unbewußten und ist doch selten: "Heidi" setzt Assoziationen frei und nimmt für sie ein. Das ist nicht zu unterschätzen angesichts der unaussprechlichen Mädchen aus Osteuropa. Auch ihre Geschäftstüchtigkeit bleibt: "Wenn ich nichts zu tun habe, ist mir langweilig. Bei mir ist immer irgendwas los!"

Trendsetter mit dem Pottschnitt-Pony

Schon Oma Helene hat Versicherungen verkauft und abends gestrickt. Und Heidi spinnt die Fäden weiter. Bald wird ein neues Projekt mit ihrem Namen auf Millionen Produkten an diesen Fäden hängen. Auch mit den Haaren macht sie es anders. Trendbildend war sie seit November 2002 mit dem Pottschnitt-Pony. Ihr Friseur sagte: "Wenn jetzt noch eine Frau reinkommt mit deinem Bild, dann krieg' ich einen Anfall!" Zuviele haben es gemacht. Deshalb wächst der Pony wieder heraus: "Jetzt ist es für mich schon wieder langweilig." Nun werden die Haare wieder hinters Ohr gesteckt. Heidi ist noch anders. Das sieht man besonders in diesen Tagen. Einen Tag spielt sie Chefredakteurin beim Kölner "Express" ("Gleich ist Andruck? Na, dann aber zacki-zacki!"). Im nächsten Augenblick bereitet sie ihre große Halloween-Party vor. Dann plant sie ihre zehn Reisesendungen für den "Discovery Channel".

Sie moderiert selbst, trinkt fermentierte Pferdemilch in der Mongolei, sucht das Abenteuer und den Auftritt. Und wenn der Earl Grey ausgetrunken ist und man sie ein paar Tage später am Flughafen JFK wiedertrifft, blättert sie durch ein Manuskript, an dem sie seit acht Monaten schreibt. Ihr Buch soll ein Ansporn sein für Leute, etwas aus sich zu machen. Kein Tratsch, sondern Tips. Heidi ist eben Heidi. Das hört man nicht nur, wenn sie über ihr Buch erzählt. Das sieht man auch, wo sie es erzählt. Weil am Gate alle Sessel besetzt sind, sitzt sie auf dem Boden, Shila neben sich. Da kommt ein netter Lufthansa-Mensch und gibt ihr ein Upgrade für die First Class. Heidi ist eben nicht nur Heidi.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.09.2003, Nr. 39 / Seite 52
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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