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Streetstyle-Star Eleonora Carisi Der Schwan mischt mit

 ·  Eleonora Carisi ist nicht berühmt und trotzdem ein Star – des Streetstyle. Aus dem einst unabhängigen Genre ist längst ein kommerzielles Konzept geworden. Das zeigt sich auch auf Mailands Modewoche.

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© Ekua King Selbstdarstellung möglichst unangestrengt: Eleonora Carisi am Mittwoch in Mailand.

Es könnte eine moderne Nacherzählung des Märchens vom „Hässlichen Entlein“ sein. Der schöne Schwan dieser Geschichte steht fünf Minuten nach der Gucci-Schau am Mittwochnachmittag auf den Straßenbahngleisen an der Piazza Oberdan, drum herum mal zwei, mal zwölf Fotografen, als wäre die Schönheit eine Berühmtheit, die man unbedingt an Ort und Stelle ablichten müsste. Vor zwei Jahren, als der Schwan noch ein hässliches Entlein war, stand dieses Ende September vornehmlich hinter dem Tresen einer Turiner Boutique oder lief sich in Messehallen die Hacken ab, um nach Waren für den nächsten Sommer zu suchen. Heute wird das einstige Entlein mit E-Mails überschüttet, lauter Anfragen großer Marken: Der schöne Schwan dieser Geschichte heißt Eleonora Carisi.

Soll die Straßenbahn mit der „Cindy Crawford at C&A“-Anzeige, die sich dort nähert, also ruhig kommen und schellen. Crawford, einstmals der schönste Schwan, ist auf der Bahn in vielerlei Posen zu sehen, und sie und Carisi haben etwas gemeinsam: den markanten Leberfleck links über der Oberlippe. Ein Grund, dafür die Gleise zu räumen, ist das aber nicht. Da mag die Bahn noch so sehr lamentieren. Carisi bleibt stehen auf den Schienen, wippt mit dem Kopf, streckt die Nase in den Wind, zieht die Haare rechts wie einen Vorhang weit ins Gesicht und wartet, bis die Fotografen ihre Bilder im Kasten haben.

Neue Konkurrenz für Models

Über „Cindy Crawford at C&A“ spricht auf der Mailänder Modewoche natürlich niemand. Über Anna dello Russos neue Schmuckkollektion für H&M reden hingegen schon mehr. Dello Russo und Carisi sind Streetstyle-Stars, die auch für andere Models bald zu einer Konkurrenz werden könnten. Drinnen auf dem Laufsteg mag man zwar noch immer die besten Chancen haben, an einen der gutbezahlten Jobs in den Kampagnen der Designer zu kommen. Draußen vor der Tür aber läuft mit jedem Kameraklick ein ganz ähnliches Sichtungstraining ab.

Je mehr Zeitungen, Zeitschriften, Blogs, Facebook- und Twitter-User auf den eigenen Look reagieren, desto schneller gelingt der Weg hinaus aus der Masse, wo vielleicht der Streetstyle-Ruhm wartet, desto interessierter werden auch etablierte Modehäuser, desto wahrscheinlicher wird, dass man für Net-à-porter Kleider auswählen darf, in der kommenden Saison für Moschino Uhren bewirbt, einen Platz im Kundenmagazin von Zara bekommt, im Lookbook von Ebay abgebildet wird oder für Redken Haarspitzen in Pink verpasst kriegt - so wie Carisi eben mitmischt.

Neben den Haaren ist einiges an ihrem Körper auf skurrile Weise herausgeputzt. Auf dem Dekolleté trägt sie lustige Tattoos. Der Rock der 28 Jahre alten Italienerin, ein Musterteil vom Spring/Summer 2013, ist so leuchtend pink wie die Kleider in der gerade gezeigten Gucci-Schau. Carisi scheint den noch bevorstehenden Winter modisch überlistet zu haben. Da kann das Leben also nicht anders, als ihr im nächsten Moment einen Streich zu spielen: Sie hat sich mittlerweile von den Fotografen losgeeist, in dem Café nebenan rückt sie einen Barhocker zurecht, erzählt und trinkt ab und zu einen Schluck Zitroneneistee. Dann, vielleicht liegt es an ihren sizilianischen Wurzeln, eine schwungvolle Geste, der Plastikbecher gerät ins Wanken und landet auf ihrem Rock, der ja nur eine Leihgabe des jungen Designers ist. Carisi aber nimmt es locker. „Ach, so etwas passiert eben.“ Für den Rest des Tages wird sie sich die Aufmerksamkeit der Fotografen mit ihrem Eisteefleck teilen müssen.

„Warum sollte ich einen BH beim Essen tragen?“

Dabei genießen Carisis fesselnder Blick und ihr schräg anmutender Look nicht immer die ungeteilte Aufmerksamkeit. Vergangenes Jahr, im Winter, war es ihr Busen, den sie unter einer transparent gepunkteten Bluse, darunter kein BH, im konservativen New Yorker Midtown-Viertel zur Schau stellte. So sei sie dort Mittagsessen gegangen, lästerten einige Blogs. „Natürlich bin ich so nicht zum Mittagessen gegangen“, sagt Carisi heute. Sie und ihr Fotografen-Freund Mr. Newton, stets für etwas Provokantes zu haben, hätten lediglich vorgehabt, auf der Straße eine Idee auszuprobieren, die eher in eine Modeproduktion gehört. „Ich trage nie einen BH, warum sollte ich das ausgerechnet in dem Moment tun?“

Carisi sagt, für ihr Gefühl gehe es im Streetstyle heute zu wenig darum, schräge Charaktere und Subkulturen auf der Straße abzubilden: „Heute ist es wichtiger, Céline zu fotografieren.“ (Carisi trägt nie Céline.) Die „New York Times“ derweil fragte anlässlich der Schauensaison, wie sich eine ehemals so kommerzfreie Nische in den vergangenen Jahren so radikal um die eigene Achse habe drehen können, dass Marken inzwischen die Porträts als Werbetafeln verwenden und Fotografen teilweise stundenlang nach der richtigen Straßenecke suchen.

Mit der Straße haben solche Fotos also nur noch im buchstäblichen Sinne etwas zu tun. Oft sind weder das Model noch der Bildhintergrund zufällig. Auch Carisi, die, wie sie sagt, kein Geld dafür bekommt, die Kleider von Designern auszuführen, posiert strategisch. In eine Zeit, in der man zur Selbstdarstellung neigt und dabei möglichst unangestrengt daherkommen soll, passt der Streetstyle gut.

Nach Fotos, die auf Gleisen aufgenommen wurden, sucht man am Freitagabend, zwei Tage später, im Palazzo Reale am Mailänder Dom, indessen vergeblich. Anna Piaggi, das Original der Streetstyle-Stars, verstarb im August im Alter von 81 Jahren, und jetzt erinnern Manolo Blahnik, Carla Fendi, Rosita Missoni und ein vollbesetzter Saal an diese Ikone. Sie schaffte es, Mode mit viel Schminke, bunten Haaren und großen Hüten so zu kombinieren, dass daraus Kunst am eigenen Körper wurde und kein kommerzielles Konzept, wie man es heute vor jeder Schau vielfach findet. Hunderte Schnappschüsse gehören natürlich auch zum Programm auf der Gedenkfeier: Da ist Piaggi, die einen Union Jack zur Stola umfunktioniert; Piaggi mit einem Modell des Eiffelturms auf dem Kopf; Piaggi mit einem Burschen mit Zopf im Arm - dem jungen Karl Lagerfeld. Von den schönen Schwänen der Gegenwart ist kaum jemand da. Die Angst, angesichts dieser Bilder wieder zum hässlichen Entlein zu werden, könnte zu groß sein.

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