02.08.2005 · Seidenblumen, sagt die Mode, kann man sich an den Hut oder ins Knopfloch stecken. In Sachsen, jenseits der „Schnickschnackgrenze“, blühen in Heide Steyers Werkstatt immer noch die schönsten. Das weiß selbst Camilla.
Von Franz Josef GörtzDer Main sei die "Schnickschnackgrenze", behauptet Heide Steyer, "für Hüte zumindest". Und der Kopfputz von Camilla Parker Bowles, der Herzogin von Cornwall? Das sei kein Hut, sondern ein Kunstwerk, sagt sie stolz. Bei der Hochzeit mit Prinz Charles seien mindestens zwei, wenn nicht sogar drei solcher Exemplare zu sehen gewesen.
Inzwischen wird Camillas Modell in Serie gefertigt. Vielleicht nicht bei Philip Treacy, dem Hutmacher der englischen Königin. Aber das aparte Straußenfedern-Bukett dazu, mit dem das Prunkstück von sich reden machte, wurde in Heide Steyers sächsischer Manufaktur produziert. Und dort war, der seit Mitte April merklich gestiegenen Nachfrage wegen, eine ihrer Mitarbeiterinnen tagelang damit beschäftigt, solche Federn zu vergleichbar bizarren Ensembles zusammenzubinden.
Zeichen der Lebensart
Mag also sein, daß Camillas Hut beziehungsweise eine Kopie davon nicht nur durch britische Parks und Gärten, sondern auch auf deutschen Straßen und Plätzen flaniert; nördlich wie südlich jener Grenze, die hierzulande das barock schwelgerische vom gotisch distinguierten Lebensgefühl trennt: die südlich vitalen Bajuwarinnen von den nordisch ranken Hanseatinnen zum Beispiel. Die Hüte trügen die einen wie die anderen als Zeichen ihrer Lebensart zur Schau, sagt Gerald Steyer. Und lächelt dazu wie ein Liebhaber, der sich bei beiden gleichermaßen wohlfühlt.
Im vierten Jahrzehnt stellen Gerald und Heide Steyer Kunstblumen her: anfangs in Bremen, seit 1970 in Berlin, seit Januar 1998 in Wallroda östlich von Dresden, unweit von Radeberg und Sebnitz. Gerald Steyer, Jahrgang 1943, hat dort gelebt, bevor seine Eltern der DDR den Rücken kehrten. Klar, daß er nach der Wende dorthin zurückwollte: ins Zentrum der sächsischen Seidenblumenindustrie, wo es, anders als im Westen, noch qualifizierte Fachkräfte genug gab.
Konkurrenz aus Fernost
Der "VEBKunstblume", mit 3000 Mitarbeitern weiland der größte Seiden- und Papierblumenproduzent Europas, wurde abgewickelt, nachdem das Unternehmen seine Kundschaft an die Konkurrenz aus Fernost verloren hatte. Die Mehrzahl der Produktionsstätten mußte schließen, die meisten Arbeitnehmer wurden entlassen - ausnahmslos Kunstblumenfacharbeiterinnen mit zwei bis drei Lehrjahren. Versierte Fachkräfte also, die sich aufs Höhlen und Pielenziehen verstehen, mit Boule- wie mit Stanzeisen umgehen können und wissen, wieviel Hitze das Blütenblatt einer Seidenrose verträgt, bevor es zu schmoren anfängt.
Also entschlossen die Steyers sich 1990 zu einem Standortwechsel. Und hätten auf der Stelle die viel zu enge Produktionsstätte in Berlin-Wilmersdorf gegen geeignete Räume in Sebnitz getauscht, wenn das möglich gewesen wäre. Mit Sack und Pack zog man 1997 schließlich auf einen geräumigen Vierseithof im Dörfchen Wallroda und nahm dort mit acht Angestellten Anfang 1998 die Produktion auf. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen, auf einer Fläche von derzeit 800 Quadratmetern, 22 Mitarbeiter - die Eigentümer nicht gerechnet.
Spiritus- statt Veilchenduft
Die Herstellung von Seidenblumen, ebenso zeitaufwendig wie personalintensiv, ist in Deutschland, anders als beispielsweise in Italien, ein vom Aussterben bedrohtes Kunsthandwerk, seit Massenware aus Hongkong und Taiwan, Thailand und Südkorea den Markt überschwemmt. Die Steyers halten erfolgreich dagegen: mit solidem Handwerk und ästhetischer Raffinesse auch in den vertracktesten Details. Und ihre Kunden - Hutmacher wie Philip Treacy, Steven Jones oder Philip Somerville, Modelabels wie Escada und Gucci, Joop und Boss - wissen es zu schätzen.
Daß Blumen und Kunstblumen zweierlei sind, zeigt sich nicht immer auf den ersten Blick und ist gewiß nicht zuletzt eine Frage der Qualität. Dazu erzäht Gerald Steyer gern die Anekdote vom weisen Salomon und der listigen Königin Saba aus dem Alten Testament. Ein Dutzend Lilien hielt sie ihm unter die Nase, und er sollte sagen, welche echt und welche künstlich seien. Salomon, ratlos vor soviel Blütenpracht, erbat sich Bedenkzeit. Er wollte das Urteil lieber den Bienen überlassen als dem Augenschein oder der eigenen Nase. In den Fabrikationsstätten von Steyers Fashion-Flora geht es ähnlich verwirrend und genauso betörend zu: Alles steht in vollster Blüte - aber nirgendwo auch nur ein Hauch von Nelkenaroma, eine Duftspur von Veilchen und Jasmin. Nach Klebstoff riecht's bisweilen und mild nach Spiritus, doch mehr olfaktorische Sinnlichkeit ist nicht zu haben. Eine prächtige Augenweide. Aber nirgendwo eine Biene, die helfen könnte, Kunst und Leben deutlich voneinander zu unterscheiden.
Kreativität nur nach Feierabend
Solange nur chinesische Seide, Schweizer Baumwolle oder Krefelder Samt gefärbt, Blüten gestanzt oder Piele zur Herstellung der Blumenstiele gezogen werden müssen, fällt das nicht schwer. Obwohl die Stiefmütterchen, an denen Heide Steyer sich mit einem feinen Haarpinsel zu schaffen macht, schon verblüffend lebensecht ausschauen: wie gemalt, würde man sagen, wenn es sie so leuchtkräftig in der Gärtnerei zu kaufen gäbe. Während Gerald Steyer die Geschäfte führt, obliegt die ästhetische Oberaufsicht seiner Gattin, die eigentlich Bankkaufrau ist, aber als Tochter eines Klavierbauers sogar mit Farbtönen umzugehen versteht.
"Kreativität findet allerdings nur nach Feierabend statt - oder gleich nach dem Frühstück", schränkt sie ein und verschanzt sich in ihrem winzigen Labor hinter Reihen von Flacons und Reagenzgläsern, um Pülverchen zu mixen und Farben anzurühren. Sie zeigt auf die daumennagelgroßen Farbmuster, die ein britischer Kunde zusammen mit einem Notizzettel geschickt hat: "peony", "ice" und "lime wash" steht da lakonisch und ist offenbar Rezept genug. An den Nuancen tüftelt Heide Steyer in den frühen Morgenstunden, wenn der Betrieb langsam anläuft, es aber an der schweren Stanzmaschine noch nichts zu tun gibt.
Alle Farben der Pfauenfeder
Zwei Kollektionen mit zwanzig bis dreißig neuen Mustern in jeweils vier Farben stellt sie im Jahr zusammen, farblich orientiert an den Empfehlungen des Deutschen Mode-Instituts und den Akzenten, die auf der "CPD" in Düsseldorf oder der "ModAmont" und der "Prét-à-Porter" gesetzt werden, den maßgeblichen Messen in Paris. Eben habe man den Designern die Entwürfe für den Herbst 2006 zugeschickt, sagt Gerald Steyer. Zwar werde "allgemein ganz extrem im Nebel gestochert", aber "Gelbgrün" sei aktuell, dazu auch "Lila- wie Blau- und Rottöne": grundsätzlich also, summiert seine Frau pragmatisch, "alle Farben der Pfauenfeder".
Ob schneeweiße Lilien oder tiefrote Rosen, eine Kamelie aus Nappa-Leder oder eine Gardenie aus Boucle-Tweed, eine Mohnblume aus Samt, Atlas-Seide oder Alpaca-Loden: Die Fashion-Flora aus Wallroda ist traditionell handgemacht, Stück für Stück - nicht anders als vor dreihundert Jahren mit Boule-Eisen über sparsamer Spiritusflamme. Das Rosenblatt wird zum Rosenblatt erst, wenn man es mit dem erhitzten Boule-Eisen, das in Sachsen Höhler heißt, sanft in ein weiches Kissen drückt, bis es die kugelige Hohl-Form annimmt. Dann das nächste, das übernächste - und so fort, bis zum Stiel. Bei einem Herrn von Welt, befand Umberto Angeloni, Chef im Hause Brioni, schon zu Anfang dieses Jahrtausends, gehöre sie selbstverständlich ins Knopfloch.