Es gibt Zufälle, von denen sagen die Leute, dass sie ein echter Segen seien. Oder sie nennen diese ein Geschenk des Himmels. Stefano Gammarelli würde jenen Zufall, der ihn am Montag vor zwei Wochen ereilte, wohl kaum so umschreiben. Mit den Worten, die er verwendet, geht er ähnlich vorsichtig um wie mit einem teuren Stoff. Und überhaupt, um länger mit dem Besuch plaudern zu können, dazu sei er eigentlich zu beschäftigt. So erging es an Tagen wie diesen schon seinem Vater, Annibale, seinem Großvater, seinem Urgroßvater und allen weiteren Generationen von Vorfahren, seit der erste Gammarelli, Giovanni Antonio, im Jahr 1798 mit der Arbeit begonnen hatte.
Die Gammarellis sind die Schneider des Vatikans, seit über 200 Jahren. Offiziell statten sie den Papst aus. Nur gibt es inoffiziell einen Konkurrenten, der seit ein paar Jahren mitmischt. Auch deshalb ist der Rücktritt des Heiligen Vaters, der einige erschütterte und andere hoffen lässt, wenigstens für die Gammarellis ein schöner Zufall. Weil überraschend ein neues Oberhaupt gewählt werden soll, hat Stefano Gammarelli kaum eine Minute zu verschenken. Für die Gammarellis bedeutet der Termin eine Chance - und großen Aufwand.
Da trifft es sich für die Familie dieser Tage gut, dass man das Geschäft des Schneiders in der römischen Altstadt, eingequetscht zwischen einem Antiquitätenladen rechts und einer dicken Hausmauer links, beinahe übersehen könnte. Direkt vor dem Laden hat sich dazu noch - wie zum Schutz - einer dieser mindestens sechseckigen Zeitungskioske postiert, die eine ordentliche Größe haben und in deren Schatten es sich ruhig arbeiten lässt. Das ist nicht unwichtig. Das weiß man schon mit einem Blick auf die Titelseiten am Kiosk vor der Tür. Vor allem von einem Thema ist zu lesen: vom Rücktritt Papst Benedikts XVI. und den Neuwahlen.
Drei Größen sind vorgesehen: S, M und L
Stefano Gammarelli, ein junger Mann Ende zwanzig mit braunen Locken, ist größer als die meisten Italiener. Besseres Englisch spricht er auch. Da man an diesem Montagvormittag um 11 Uhr, eine Woche nach Bekanntgabe des Rücktritts, den Weg zu ihm in den Laden gefunden hat, lehnt er sich im Verkaufsraum also netterweise ein paar Minuten lang entspannt zurück, als stünde er nicht hinter dem Holztresen, sondern an einer Kaffeebar. In seinem Rücken quellen aus dunklen Holzschubladen feine Brokatstoffe und Seide hervor, mal in Juwelentönen, mal in Kalkweiß. Sofern die Gammarellis den Auftrag vom Vatikan erhalten, müssen die rund 15 Mitarbeiter bis zum Konklave in wenigen Wochen aus dem weißen Stoff Soutanen für den neuen Papst geschneidert haben. „Wir haben sofort mit der Arbeit begonnen“, sagt Gammarelli.
Drei verschiedene Größen sind vorgesehen, S, M und L, so bestimmt es die Tradition. Schließlich weiß man vorab nicht, ob der neue Papst korpulent sein wird wie etwa der New Yorker Erzbischof Timothy Dolan oder eher schmächtig. „Eine Robe berücksichtigt fünf Kardinäle“, sagt Gammarelli. Die genauen Maße dazu stehen in über Jahrhunderte penibel geführten Büchern. Die Gammarellis kennen sich aus mit den Bauch- und Brustumfängen der Kardinäle. „Wir können ja nicht 200 verschiedene Roben fertigen.“
Benedict XVI. trägt mit Vorliebe Euroclero
Während sich die Mitarbeiter mit Nadelkissen und Maßbändern bewaffnen, schließen sie gedanklich also vor allem Kompromisse. Und trotzdem, die Bemühungen könnten ebenso gut umsonst sein. Gammarelli mag als offizieller Vatikan-Ausstatter gute Karten haben, den Auftrag zu bekommen. Allerdings schläft die Konkurrenz nicht, und zumindest Papst Benedikt XVI. bevorzugte in seiner Amtszeit ebendiese: den Schneider Euroclero, dessen Stücke er schon zuvor mit Vorliebe trug.
Aber die Entscheidung gegen die Gammarellis könnte auch in Zusammenhang mit einem Missgeschick im Jahr 2005 stehen. Für den frisch gewählten Papst gab es damals drei Gewänder des Familienbetriebes zur Auswahl. Nur sollte keine der Optionen richtig passen. Die Gammarellis hatten wohl nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet Joseph Ratzinger das neue Oberhaupt der katholischen Kirche werden würde. Die Nonnen, die lediglich für die letzten Handgriffe zuständig sind, versuchten die Dinge verzweifelt zu richten. Trotzdem: Bei seinem ersten Auftritt trug der Neue eine Robe in Hochwasser-Länge. Es würde überraschen, wenn das Verhältnis zu den Gammarellis seit diesem Tag nicht unterkühlt wäre.
Für die Schneiderei ist der Rücktritt somit vor allem ein glücklicher Zufall. Schon seit einem Jahr besucht Stefano Gammarelli nämlich die päpstliche Schneiderakademie, die Accademia dei Sartori. In Zukunft soll der Betrieb Gebrauch von seinen Fähigkeiten machen. Die weiß dann hoffentlich auch der neue Papst zu schätzen. „Seit der Zeit meines Großvaters wurde in unserem Haus zu wenig selbst genäht“, sagt Gammarelli. Jahrzehntelang hat sich die eigene Familie vornehmlich auf ihre Mitarbeiter verlassen. Die Tradition, die vor über zwanzig Jahren eingeschlafen ist, möchte Stefano, der seit neun Jahren in der familiären Schneiderei arbeitet, neu aufnehmen.
Lust- und Frustkäufe der Kardinäle nach dem Konklave
Während der Vatikan den Druck der Moderne spürt, beginnt diese Schneiderei damit, in Richtung Zukunft zu schauen, ohne dabei die Vergangenheit aus den Augen zu verlieren. „Ich mag die Tradition“, sagt Gammerelli. Der Familie könnte durchaus bewusst sein, dass der gute Ruf allein wenig bringt. Genau davon profitierte sie selbst, als der eitle Papst Pius VI. im Jahr 1798 zur jungen Schneiderei Gammarelli wechselte, weil sie ordentlicher arbeitete als andere.
Selbst wenn der neue Papst am entscheidenden Tag die Robe der Konkurrenz tragen sollte, der Zufall des Rücktritts ist für Gammarelli in jedem Fall ein Segen. Denn nach dem Konklave tätigen die 117 Kardinäle, die zu diesem Anlass in Rom sind, typischerweise ihre Frust- und Lustkäufe - je nachdem, ob es der Wunschkandidat auf den Heiligen Stuhl geschafft hat oder nicht. Im besten Fall kleiden sie sich neu ein, im schlimmsten machen sie auf dem Eichenholzabsatz der Gammarellis kehrt.
Viele nehmen wenigstens ein Paar neue Kniestrümpfe mit. Die sind wahlweise aus gerippter Merinowolle oder aus Baumwolle. Priester tragen Schwarz, Bischöfe ein dunkles Lila und der Papst Weiß. Touristen sind da inkonsequenter. Auch die sind hier in der Via Santa Chiara durchaus Kunden. Das Paar Strümpfe ist schon für 11,50 Euro zu haben. In einer teuren Stadt wie Rom ist auch das ein Segen.
Es wird um den Stuhl ...
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- 02.03.2013, 09:13 Uhr