Home
http://www.faz.net/-gut-7697u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rückkehr der Taille Wie in den Fünfzigern

 ·  Ästhetisch und evolutionsbiologisch sinnvoll: Die Taille, seit jeher ein Dreh- und Angelpunkt der Modedesigner, ist wieder da. Gilt das auch für deutsche Frauen? Oder ist schon der Gedanke sexistisch?

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (23)
© ddp images/Capital Pictures Taille-Hüft-Verhältnis von 0,67: Marilyn Monroe in „The Seven Year Itch“ von 1955

Schon dieses Wort: Taille! Das klingt wie „Eleganz“. Oder „Cocktailkleid“. Oder „exklusiv“. Oder „sich schick machen“. Wörter aus Omas Nähkästchen, ein Vokabular von vorgestern, heute kaum noch gut genug für einen Versandhauskatalog. Apropos: „Versandhaus“ und „Katalog“, das sind auch so abgestandene Wörter in Zeiten von Net-a-Porter und Zalando. Die „Wespentaille“ gehört erst recht zu den aussterbenden Arten.

Und doch, sie ist irgendwie da, die Taille. Man musste nur auf die Couture-Kleider für Frühjahr und Sommer schauen, die vergangene Woche in Paris über die Bühne gingen. Bei Dior schienen die Frauen - ganz wie zu Christian Diors Zeiten - einem Blütenkelch zu entwachsen. Bustierkleider mit bauschigen Röcken bildeten die Form einer Sanduhr. Bolerojäckchen und betonte Hüfte ließen den Blick frei auf jene magische schmalste Stelle des Rumpfes, die den Körper in reizvolle Proportionen setzt und für Modemacher seit jeher ein Dreh- und Angelpunkt ist. Wie gerufen für die Taillen-These saß denn auch prompt - beim Modemacher Alexis Mabille - Dita Van Teese in der ersten Reihe, mit eng gegürtetem schwarzen Kleid.

Schönheit liege eben im Auge des Betrachters

Wir sprechen hier nicht von Gefühlen, nur damit das klar ist, sondern von Wissenschaft. Das Taille-Hüft-Verhältnis (THV) ist eine Maßeinheit für die Attraktivität einer Frau. Steht die Taille im Verhältnis von weniger als 0,7 zur Hüfte, werden Frauen als attraktiver beurteilt als bei einem Wert, der auf die 1 zugeht. Das fand Devendra Singh von der Universität von Texas in Austin im Jahr 1993 heraus. Der Psychologe hatte seinen 700 Probanden vor allem „Playmates des Monats“ aus dem „Playboy“ von 1955 bis 1990 vorgelegt.

Vielleicht befürchtete Singh selbst, dass ein solches Setting hormongesteuert falsche Ergebnisse hervorgebracht haben könnte. Also legte er 2007 in den „Proceedings of the Royal Society B“ mit einer Studie zur britischen und universalen Literaturgeschichte nach. Bisher, so das Ergebnis, habe man geglaubt, die Maßstäbe seien willkürlich, Schönheit liege eben im Auge des Betrachters. Weil aber so viele Schriftsteller eine schmale Taille schön nannten, sei dieser Körperteil ein kulturübergreifendes Merkmal weiblicher Schönheit. Hätte man sich natürlich fast denken können: Eine Cindy aus Marzahn ist eben keine Venus von Milo.

Und erst recht keine Marilyn Monroe. Schade, dass die alten englischen Lyriker die amerikanische Schauspielerin nicht mehr erleben konnten: William Shakespeare hätte womöglich mehr als 154 Sonette gedichtet, und Percy Bysshe Shelley wäre ein bisschen expliziter geworden. Denn Marilyn hatte ein THV von 0,67. Klarer Fall für konkrete Poesie!

Die fruchtbaren Jahre sind vorbei, die Taille verschwindet

Kulturübergreifende Schönheit: Da ist man schnell bei der Evolutionsbiologie. Die Lebensstadien einer Frau führen in die gleiche Richtung. Erst mit der Pubertät bildet sich bei Mädchen mit Brust und Hüfte eine Sanduhr-Silhouette heraus. Mit eigenen Kindern und den Wechseljahren geht das THV der Frauen in bedrohlichem Maß Richtung 1 und gerne auch darüber hinaus: Die fruchtbaren Jahre sind vorbei, die Taille verschwindet, die Attraktivität auch. So schnöde ist das also: Die Taille ist nur ein fieses Mittel der Arterhaltung, die eingebaute Garantie von Mutter Natur, dass die Menschen nicht so schnell von diesem Planeten verschwinden.

Und die Anziehungskraft ist nur ein anderes Wort für Gesundheit. In der Medizin weiß man durch den Taille-Hüft-Quotienten, wo die Fettdepots sitzen. Der Apfeltyp hat ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diabetes, Bluthochdruck, viel LDL-Cholesterin, wenig gefäßschützendes HDL-Cholesterin sowie Ablagerungen an den Innenwänden der Arterien können die Folge sein. Keine andere Körperpartie ist ein so guter Indikator für die Gesundheitsaussichten eines Menschen. Und wenn die Evolution wirklich nur die Fitten überleben lässt, dann ist es kein Wunder, dass Frauen bei Männern den Six-Pack einem One-Pack vorziehen - und dass sich wiederum die Männer in blitzschneller Sanduhr-Kalkulation davon überzeugen, dass in den oberflächlichen Eindruck auch das Versprechen auf gesunden Nachwuchs und langes Leben eingebaut ist.

Aber halt! Wofür ist denn eigentlich die Mode da? Dass sie all solche Fragen aushält und abhält. Das kann niemand besser bestätigen als Brigitte Paltinger, ausgebildete Schneiderin, Mutter und Mitarbeiterin von Lola Paltinger, der Couture-Dirndl-Macherin. Sie versteht etwas von der Kunst, Frauen jenseits eines THV von 0,7 attraktiv aussehen zu lassen: „Auch eine stabile Dame passt in ein Dirndl.“ Aber die Sechsundsiebzigjährige, die in Landshut geboren wurde und in Österreich aufwuchs, wo man bis heute ein natürliches Verhältnis zur schmalen Taille hat, warnt vor Übereifer: „Beim Mieder muss man aufpassen. Die Taille darf man nicht so einschnüren, dass einem schlecht wird und man nichts mehr essen kann.“

„Man muss noch atmen können.“

Die Mieder sind zwar trotz Stäbchen nicht so unbequem und schmerzhaft wie ein Korsett, das ältere Damen noch bis in die siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts trugen - und das ihnen zu einer guten Haltung verhalf. Aber auch Mieder sind eng. Die Paltinger-Modelle - nach Maß gefertigt, aufwendig dekoriert und daher mindestens 2500 Euro teuer - sind so gearbeitet, dass man auf der Wiesn im Bierzelt noch sitzen und Haxn essen kann. Brigitte Paltingers Trick: Die Taillennaht setzt sie ein bisschen nach unten. Mehr will sie nicht verraten. „Die Schnitte sind im Safe, die sind ein Geheimnis.“ Jedenfalls herrscht das frauenfreundliche Motto: „Man muss noch atmen können.“

Und noch einen Trick hat Brigitte Paltinger in die Dirndl-Mode eingeführt. In den Fünfzigern hatte sie im Couture-Atelier gelernt, wie man Cocktailkleider macht. Und nun näht sie eben Unterröcke aus schwerem Taft in die Röcke, so dass sie Glockenform annehmen. „Dann sieht die Taille noch schmaler aus.“ Auch Dirndl-BHs helfen zur Sanduhr: „Sie heben den Busen hoch und formen eine schöne Büste.“ Und schließlich räumt sie noch mit dem landläufigen Vorurteil auf, eine Frau müsse ein Dirndl - in welcher Form auch immer - „ausfüllen“. Dafür gibt es doch im BH die Auspolsterung!

In der high fashion werden sich die weiblicheren Formen trotz aller Vorboten nicht ganz durchsetzen. „Yves Saint Laurent und Céline haben ja eine geradezu androgyne Silhouette“, meint Modehändler Emmanuel de Bayser von „The Corner“ in Berlin. „Die Formen unterscheiden sich bei Männern und Frauen gar nicht so groß.“ Auf der anderen Seite gebe es aber weiterhin die „Weiblichen“ wie Azzedine Alaïa, Alexander McQueen oder Balmain, die sich in seinen Berliner Geschäften sehr gut verkaufen: „Es gibt immer mehr Frauen, die das wollen.“ Auch Brigitte Paltinger sah diesen Eindruck vergangene Woche beim Bummeln in der Residenzstraße bestätigt: „Bei Prada reichen die Glockenröcke bis Mitte Wade - wie in den Fünfzigern.“

„Wer keine Taille hat, muss andere Körperteile betonen“

Wie schön! Und wie schwierig! Die gute alte „Formwäsche“, zur Shapewear geadelt, hilft im Notfall. Und auch die Designer lassen sich etwas einfallen, sagt Emmanuel de Bayser: „Alber Elbaz zum Beispiel schafft für Lanvin mit Drapierungen weibliche Formen auch für die nicht ganz perfekte Figur.“

Und wenn das alles nicht hilft, können auch Stilberater wie Andreas Rose aus Frankfurt den entscheidenden Tipp geben. „Wer keine Taille hat, muss andere Körperteile betonen“, meint Rose nonchalant. „Zum Beispiel kann man mit einer großen Brosche am Oberteil die Aufmerksamkeit nach oben lenken.“ Die Taille selbst zu betonen, sofern man noch eine schmale hat, ist für den Berater Alltag. Andreas Rose berät auch viele Frauen, die in den Kanzleien und Banken Frankfurts dauernd Hosenanzüge tragen. „Da ist schon ein farbiger Gürtel über der Jacke ein schöner Akzent. Manchmal passt sogar ein Seidentuch, um die Hüfte gebunden wie ein Kummerbund. Da die Hosen wieder höher ansetzen, geht das wunderbar.“

Auch wenn Andreas Rose den „Mut zum Stilbruch“ fordert: Selbst jungen Frauen rät er klar vom „Bauchnabel-Look“ ab. Denn so stimmig eine schmale Taille ästhetisch und so sinnvoll sie evolutionsbiologisch sein mag: Im nackten Zustand muss man sie nun wirklich nicht jedem zeigen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

Jüngste Beiträge