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Rückkehr der Neunziger Wir waren schön, cool und sexy

 ·  Die Mode feiert in diesem Frühjahr ein Revival der neunziger Jahre, mit den richtigen Turnschuhen und Karohemden. Ist das alles?

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München, April 1994: Aus den kaputten Fenstern eines abbruchreifen Bungalows im Bürgerpark Oberföhring dringt kalter Rauch, die wummernden Bässe von DBX „Losing Control“ aus der überforderten Anlage, gemischt mit den begeisterten Schreien und dem Getrampel der Tanzenden, hört man bis zur Straße, wo die Anwohner in diesem gepflegten Wohngebiet nicht wissen, was sie denken sollen. Gleich rufen die ersten die Polizei an und vergleichen die Ruhestörung mit einem Erdbeben.

Aber noch stört nichts den Lauf dieser milden Frühlingsnacht. Vor dem Bungalow steigen immer mehr neue Gäste aus den geparkten Autos, eine lange Schlange hat sich vor dem kleinen Klapptisch gebildet, wo zwei Mädchen jedem 5 Mark abnehmen und einen Bambi-Stempel auf die Hand drücken. Plötzlich springt ein schlaksiger Junge durch die Büsche, rennt an den Wartenden vor der Kasse vorbei und schreit: „Kurt Cobain ist tot! Er hat sich erschossen!“ Auf dem Rücken seines Shirts steht in verwaschenen Buchstaben „Helmut Lang“. Eine Welle von nervöser Unruhe flutet durch die Menge. Junge Männer in offenen Karohemden und zerschlissenen Jeans kommen aus dem Tanzraum herausgelaufen, zwei von ihnen packen den Jungen an den Schultern und schütteln ihn. „Was ist passiert?“ - „Er hat sich erschossen!“, schreit der Junge durch das Buffz-Buffz-Buffz der Bässe, sein bleiches Gesicht ist nass vor Schweiß, seine Pupillen sind riesengroß und schwarz wie bei einem Steiff-Bären.

Noch mehr Jungs kommen tanzend aus dem Rauchtempel, umzingeln den Überbringer der schlechten Nachricht. Ein Mädchen mit einem roten Prada-Nylonrucksack bricht in Tränen aus und wird von einem anderen in einem langen Nadelstreifenrock in den Arm genommen. Einer geht zu seinem Ford Mustang und dreht das Radio bei offenen Türen auf. Der DJ, der eigentlich Journalist bei einem Jugendmagazin ist, ruft seinen Chefredakteur an. In diese Aufregung hinein dröhnt von drinnen Laurent Garniers „Wake Up“ wie ein Warnsignal an die ganze Welt. Drinnen kreischen und trampeln die Tanzenden zu einem roten zuckenden Licht. Es ist die Nacht, in der sich Cobain, Ikone des Grunge, in den Kopf schießt, unsterblich wird und ein ganzes Jahrzehnt auf den Punkt bringt.

Ist dies tatsächlich schon das Erbe der Neunziger?

April 2013: In der Mode wird das Revival der neunziger Jahre gefeiert. Kollektionen von Grunge-Ära-Designern wie Dries van Noten und Ann Demeulemeester zeigen es auf den Laufstegen für den Sommer. Kopierparadiese wie Topshop und Zara produzieren schon fleißig die besseren und günstigeren Varianten. In London tragen die Mädchen Pencilskirts von Cos, Nike Air Max und eine etwas abgegriffene Ausgabe der Mutter aller It-Bags: Die Fendi Baguette hat ihr Comeback und wird wieder heiß begehrt von Stylistinnen und Moderedakteurinnen. Aber die Neunziger-Nostalgie hat nicht nur Modehühner ergriffen. Jungs mit glatter Gesichtshaut, die damals ihren Schnuller aus dem Buggy warfen, haben plötzlich im legendären Neunziger-Club Cookies den silbernen Air Max 97 von Nike an den Füßen, der Schuh, den Ende der Neunziger jeder und jede im deutschen Nachtleben trug. Nun hat Nike eine ganze Serie der beliebtesten Max-Modelle in Originalfarben und -verarbeitung neu aufgelegt und dem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Ist dies also tatsächlich schon das Erbe der neunziger Jahre - Karohemden und Nike-Sneaker? Was wurde aus dem sprudelnden Lebensgefühl eines Jahrzehnts? Kann das im Zuge eines modischen Revivals auch wiederbelebt werden? Deutschland war in den neunziger Jahren gut - kulturell und ästhetisch. Wir waren schön, dabei noch cool und sexy. Wir hatten Stars, auf die wir wirklich stolz sein konnten, keine, für die wir uns schämen mussten.

Vor zwanzig Jahren schauten wir unsere selbstgemachten deutschen Filme von Regisseuren wie Detlev Buck, Sönke Wortmann und Tom Tykwer. Wir mochten unsere Filme. Wir trugen unsere eigene Mode von Jil Sander, Strenesse und Escada Sport und sahen sehr gut darin aus. Wir waren Adidas und Puma, bevorzugten den deutschen Jugendsender Viva gegenüber der amerikanischen MTV-Konkurrenz.

Wir hatten unsere deutschen Fräuleins wie Heike Makatsch, Galionsfigur aller Girlies und Stilikone einer ganzen Generation deutscher Mädchen, die später sogar noch eine zweite Karriere als ernstzunehmende Schauspielerin hinlegte. Für das Auge hatten wir Claudia Schiffer und Nadja Auermann, die für unseren sexy Ruf im Ausland sorgten.

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