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Reparatur in Mode Das Pflaster auf der Handtasche

 ·  Früher trug man ein Leben lang dieselbe Handtasche, heute werfen viele Leute kaputte Dinge einfach weg. In Zukunft aber wird man vieles reparieren – und einige tun es schon jetzt.

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© Valentine Edelmann Werkstätten, in denen Mode und Handtaschen repariert werden, könnten die Boutiquen von morgen sein.

Peter Schulz hört es nicht gerne, wenn die Leute vom Schuster sprechen. Die Berufsbezeichnung sei falsch, und überhaupt muss er dabei immer an dieses Kinderlied denken. „Im Keller wohnt ein armer Schuster. Er hat kein Licht. Er hat kein Licht. Er sieht die liebe Sonne nicht.“ Das stimmt heute nicht mehr. Der Schuster ist eigentlich ein Schuhmacher, und der hat Grund zum Jubeln. Seit dem Krieg ist die Zahl der Schuhmachereien zwar zurückgegangen. Doch das ist Geschichte. Heute müssen kaum noch Schuhmacher ihren Laden schließen, weil die Leute ihre alten Schuhe lieber reparieren lassen, statt sich neue zu kaufen. Das ist eine gute Nachricht, findet Peter Schulz, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Schuhmacher-Handwerks. Indem die Leute bewusster konsumieren, lernen sie das Alte wieder mehr zu schätzen - und besitzen etwas Bleibendes.

Das kennt jeder: Wer hat sich nicht schon mal vor dem Spiegel in einem x-beliebigen Klamottengeschäft eingeredet, er werde das gerade Anprobierte ganz bestimmt ein Leben lang tragen und anschließend natürlich vererben. Als ob man damit den Kaufpreis oder den Besitz des Stückes rechtfertigen müsste. Sobald es dann in der Tüte liegt, sieht es aber doch oft so aus, als hätte Barbara Kruger, eine konsumkritische Künstlerin, ihre Finger im Spiel gehabt. Im Jahr 2002 montierte sie eine ihrer Installationen mit Beschriftung an die Hauswand einer Kaufhof-Filiale auf der Frankfurter Zeil: „Du willst es. Du kaufst es. Du vergisst es.“ So stand es in typischer Kruger-Manier weiß auf rot geschrieben. Es war die Zeit der schnellen Mode, die Leute kauften billige Rüschenhemden und Röhrenhosen an jeder Ecke, und die waren von so schlechter Qualität, dass sie eine entsprechend kurze Lebensdauer hatten.

Wer hätte vor zehn Jahren daran gedacht, seinen Föhn reparieren zu lassen? Oder seine Mikrowelle? Seit einiger Zeit aber ändert sich die Stimmung. Man kauft im Bioladen ein, trennt Müll und kapiert dabei auch, dass man das, was man vor wenigen Monaten auf die Schnelle gekauft hat, schon jetzt nicht mehr trägt. Wenn das Stück aus einem besseren Stoff wäre, es einen Reißverschluss hätte, der nicht klemmt, oder eine Schuhsohle, die nicht nur geklebt, sondern auch genagelt wäre, sähe es vielleicht anders aus. Für den defekten Föhn oder die Mikrowelle gibt es in Holland schon heute die Repair Cafés, die mehrmals im Monat an verschiedenen Orten ihre Zelte aufschlagen und dann mit Anfragen überrannt werden. Nun beginnen die Leute, auch Mode bewusster zu konsumieren und das, woran sie hängen, zu reparieren, umzunähen oder das Alte in etwas Neues zu verwandeln.

Die Retterinnen der Handtaschen

Elisabeth Prantner hilft dabei. Sie ist eine große Frau mit zerzausten Haaren und verrückten Ideen. Um das, was sie tut, modisch einzuordnen, sollte man zuvor daran denken, dass ökologisch nachhaltige Mode lange Zeit als schäbig galt und heute Lebensart ist. Ihr Veränderungsatelier „Bis es mir vom Leibe fällt“ in Berlin könnte zu dem gehören, was die grüne Mode einmal war, und zu dem werden, was die grüne Mode heute ist. Man würde Prantner zunächst lieber mit der alten Bluse der alten Tante testen, bevor man ihr die eigene Lieblingstasche anvertraut, aus Angst, sie könnte das Stück „mit Schneegestöber“ überziehen wie den Pullover einer anderen Kundin, die dies allerdings ausdrücklich wünschte.

Und dann klingt Prantner hinter ihrem Verkaufstresen mit der Patchwork-Decke doch wie die Retterin der Handtasche, welche man nun weiterhin für den Platz im Grab neben sich einplanen kann: „Wir machen alles. Wir stopfen, ersetzen den Reißverschluss oder nehmen die totale Veränderung vor. Es sind schließlich Stücke, die anderen am Herzen liegen“, sagt sie. Für einen Kunden arbeitet sie gerade an einer Laptoptasche, die sie aus seiner alten Barbour-Jacke und einem gestreiften Hemd fertigt. Andere bringen ihre zerrissenen Lieblingsjeans, die besser sitzen als jede andere. Prantner belebt sie wieder, indem sie zum Beispiel einen neuen Sitz einbaut, der für sie mehr ist, als dass er nur ein Loch stopft. Sie spricht von dem Bleibenden in dieser unsicheren Welt, in der alles so kurzlebig sei und sicher irgendwann in der Katastrophe enden würde. Es gehe ihr um Bewusstseinsschärfung und um die Definitionsmacht, die man als Kunde wieder zurückerlangen sollte. Prantner hat ihren Eigensinn - und eine gute Idee, die sie auf charmante Art umsetzt.

Auch Constance Hildebrandt und Katrin Fuchs-Fischer von der Unikat Manufaktur in Berlin, die neue Taschen produzieren und alte reparieren, beobachten solche gesellschaftlichen Veränderungen. Sie sind gewissermaßen die Restaurateurinnen der Handtaschen und widmen sich dem Erhalt von bis zu hundert Jahre alten Modellen. Oder den Taschen aus der vorletzten Saison, die viel zu schnell kaputtgegangen sind. Hildebrandt und Fuchs-Fischer wirken ruhig und achten im Gespräch bewusst darauf, was sie sagen. Man hat den Eindruck, dass sie mit der fremden Tasche ähnlich sorgfältig umgehen würden wie mit dem Gast.

Ihre Manufaktur gibt es seit zwölf Jahren, in den letzten drei haben sich die Reparatur- und Restaurationsarbeiten verdoppelt. Während lange Zeit, Saison für Saison, It-Bags geboren wurden, die dann ganze Flagshipstores füllen, und Firmenchefs nur auf die Handtaschen ihrer Designer für den Herbst warten, nicht aber auf die eigentliche Kollektion, hat man völlig vergessen, genug Leute auszubilden, die diese Taschen auch reparieren können. So wie Hildebrandt und Fuchs-Fischer, die zum Beispiel die kaputten Handtaschen von Gucci mit dem Kurier zu sich in den Berliner Wedding hinübergeradelt bekommen, um zu beurteilen, ob sie helfen können. Bis jetzt ist jede Tasche zur Reparatur dageblieben.

„Upcycling ist Pflicht“

Rechts auf dem Arbeitstisch in der Werkstatt liegt eine schöne schokobraune Aktentasche, links ein Zugbändchenmodell von Louis Vuitton, das neu gar nicht mehr gefertigt wird. Klassiker, die getragen werden, bis sie auseinanderfallen, und dann immer wieder zur Überarbeitung gebracht werden. Der materielle Wert ist dabei zweitrangig, es geht um die ideelle Bedeutung. In der Vergangenheit trug man oft ein Leben lang dieselbe Handtasche. Junge Frauen, die heute anfangen, bewusster zu konsumieren, erinnern sich vage an die wenigen Modelle, die ihre Omas besaßen. Gelegentlich kommen Kunden mit genau so einer Tasche zu Hildebrandt und Fuchs-Fischer. Eine Reparatur kann das Budget einer durchschnittlichen 19-Jährigen dabei durchaus übersteigen. Am Ende entscheiden sich viele Kundinnen, die Tasche trotzdem dazulassen und sie vielleicht für weniger Geld wenigstens so bearbeiten zu lassen, dass man sie wieder tragen kann.

„Da ist zunächst die Generation, die während des Krieges aufgewachsen ist und Knappheit internalisiert hat“, erklärt Karin Frick vom Gottlieb Duttweiler Institute in Zürich. „Dann kamen die Kinder, die damit groß wurden und sich das Gegenteil wünschten.“ Aus den Kindeskindern wächst wiederum eine Gesellschaft heran, die früher selbst beinahe jeden Wunsch erfüllt bekam, die viel haben konnte, und so neben dem Materiellen vor allem eine Faszination für das Ideelle entwickelt hat, für das Ältere und Nachhaltige, für Upcycling, wie man Produktveränderungen noch nennt. Suzy Menkes, die Modekritikerin von der „International Herald Tribune“, nannte Upcycling im Februar „eine Pflicht der jüngeren Generation“. In zehn Jahren könnte der Nachhaltigkeitsgedanke unser Erscheinungsbild und Konsumverhalten verändert haben. Die dann Erwachsenen werden schließlich wesentlich kleinere Sprünge machen können als noch ihre Eltern.

Carina Bischof, 27 Jahre alt und Modedesignerin, war früher einmal bei einem großen Modehaus für Massenware tätig, hat dort die Schnelllebigkeit kennengelernt und begann sie irgendwann zu hinterfragen. Sie ging zu einem kleinen Londoner Modelabel, das aus Stoffresten italienischer Firmen neue Kleider fertigt, lernte lauter Designer kennen, die so arbeiten, und gründete schließlich mit drei Kollegen ein Label und einen Upcycling-Shop in Berlin. Für ihr Label Aluc fertigen sie bislang nur ein einziges Produkt: Hemden mit abknöpfbaren Kragen

„Der Kragen verschleißt immer zuerst“, sagt Bischof und erinnert sich an die Geschichten ihrer Oma. „Schon zu Kriegszeiten konnte man den Kragen vom Hemd knöpfen. Man musste weniger waschen und weniger Stoffe verwenden. Heute nehmen wir das als Designelement.“ In Zukunft könnte Upcycling mehr als das werden, zum Beispiel, wenn die Baumwolle mit dem Bevölkerungswachstum knapper werden sollte. So käme es zwangsläufig zu Preissteigerungen. „Wenn eine Ertragssteigerung nicht möglich ist, können Sie davon ausgehen, dass der Anteil von Baumwolle am Weltfasermarkt in den nächsten dreißig Jahren abnehmen wird“, sagt Karsten Fröse von der Bremer Baumwollbörse.

Tendenz zum Wegwerfmarkt

Schon heute beschäftigen sich Designstudenten, zum Beispiel an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, mit dem Thema der Dienstleistung rund um die Reparaturen. Eine Studentin ist in einem Mietshaus treppauf, treppab gelaufen und hat Zettel verteilt, auf denen sie den Bewohnern vorschlug, ihr ein kaputtes Kleidungsstück zu geben und dieses von ihr verändern zu lassen. Heike Selm, Professorin für Mode-Design in Weißensee, hält es für realistisch, dass der Reparaturgedanke unsere Gesellschaft nachhaltig prägen könnte. Auf der anderen Seite hat sie schon viele modische Bewegungen gesehen, die nach zwei Jahren wieder vorbei waren. „Die Hoffnung ist die, den Kunden dazu zu bringen, sein Geld bewusster auszugeben.“

Selbst die Werbung spricht schon, wie zum Beispiel Ikea, vom „Zuhause deines Lebens“ und erinnert damit wieder an die Großeltern, die ein ganzes Leben mit denselben Möbeln verbracht haben. „Dafür muss man aber einen Stuhl herstellen, der in fünf Jahren auch noch funktioniert“, sagt Karin Frick. „Bislang ist das Zeug zum Kaputtgehen gebaut. Momentan läuft alles auf den Wegwerfmarkt hinaus.“ Die Outdoormarke Patagonia mit ihren klaren ökologischen Grundsätzen warb indessen im vergangenen Jahr im Weihnachtsgeschäft mit einer grauen Jacke und dem Spruch „Don’t buy this jacket“, Im Kleingedruckten wird dann gefragt, ob man sie wirklich braucht.

Der Hang zur Askese kann dabei auch mit der Krise zu tun haben, ohne dass für den Kunden heute weder Geld- noch Stoffmangel ein Problem sind. „Wenn Krise ansteht, ist man sparsamer, selbst wenn man eigentlich Geld hat“, sagt Karin Frick. Massenproduktion sei austauschbar. Dinge, die symbolisch ein Pflaster trügen, haben hingegen Geschichte - und langfristigen Wert. Den möchte man sich bewahren. Die alte Tasche ist nämlich auch eine Möglichkeit, an Erinnerungen festzuhalten.

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