Batman und Spiderman haben einen neuen Gegner. In Jerusalem sind sie hinter dem „Kippa Man“ her. Bis vor wenigen Wochen warteten der Fledermaus- und der Spinnenmann noch friedlich im Laden von Avi Binjamin auf Kunden. „Kippa Man“ heißt der kleine Laden des freundlichen Israeli an der Jerusalemer Ben-Jehuda-Straße. Hunderte der jüdischen Kopfbedeckungen, die Kippa genannt werden, hat Avi Binjamin im Angebot. Viele Männer geben sich bei den traditionellen Kappen nicht mehr mit dezenten Mustern zufrieden, sondern wählen immer häufiger Ausgefallenes. So gelangten auch Batman und Spiderman auf die Kopfbedeckung. Bis Avi Binjamin Post von einem Anwalt aus Tel Aviv bekam. Da verbannte er beide Comic-Helden aus seinem Sortiment.
In den Geschäften der Fußgängerzone im Zentrum von Jerusalem ist für jeden Geschmack etwas dabei. Für die Jüngsten sind Dinosaurier und Dampflokomotiven mit rauchendem Schlot auf die Käppchen gestickt. Für ihre Väter die Wappen ihrer Lieblingsvereine oder das Logo der Herstellerfirma ihres Traumautos. Selbst Exemplare in den Tarnfarben der israelischen Armee, auf denen der hebräische Name der „Verteidigungsstreitkräfte“ prangt, gibt es für umgerechnet zehn Euro zu kaufen.
Spätestens wenn sie in die Synagoge oder auf einen Friedhof gehen, bedecken jüdische Männer ihr Haupt. Viele Männer geben sich mit einer Kippa aber auch im Alltag als gläubige Juden zu erkennen. Und für einige ist sie zu einem doppelten Bekenntnis geworden, das manchmal recht eigenwillig ausfällt.
Die Nachfrage ist jedenfalls so groß, dass die Kippa-Händler an der Ben-Jehuda-Straße längst Nachschub aus China erhalten. Die Produzenten aus dem Reich der Mitte drucken alles darauf, was sich verkaufen lässt. Sie scheren sich oft nicht darum, ob sie das überhaupt dürfen. Die Folgen bekam jetzt „Kippa Man“ Avi Binjamin zu spüren. Früher scherzte er gerne, er habe genug Kappen für alle Juden – in einem Laden, der keine zehn Quadratmeter groß ist. Seit jedoch zwei seiner Textilien, die kaum größer als eine Untertasse sind, als Beweisstücke ins Jerusalemer Magistratsgericht gelangt sind, will er am liebsten gar nicht mehr reden. Der Anwalt Chagai Netzer hat den Geschäftsinhaber auf Schadensersatz von umgerechnet rund 40.000 Euro verklagt. „Das ist nur einer von vielen Fällen. Wir kämpfen für die Inhaber der Markenrechte gegen Produktpiraterie, auch auf T-Shirts, Mützen, Spielzeug“, sagt der Jurist aus Tel Aviv.
Die Kippa als wichtigstes Erkennungszeichen der Juden
Superman und Batman fanden wohl irgendwo in einem Sweatshop ihren Weg auf die jüdische Kopfbedeckung. Die Rechte an den Comicfiguren gehören aber amerikanischen Auftraggebern des Anwalts, die auch im Heiligen Land keine Ausnahme machen. Man habe nichts gegen Religion, sagt Chagai Netzer. Er könne sich aber nur schwer vorstellen, dass ein religiöser Jude wirklich mit einer Batman-Kippa zum Beten geht.
Zuletzt hat man auch in Berlin und Paris genauer hingesehen, was jüdische Männer auf dem Kopf haben. Nach einem Angriff auf einen Rabbiner, der eine Kippa trug, setzten in der deutschen Hauptstadt Hunderte nicht jüdischer Demonstranten während einer Solidaritätskundgebung solche Kappen auf. In Frankreich will die Vorsitzende des rechtsextremen „Front National“, Marine Le Pen, Juden in der Öffentlichkeit die Kippa verbieten. Gleichzeitig möchte die Politikerin Musliminnen den Schleier untersagen.
Die Kippa ist zu einem der wichtigsten Erkennungszeichen für das Judentum geworden, obwohl weder Bibel noch Talmud den Männern vorschreiben, ihren Kopf zu bedecken. Jahrhundertelang beteten sie sogar mit unbedecktem Haupt. Doch das Tragen von „Kappel“ und „Jarmulke“, wie sie auf Jiddisch heißen, hat sich in den vergangenen Jahrhunderten als Brauch immer mehr verbreitet. Befürworter verweisen auf das Beispiel der Priester, die im Jerusalemer Tempel früher immer ihr Haupt bedeckten. Anderen ist es wichtig, sich mit dem kleinen Stück Stoff auch im Alltag zu ihrer Religion zu bekennen. Aber es gibt noch mehr Gründe: In Israel tragen fromme Männer gerne eine Kippa, um sich von ihren säkularen Landsleuten abzusetzen. Je größer, desto frommer seien ihre Träger, behaupten einige. Andere meinen spöttisch, die Größe habe eher mit fortschreitendem Haarausfall zu tun.
Ein Windstoß genügt, und sie fliegt davon
Was Männer auf ihren Köpfen tragen, sei in Israel zu einem äußerst „dynamischen Kommunikationssystem“ geworden, beobachtet Esther Juhasz. Es zeige nicht nur die Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gruppierung an, sondern verleihe auch ideologischen und politischen Meinungen Ausdruck, sagt die Wissenschaftlerin, die im „Israel Museum“ in Jerusalem eine der größten Sammlungen jüdischer Kopfbedeckungen betreut.
Wer zum Beispiel an der Ben-Jehuda-Straße eine gehäkelte Kippa kauft, wird in Israel schnell mit den Siedlern im Westjordanland in Verbindung gebracht. Nationalreligiöse Juden hatten schon in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Vorliebe für diese „Kippa sruga“ entwickelt. Nach der israelischen Eroberung des Westjordanlands 1967 zogen viele von ihnen als Siedler dorthin. Strenggläubige Juden bevorzugen dagegen Schwarz und tragen gern auch Samt. Zu den hohen jüdischen Feiertagen, wie vor gut vier Wochen wieder an Jom Kippur, setzen die meisten Männer zu ihrer weißen Kleidung gern eine farblich passende Kappe auf. Sie wird auch aus Seide mit Goldstickereien gefertigt. Linke oder schwule Juden kaufen angeblich besonders oft eine farbenfroh verzierte Kippa.
Ein Problem haben alle Kippa-Träger gemeinsam. Ein Windstoß genügt, und sie fliegt davon. Zwei israelische Mütter hatten genug davon, dass ihren Söhnen dauernd die Kappen herunterfielen, die sie dann in ihre Taschen stopften oder verloren. Daraufhin brachten sie, von außen unsichtbar, auf der Unterseite der Kippa Haarklammern an. In ihrem Internetversand „Kippa Mania“ gibt es mittlerweile dazu gleich mehrere Modestile, die von „cool“ über „sportlich“ bis „formell“ reichen. Auch Motive nach Wunsch kann man bei ihnen bestellen. Alles wird laut Online-Katalog „stolz in Israel produziert“.
An der Jerusalemer Ben-Jehuda-Straße sind seit dem Ärger mit den Spinnen- und Fledermaus-Männern offenbar manche Händler vorsichtiger geworden. Vergeblich sucht man inzwischen zum Beispiel nach den Logos von teuren Herstellern schneller Autos, die sich viele Kippa-Käufer nie leisten konnten. Das Angebot für sportliche Selbstbekenntnisse ist dagegen ungebrochen. Dabei ist die Auswahl an amerikanischen Baseball-Teams eindeutig größer als die an europäischen Fußballmannschaften.
Viele amerikanische Touristen sind unter den Käufern, und die scheinen häufig viel Sinn für Humor zu haben. So imitiert eine Kippa den Slogan einer Sportartikelfirma mit der Aufschrift „Shabat – just do it“. Eine blaue Kappe erinnert mit ihren Farben und der knappen Aufschrift „Absolut – Jewish“ an einen Spirituosenproduzenten, der auch im Heiligen Land bekannt ist. In Jerusalem kann man auch Männern begegnen, die sich als „Super-Jew“ zu erkennen geben, offenbar ironisch inspiriert von der Comicfigur. Klagen dagegen sind nicht überliefert.
Erstaunlich
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 04.11.2012, 09:37 Uhr
Warum muss die Religion öffentlich bekanntgemacht werden?
Ernst Dorfner (taxos)
- 04.11.2012, 09:23 Uhr
An Karin Heimann: Klar und auch legen alle kath. Priester das Kreuz ab
WilliB Meier (WilliBMeier)
- 04.11.2012, 06:01 Uhr
Ich mag die blaue Kippas sehr, sowie die in den Tarnfarben der
israelischen Armee
Itzhak Levinski (mohel)
- 03.11.2012, 15:07 Uhr