Regenschirme sind so eine Sache: Eigentlich sind sie lästig, man verliert sie laufend, irgendwie gelten sie auch als spießig, und vor allem erinnern sie an verregnete Tage, muffige U-Bahnen und durchnässte Schuhe - daran kann auch das optimistischste Design nichts ändern. Andererseits sind sie natürlich überaus nützlich. Jeder, der auch nur mal ein paar Meter schirmlos durch einen herbstlichen Nieselregen laufen musste, weiß, wie sehr ein banaler Regenschirm zum Objekt aller Sehnsüchte werden kann.
Dabei begann die Geschichte des Schirmes gar nicht mit dem Versuch, sich vor Nässe zu schützen. Der Urvater aller Regenschirme ist der Sonnenschirm. Schon in den frühen Hochkulturen in China, Mesopotamien und Ägypten schützten sich die Schönen und Reichen mit seiner Hilfe vor Hitze und starker Sonneneinstrahlung. Dementsprechend war der Schirm über Jahrtausende nicht nur ein probates Mittel, Schatten zu spenden, sondern vor allem auch ein Herrschaftssymbol. Kaiser, Könige, Schahs und Pharaonen benutzten ihn, um ihre Machtfülle und Ausnahmestellung zu demonstrieren.
Nach Europa kam der Schirm in der Antike. Seinen Durchbruch als Gebrauchsgegenstand feierte er jedoch erst im 17. Jahrhundert, als im Süden Europas adlige und bürgerliche Damen begannen, ihren zarten Teint vor allzu vulgärer Bräune zu schützen. Mit der Entwicklung kleinerer und leichterer Gestelle und dem Siegeszug der französischen Mode im 18. Jahrhundert setzte sich dann in ganz Europa das Sonnenschirmchen als neckisches Accessoire für die kokette Dame durch.
Vom Accessoire zum ständigen Begleiter
Es überrascht nicht, dass es ein Engländer war, der Londoner Kaufmann und Philanthrop Jonas Hanway, der dem Schirm seine Bedeutung als Regenschutz zuerkannte. Gegen allen anfänglichen Spott machte er den tragbaren Regenschirm zum unentbehrlichen Accessoire für den Gentleman. Zum Erfolg dieser Mode trug nicht unwesentlich das Aufkommen eines neuen Typs junger, modebewusster Männer Ende des 18. Jahrhunderts bei - der Dandys. Selbst als Offiziere auf den Schlachtfeldern der napoleonischen Kriege ließen es sich wahre Dandys nicht nehmen, einen klappbaren Regenschirm bei sich zu führen. Sogar der Herzog von Wellington, der Sieger von Waterloo, hatte stets einen am Sattel - mit verstecktem Degen im Griff.
Dass die ersten Regenschirme ausschließlich als Modeartikel für den Herrn wahrgenommen wurden, hatte auch mit ihrem nicht unerheblichen Gewicht zu tun. Gefertigt aus Wachstuch, Fischbein und Holz, wog ein solcher Schirm gut und gerne fünf Kilo. Es war wieder ein Engländer, Samuel Fox aus Sheffield, dem der große Durchbruch gelang: 1851 entwickelte er das erste Stahlgestell für Schirme und reduzierte so deren Gewicht erheblich.
Seine Hochphase hatte der Regenschirm Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Vom Accessoire des Dandys war er zum ständigen Begleiter des arrivierten Herrn geworden. Dies änderte sich mit dem Wandel der Herrenmode in den sechziger Jahren. Zum endgültigen Niedergang der Schirmkultur führten jedoch Massenprodukte aus Fernost, die heute 90 Prozent des Marktes ausmachen, und die Entdeckung des Schirms als ideales Werbemittel. Rainer Gramke, Geschäftsführer des Schirmhandels Oertel aus Stuhr bei Bremen, formuliert es so: „Heutzutage haben wir Schirme, aber wir besitzen sie nicht mehr.“ Das übrigens, so erläutert Gramke weiter, sei auch der Grund dafür, dass wir unsere Schirme regelmäßig liegenlassen: „Wer den Wert eines Gegenstandes kennt, vergisst ihn auch nicht.“
Mit Degen im Griff
Doch ein hochwertiger und eleganter Schirm wird nicht nur weniger leicht vergessen, vor allem sieht er auch besser aus und verleiht seinem Träger Format und Individualität. Wer zudem auf Tradition und Prestige Wert legt, greift zu einem Produkt von Swaine Adeney Brigg. Gegründet wurde die Firma 1750, seit 1893 trägt sie als Hoflieferant der Queen und des Prince of Wales das begehrte Royal Warrant. Das Angebot beginnt beim ganz simplen Schirm mit einem Griff aus Kastanienholz und endet bei Produkten aus Holz vom afrikanischen Tulpenbaum und mit eingeschraubtem Trinkbecher. Mit Seide bespannt kostet so ein erlesener Regenschutz schon einmal gut 1000 Euro.
Nicht weniger britisch ist das Haus James Smith. Hinter dem Allerweltsnamen verbirgt sich ebenfalls eine große Tradition: Seit 1830 produziert man Schirme. Hier findet der Schirmliebhaber alles, was das Herz begehrt: einfache Stadtschirme aus Stahl mit Holzgriff, den Holzstockschirm für den Gentleman, Griffe in allen Hölzern und Farben oder in Form putziger Enten- oder Hundeköpfe. Auch Taschenschirme mit Knirps-Automatik hat James Smith im Angebot. Und selbstverständlich trug John Steed, der Partner von Emma Peel in der in Deutschland unter dem albernen Namen „Mit Schirm, Charme und Melone“ bekannten Fernsehserie, eine Spezialanfertigung von James Smith - natürlich, wie schon Wellington, mit Degen im Griff.
Wer es extravagant liebt, kommt auch bei Fox Umbrellas auf seine Kosten, einem 1886 gegründeten Unternehmen, das im Übrigen nichts mit dem erwähnten Erfinder des Stahlrahmens Samuel Fox zu tun hat. Hier findet man nicht nur eine schöne Auswahl an versilberten Griffen, sondern selbstverständlich auch Stock-, Taschen- und Golfschirme, wobei Letztere vergleichsweise günstig und deutlich farbenfroher sind als die in puritanisches Schwarz gewandeten Kollegen für die Stadt.
Handwerkliche Kunst ist immer gefragter
Doch Regenschirme sind genauso wenig ein britisches Monopol wie schlechtes Wetter. Insbesondere Norditalien verfügt über eine stolze Schirmmachertradition. Allerdings haben von den zahlreichen Manufakturen, die noch nach dem Krieg in und um Mailand angesiedelt waren, nur eine Handvoll überlebt, darunter Ombrelli Maglia. In fünfter Generation bietet dieser erlesene Hersteller - jedes Modell wird selbstverständlich von Hand gefertigt - nicht nur eine große Auswahl an Produkten im britischen Stil, sondern bereichert das Angebot mit italienisch verspielter Eleganz und Mut zur Farbe. Maglia fertigt alles: Griffe und Stöcke in allen gängigen Hölzern, Formen, Größen, Farben und Stoffen. Und natürlich hat der Mailänder Hersteller auch Taschenschirme im Programm.
Generell, so Schirmfachmann Gramke, „gibt es eine ganz deutliche Entwicklung zum Taschenschirm. Der muss immer kleiner und leichter werden.“ Bei den hochwertigen Stockschirmen hingegen „ist die handwerkliche Kunst, die in einem Schirm steckt, immer gefragter“. Und: „Der Schirm muss aus Europa kommen, möglichst aus England, Deutschland und Italien, und so gearbeitet sein wie in der Gründerzeit üblich.“
Aus diesem Grund lässt Gramke auch handwerklich hochwertige Schirme für die eigene Hausmarke herstellen - bei Maglia. Der ausgefallenste Sonderwunsch, verrät Gramke, ist der gleiche wie zu Wellingtons Zeiten: „der versteckte Degen im Stock. Die sind zu bekommen, aber“, warnt der Händler, „in Deutschland verboten.“ Doch das ist halb so schlimm. Denn den Regen vertreibt man auch mit einem Degen nicht.