15.10.2009 · Hohes Einkommen, edle Gefühle, und dazu die passende Kleidung: Mit dem Namen Ralph Lauren verbindet sich etwas Staatstragendes, obwohl die Menschen in seinen opulenten Annoncen ein Luxusleben in Muße führen.
Von Ingeborg HarmsMit dem Namen Ralph Lauren verbindet sich etwas Staatstragendes, obwohl die Menschen in seinen opulenten Annoncen ein Luxusleben in Muße führen. Denn der amerikanische Designer hat es verstanden, seinen Landsleuten den britischen Lebensstil ihrer Gründerväter in moderner Form zurückzuerstatten. Dank seiner weichschultrigen Tweedjacketts, seiner grauen Flanellhosen und Kamelhaarmäntel, seiner Shetlandpullover, leicht knitternden Oberhemden und breiten Krawatten wussten alle, die in den Achtzigern Karriere machten, wie das Leben aussehen sollte, das sie sich an der Wall Street und anderswo verdienten.
Ralph Lauren schenkte ihnen einen Mythos, der von einer idealen Vergangenheit handelte, aber die Zukunft war und dem puritanischen Ethos der amerikanischen Arbeitswelt wie ein Eldorado der Sinnlichkeit vorschwebte. Der Designer träumte in seinen filmsetreifen Anzeigen vor, was ganze Generationen ihm nachträumen sollten: Ein Oberklassenleben weit weg vom demokratischen Schmelztiegel Amerika, bevölkert von lässigen Herren in Smokings, die sich mit dem Jeep zu Abendgesellschaften kutschieren ließen, von einer Jeunesse dorée, die ihre Tage tennisspielend in weißer Leinengarderobe verbrachte, von Cocktailpartys auf breiten Sommerterrassen und Kaminrunden auf einer entlegenen Ranch.
Die dreißiger Jahre stimuierten seinen Sinn für die Inszenierung
Mit stupender Intuition kreuzte Ralph Lauren die heimischen Sehnsüchte nach einem Leben in der Natur und dem Abenteuer ihrer Erschließung mit den Insignien einer transatlantischen Aristokratie, die ihrem Stil über Jahrhunderte treu blieb und niemandem das geringste zu beweisen hatte.
Der Junge, den seine Lifestyle-Vision in vierzig Jahren zum Milliardär machten, wuchs als viertes Kind russisch-jüdischer Einwanderer in der New Yorker Bronx auf. Als Kellner jobbte er in den mondänen Catskill-Bergen und heuerte später beim ältesten Herrenausstatter New Yorks, den Brooks Brothers, an. Seine Laufbahn setzte er als Krawattenvertreter fort und stülpte die Branche im langen Kampf mit dem männlichen Biedersinn durch eigene Kreationen um, die, als sie einmal eingeschlagen waren, nach einer ganz neuen Garderobe verlangten. Es ist kein Zufall, dass man Ralph Lauren die Ausstattung für die Verfilmung des „Großen Gatsby“ antrug. Die dreißiger Jahre, in denen die Stimmen der Männer weich und die Kleider der Frauen burschikos wurden, stimulierten wie keine andere Epoche seinen Sinn für die Inszenierung. Fred Astaire und der Herzog von Windsor waren ästhetisch seine Leitfiguren, doch er untermischte seine Anleihen uramerikanisch mit rustikalem Chic, für die Frauen mit Reitröcken und Indianer-Strick, mit Ponchos und Rüschenblusen. Im Jahrbuch seiner Abschlussklasse hatte der Schüler als Berufswunsch „Millionär“ angegeben, und schon als er mit seinem Krawattenkoffer Klinken putzte, fuhr er einen Sportwagen und zog sich an, als gehörte ihm die Park Avenue.
Toxische Hemdenfarben und Al-Capone-Binder
Während er heute in verwaschenen Jeans zu feierlichen Empfängen geht, stach er damals durch doppelreihige Nadelstreifenanzüge, toxische Hemdenfarben und Al-Capone-Binder hervor. Mode war seine Leidenschaft, kein privates Hobby, sondern eine Mission, die auf viel mehr als den Import guter Wollen zielte. Ralph Lauren glaubte an die Welt, die er in den Catskills und bei den Brooks Brothers als Zaungast observiert, ausgemalt und idealisiert hatte. Doch mit den Jahren wurde er vom Voyeur zu ihrem Regisseur.
Als er 1986 an der Madison Avenue sein erstes Hauptquartier eröffnete, wählte er ein Stadtschloss im Renaissancestil und richtete es von Kopf bis Fuß mit erlesenen Antiquitäten ein. Hier studierte die Kundschaft, wie sich der Ralph-Lauren-Stil in die Lebenswelt übersetzte, und vom Bettüberwurf bis zum Silberrahmen konnte sie alles bei ihm kaufen. Es ist bezeichnend, dass der Designer gern jeden Text aus seinen Annoncen strich. Sein Einfluss ist bis heute der sprachlos-staunende der Träume. Er mag über die Welt verteilt zahllose Landgüter besitzen, die er im Privatjet pflichtschuldig bereist: Ralph Lauren ist noch immer erfolgreich, weil er der scheue Junge aus der Bronx geblieben ist und eine Welt imitiert, über deren Zerbrechlichkeit kein Modeimperium hinwegtäuschen kann, weil sie nur als persönliche Phantasmagorie wirklich existiert. Am 14. Oktober wird er siebzig.