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Raf Simons für Jil Sander Jenseits der Kaschmir-Blazer

30.06.2009 ·  Kaum ein Mensch außerhalb der Modewelt kennt ihn, obwohl er einer der einflussreichsten Designer seiner Generation ist. Nun entwickelt Raf Simons die Marke Jil Sander weiter - und kennt die Grenzen eines globalisierten Modehauses.

Von Alfons Kaiser, Paris
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Raf Simons arbeitet an einem kompliziert verkreuzten Gewebe. Da war die Schau für sein eigenes Label in Paris am vergangenen Freitag: Mit sauber geschnittenen Herrenanzügen knüpfte er an seine letzte Kollektion an, mit Uniformschnitten an seinen Beginn als Designer. Da war die Schau für die Marke Jil Sander wenige Tage zuvor: Mit Drucken aus Zeichnungen des japanischen Künstlers Tsugoharu Foujita und mit federleichten Stoffen ließ er die vor fünf Jahren von ihrer minimalistischen Gründerin verlassene Marke weiter in die Zukunft flattern. Und da ist dieser ernste Mann von 41 Jahren in einem Showroom in Paris, dessen höfliche Zurückhaltung in spürbarem Gegensatz steht zu seinen entschiedenen Ansichten.

Raf Simons also, den kaum ein Mensch außerhalb der Modewelt kennt, obwohl er einer der zwei oder drei einflussreichsten Designer seiner Generation ist, nimmt viele Fäden auf und verknüpft sie mit den Interessen des in Popkultur, Architektur, Industriedesign und Mode geschulten Künstlers. Aber er weiß auch, und die auf Äußerlichkeiten fixierte Modewelt vergisst diese Innereien leicht, wie man eine Marke als Creative Director zu führen hat, die sich so radikal globalisiert hat wie kaum eine andere - mit deutscher Herkunft, japanischem Eigentümer, italienischem Management, belgischem Designer und internationaler Klientel.

Sein Leben ist eine einzige Flucht nach vorn

In seinem biographischen Hintergrund nach der Klarheit seiner Gedanken und der Modernität seiner Entwürfe zu suchen - das führt nicht so recht weiter. Aus der Provinz flüchtete er nach vorn, ließ die eigentlich so bilderreiche Tradition des Katholizismus seiner Oberschule ebenso hinter sich wie die Enge des belgisch-deutschen Grenzgebiets, in das ihn seine Geburt am 12. Januar 1968 geworfen hatte, im Sternzeichen des für seine Sturheit bekannten Steinbocks. Wie seine Vorwegnahme der engen Hédi-Slimane-Hosen in den Neunzigern bewies, war er auf seiner Reise durch die Herrenmode sogar der Avantgarde zu schnell. Und vielleicht ist er auch auf der Jil-Sander-Tour, seiner bisher wichtigsten, ein paar Leuten voraus.

Sein Gewebe ist mehr als nur die Summe der Fäden. Aber Raf Simons spricht auch nicht nur mit all den Sub-, Meta- und Paratexten der Textilien - er kann auch Klartext. Und das hängt dann doch wieder mit der Antwerpener Schule zusammen, in der er nicht nur das Nähen lernte. Mit 15 Jahren wusste er, dass er der Einfalt der Limburger katholischen Schule und der vorgezeichneten Karriere als Anwalt oder Arzt nur durch einen kreativen Beruf entkommen konnte: „Ich muss mich anstrengen, damit ich hier rauskomme.“ Mit 17 Jahren fiel ihm ein Berufsberatungsbuch in die Hand, das ganz hinten auch Architekten und Designer beschrieb - so dass er wirklich in Genk Design studierte.

Er muss nicht studieren

Mit 21 Jahren ging er zum Praktikum statt ins Industriedesign zu Walter van Beirendonck, dem abgedrehten Designer, der als Lehrer auch heute noch an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen die Modestudenten mitreißt. Und mit 23 Jahren sagte ihm Linda Loppa, die legendäre Leiterin der Akademie, dass er dort gar nicht erst studieren müsse - und schickte ihn zu ihrem Vater, dem Schneidermeister Renzo Loppa, der ihn beim Aufbau seiner eigenen Marke unterstützte. Ja, sagt Simons, von Antwerpen sei er stark beeinflusst.

Die belgische Welle von Dries van Noten bis Ann Demeulemeester hat ihn mitgerissen. Und jetzt, da das belgische Modell mit der drohenden Insolvenz von Veronique Branquinho und dem Verschwinden Martin Margielas vor dem Ende steht? Allzu sehr scheint ihn das nicht zu berühren. Das belgische Modell der geschäftlichen Unabhängigkeit hat er abgelegt. Als ihm seine Firma mit 18 Angestellten im Jahr 1999 zu viel wurde, setzte er eine Saison lang aus, bis er die Arbeit vermisste. Der Vorteil des Angestelltendaseins: Buchführung, Personalfragen und ähnliche Unannehmlichkeiten erledigen andere.

Die militärische Nahtführung eines Soldatensohns

Aber er lebt und arbeitet noch heute in Antwerpen, obwohl er das belgische Wetter hasst. In seinem Atelier arbeitet er mit neun weiteren Designern an seiner Herrenlinie Raf Simons und an Auftragsjobs für Marken wie Fred Perry. „Ich dachte immer, ich müsste aus Antwerpen weggehen. Bis ich in Mailand lebte. Seitdem weiß ich, dass ich ewig in Antwerpen leben möchte.“ Na ja, bis auf die 110 vertraglich vereinbarten Tage im Jahr, die er für die Marke Jil Sander in Mailand sitzt.

Von dieser Arbeit profitiert auch seine eigene Marke. So lässt er seine Entwürfe nun, vertraut mit dortigen Produktionsstätten, auch in Italien fertigen. Außerdem lernt er ganz nebenbei, wie man eine Marke steuert, die aus der Avantgarde kommt und in die Läden soll. So eröffnete er die Raf-Simons-Schau für Frühjahr und Sommer 2010 mit einer „Wall-Street-Prozession“ („Women's Wear Daily“) schwarzer Anzüge, um sich dann mit militärischer Nahtführung seiner Herkunft als Soldatensohn und mit dekonstruktiven Auftrennungen dem typisch belgischen Experiment zu widmen. „Wir wollen nicht nur offen sein für modeaffine junge Konsumenten.“ Businessanzüge stehen ihm gut: Mit der letzten Winterkollektion hat er trotz Krise so viel Umsatz gemacht wie mit der vorletzten. „Aber wenn ich nur noch schwarze Anzüge mache, kann ich bald keine semitransparenten T-Shirts mehr bringen - da muss man aufpassen.“

„Bei Jil Sander war früher ja gar nichts erlaubt“

Markenpflege bei Jil Sander ist ein noch komplexeres Gewebe. Vor vier Jahren zeigte er seine erste Herren-, dann auch seine erste Damenkollektion für die Marke. In der Generation nach Miuccia Prada gibt es in Mailand heute wohl niemanden, der so klar und dennoch so nuancenreich, so referenzengesättigt und doch so futuristisch die Mode nach vorn bringt. Und doch sieht es so aus, als könnte Raf Simons bald die Sachen hinwerfen. Der kleinste Hinweis darauf sind Zeichen mangelnder Organisation: Die Schuhe für die um 14 Uhr angesetzte Jil-Sander-Schau trafen zur Verärgerung des ohnehin wochenlang durcharbeitenden Chefdesigners erst am selben Morgen ein. Für seine eigene Kollektion hatte er die Schuhe acht Tage vorher im Haus.

Raf Simons selbst will dazu aus Diskretion nichts sagen - im Gespräch ist er so beherrscht wie in der Mode. Jedenfalls will er die Marke Jil Sander weiter öffnen. Vielsagend fügt er hinzu: „Das ist meine Verantwortung, auch für die Zeit, in der ich nicht mehr da bin.“ Er hat dafür Argumente: „Irgendwann kommen Doubleface-Kaschmir-Blazer aus der Mode.“ Jil Sander selbst habe eine starke Sprache, eine starke Qualität gehabt. „Aber nur diese Bestandteile würden die Marke keine weiteren zehn Jahre aufrechterhalten. Man kann gegen Schuhe und Taschen alles Mögliche sagen - aber man darf nicht die Kunden ignorieren. Man darf sich nicht isolieren, sondern muss mit ihnen kommunizieren.“ Braucht er dafür all die neuen Unterwäsche-, Schwimm-, Uhren- und Schmucklizenzen? „Das ist Öffnung! Bei Jil Sander war früher ja gar nichts erlaubt - nicht mal High Heels.“ Aber war nicht gerade diese Reduktion der Markenkern? „Wenn alle Handtaschen haben wollen, warum sollte man das negieren?“ Gibt es keine Limits für Lizenzen? „Wenn das Publikum im Jahr 2017 Stühle auf dem Kopf tragen will, wird jeder Stühle für den Kopf entwerfen - außer den Dummköpfen.“

„Es gibt die Besitzer - und es gibt mich.“

So offen er für neue Produkte ist, so skeptisch ist er, was die Massenwirksamkeit angeht. „Jil Sander hat immer die Elite angesprochen. Mit dem Konzept kann man nicht unendlich viele Käufer gewinnen - das passt nicht.“ Wäre es also unpassend, eine Zweitlinie einzuführen, mit der Dolce und Gabbana (D&G) oder Armani (Emporio) viel Geld verdient haben? „Aus meiner Sicht ist es keine gute Idee, für Jil Sander eine Zweitlinie einzuführen. Ich weiß aber nicht, ob die neuen Besitzer Jil Sanders wissen, dass eine Zweitlinie eine schlechte Idee wäre. Es gibt die Besitzer - und es gibt mich.“

Die harschen Töne gegenüber dem Arbeitgeber verdanken sich vermutlich den abrupten Richtungswechseln. Prada reichte das Unternehmen nach dem Ausstieg Jil Sanders an den Londoner Finanzinvestor Change Capital Partners weiter, der es 2008 erfolgreich an die japanische Onward Holdings verkaufte. Vor einigen Wochen wechselte CEO Gian Giacomo Ferraris (der Jil Sander 2007 in die Gewinnzone zurückbrachte) zu Versace. Zum neuen Chef der „Jil Sander Group“ wurde Alessandro Cremonesi - der sich eher bei Maschinenherstellern und in der IT-Branche auskennt. So viele Veränderungen, hört man aus Simons' Umfeld, sind ihm nicht recht. Wie kommt er also mit dem neuen Geschäftsführer zurecht? Schweigen. Nun ist Simons plötzlich derjenige unter den Chefs, der am längsten in der Firma ist. „Ich hoffe, die Eigentümer respektieren das. Wenn sie das respektieren, dann können wir gut weiterarbeiten. Wenn sie das nicht respektieren, werde ich nicht mehr in diesem Unternehmen bleiben.“

Und wie wäre es, um die Katastrophenszenarien zu erweitern, wenn Jil Sander wieder an ihren Namen will? Immerhin arbeitet sie nun für die japanische Fast Retailing Company („Uniqlo“), die sich zum Beispiel im Jahr 2004 auch an der Link Theory Holdings beteiligt hat, die wiederum die ebenfalls von Prada nach Ausstieg des Gründers veräußerte Marke Helmut Lang vertreibt? Raf Simons reagiert gelassen: „Wenn es so käme, käme es so.“ Dann wäre das schöne Gewebe an diesem Ende aufgetrennt. Dekonstruiert, sozusagen.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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