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Raf Simons für Dior Organisch und elektronisch

 ·  Raf Simons entwirft nach seinem Abgang bei Jil Sander zum ersten Mal überhaupt eine Couture-Kollektion – für Dior. Die Wände zieren dabei eine Million Blüten, doch den Betrachtern blüht noch ganz anderes.

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© Wonge Bergmann Raf Simons für Dior: Im Blauen Salon

Mehr kann auch er nicht dazu sagen: „Organisch wird es – und elektronisch.“ Michel Gaubert, der bekannteste Komponist und Kompilator von Laufsteg-Musik, also kein Mann der vielen Worte, wird es kurz vor der Schau schon stimmig zusammenfassen. Schließlich kennt er den Designer gut. Raf Simons, der belgische Modemacher, der sieben Jahre lang für die Marke Jil Sander arbeitete (für die jetzt wieder die Gründerin tätig ist), zeigte an diesem Montagabend als Höhepunkt der Haute-Couture-Tage in Paris seine erste Modenschau für Dior. Sie wird das Haus von der Avenue Montaigne organisch weiterentwickeln und es gleichzeitig elektrisch aufladen.

Organisch ist es in jedem Sinn. In dem Hôtel particulier an der Avenue d’Iéna blüht nämlich schon die Kunst des Pariser Floristen Eric Chauvin. Er hat eine Million Blüten an die Wände geheftet – von 48000 Blüten der „Delphinium Völkerfrieden“ im Blauen Salon über 35000 Goldruten im Gelben Salon bis zu 28800 Stück Wilde Möhre im Weißen Salon. Raf Simons, persönlich eher zurückhaltend, will wenigstens symbolisch Duftmarken setzen. Dabei hilft ihm auch der Ruf des Hauses. In der ersten Reihe blühen außer all den Blumen auch Sharon Stone, Natalia Vodianova, Isabelle Huppert, Inès de la Fressange sowie überraschend viele Modemacherkollegen wie Donatella Versace, Olivier Theyskens, Marc Jacobs, Alber Elbaz – und sogar Pierre Cardin kurz vor seinem 90. Geburtstag.

Schau in Paris: Raf Simons mit neuer Dior-Kollektion

Der 44 Jahre alte Raf Simons, der zum ersten Mal eine Couture-Kollektion entworfen hat (er begann als Industrie- und machte als Herren-Designer weiter), gräbt in der Tradition und holt Neues heraus. Verblüffend, dass er die Wespentaille und die langen Glockenmäntel von Christian Dior übernimmt, dass er sie gar als Persianer neu interpretiert – und dass es dennoch modern aussieht. Teils verkürzt er die Kleider auf Schößchen und steckt die Frauen darunter in Zigarettenhosen. Teils bestickt er die ausgestellten Kleider und Mäntel in zartestem Bleu oder Rosé. Teils schließt er mit stark verfremdeten floralen Drucken an seine experimentierfreudige letzte Phase bei Jil Sander an.

Unter Strom steht das ganze Projekt schon deshalb, weil Christian Dior Blumen wirklich liebte und Raf Simons gern damit spielt. Weil er ein Kleid aus Seidenorganza mit einer futuristischen pinkfarbenen Stickerei vorn und einer blauen hinten ins Diesseits holt. Und als einem Persianer und Nerz (wenn auch modern zugeschnitten und geschoren) aufs Gemüt zu schlagen beginnen, kommt ein bezwingendes Bustierkleid aus feinstem Persianerpelz in elektrischem Blau um die Ecke. Oder ein Kleid aus mehrfarbig changierendem Netzgewebe. Oder, als Nummer 47 und zweifellos als Höhepunkt, ein weißes Seidenkleid mit pointillistischen Stickereien im Dégradé.

Ja, Raf Simons weiß wie es geht. An die ungewohnt bourgeoise Anmutung einer Kollektion aus belgischer Hand wird man sich vielleicht gewöhnen müssen. Elektrifiziert genug ist diese Mode für Herbst und Winter allemal. Mit minimalistischen Mitteln die Marke noch weiter voranzutreiben, weg vom John-Galliano-Image – das wird sich Raf, der nach der Schau ebenso erlöst wirkt wie der begeisterte Dior-Chef Sidney Toledano, wohl fürs Prêt-à-porter aufbewahren. Durch die Blume spricht er im Oktober, jede Wette, nicht mehr.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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