09.10.2006 · Beim Prêt-à-porter sind immer mehr deutsche Designer vertreten. So triumphal wie die Luxusmarken treten sie zwar nicht auf und sind geschäftlich gesehen Zwerge im Vergleich zu den Großkonzernen. Dafür spielen sie ihren Nischenvorteil geschickt aus.
Von Alfons KaiserIhr Mops hatte sie nach der Fußpflege am Bein gekratzt. Ein Mißgeschick - kurz vor der Schau! Sie mußte sogar in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Trotzdem setzte sie sich in Berlin ins Flugzeug, um sich in Paris heilen zu lassen - von ihrem Wunderkind. Charlotte Joop saß bei der Premiere von Wolfgang Joops Modelinie „Wunderkind“ Anfang der Woche in Paris in der ersten Reihe.
Ihre Enkelinnen Jette und Florentine waren im Palais de Chaillot ebenfalls dabei. Denn Modenschauen sind auch Familienfeste, auf denen alles zusammenkommt, was sonst durch Generation und Geographie getrennt ist. Bei den Joops ist es sogar egal, ob das Familienoberhaupt 91 Jahre alt ist und zuweilen Probleme mit dem Hund hat: Charlotte Joop klatschte begeistert Beifall und flog beglückt zurück in die preußische Heimat.
Deutsche nutzen Nischenvorteil
Die Familienzusammenführung in Frankreich ist kein Zufall. Denn die deutschen Designer, die sich nach Paris wagen, sind geschäftlich gesehen Zwerge im Vergleich zu den immer weiter wachsenden Großkonzernen Chanel, Hermès, Louis Vuitton, Yves Saint Laurent oder Christian Dior. Für die Deutschen ist Mode noch ein Familiengeschäft. „Die meisten Modemacher gehören doch heute zu Konzernen“, ruft Joop, dem man die selbstdiagnostizierte „postnatale Depression“ ein paar Tage nach der Schau nicht mehr anmerkt. „Die Deutschen dagegen sind die Kleinen, die sich durchwurschteln.“
Und diese Randstellung verschafft ihnen einen Nischenvorteil. Lutz Huelle („Lutz“), Adrian Runhof und Johnny Talbot („Talbot Runhof“), Stephan Schneider, Kai Kühne, Angelika Paschbeck, die Berliner Labels Pulver, von Wedel und Tiedeken, Lala Berlin und zahlreiche weitere: Wohl nie zuvor haben so viele deutsche Designer in der Hauptstadt der Mode ihr Glück gesucht - und den vermeintlichen Nachteil des kleinen Unternehmens zum persönlichen Vorteil umgemünzt.
Auf der Suche nach einer zweiten Heimat
Adrian Runhof (43) und Johnny Talbot (42) begannen vor fünf Jahren an der Seine. Seitdem kommen die beiden Münchner Modemacher, die es mit ihrer Abendmode zu zwei eigenen Läden in München und Hamburg und zu Fans wie Katja Flint und Barbara Schöneberger gebracht haben, immer häufiger nach Paris. „Deutsche Designer sind auf der Suche nach einer zweiten Heimat - weil sie merken, daß sie von Deutschland aus nichts werden können“, sagt Runhof.
Auch der Mode-Aufschwung Berlins habe daran nicht viel geändert. Die aufwendige und moderne Tages-, Cocktail- und vor allem Abendmode von Talbot Runhof erhält erst durch Paris internationalen Anstrich. Bei ihrem ersten Defilee Anfang der Woche kamen viele Einkäufer und Journalisten aus Fernost. Auch in Amerika, Rußland und dem Mittleren Osten verzeichnen sie gute Zuwächse: „Mit ausgefallener Mode kann man Geld verdienen - wenn man die richtigen Märkte findet.“ Und Paris soll ihnen bald auch helfen, Lizenzen zu vergeben: für Accessoires oder ein Parfum - oder gar eine Herrenlinie zu entwickeln.
Respekt aus Frankreich
Inzwischen residieren sie sechs Monate im Jahr in einer herrlichen Atelierwohnung über den Dächern der Stadt. Um Ideen zu finden, um die Schauen vorzubereiten, um Stoffmessen zu besuchen, sind sie hier. Nur in Frankreich selbst bleibt der Erfolg aus: „Die Franzosen respektieren die Deutschen zwar, sind aber heilfroh, wenn sie nicht zu erfolgreich werden“, berichtet Runhof etwas resigniert. „Von Franzosen verspüren wir hier wenig Resonanz und wenig Sympathie.“ Dabei schaffen die beiden in ihrem Wohnatelier eine gemütliche Atmosphäre: „Wir kochen unseren Kunden einen Lunch, und die kommen dann um so lieber. Wir sind ohnehin nicht die Party-People.“
Bei Angelika Paschbeck gibt es zwar nichts zu essen. Aber ihr Stand auf der kleinen Trend-Messe „Rendez-Vous“, zu der viele Besucher der Modewoche kommen, die von den Defilees der großen Marken gelangweilt sind, zieht zahlreiche Neugierige an. Gerade verhandeln zwei Einkäufer eines Tokioter Trendladens mit der 28 Jahre alten Münchnerin. Das Persönliche zieht: „Jedes Teil hat Elemente aus Handarbeit, damit immer Seele drin ist.“
„Made in Heaven“
Die Kollektion wird komplett in Deutschland hergestellt. Nur die Palästinensertücher hat sie in Indien von Männerhand bunt besticken lassen. Die Produktion dort überwacht sie selbst: „Es ist mir wichtig, daß alles „Made in Heaven“ ist!“ Vor zwei Wochen war sie noch in Indien bei den Stickern, vor einer Woche in New York zum Verkauf, jetzt sitzt sie mit leichter Erkältung an ihrem Stand, und nach einem kurzen Zwischenstopp in München geht es nächste Woche nach Italien. In Paris gewinnt sie internationale Aufmerksamkeit. „In dieser Saison verkaufe ich mehr nach New York als nach ganz Deutschland.“
Die beiden Einkäuferinnen aus Japan sind begeistert von der Ledertasche mit Innenbeleuchtung. Auch die Jogginghosen aus Schweizer Baumwolle und die Kapuzenjacke mit i-Pod-Tasche an der Seite und i-Pod-Schnur-Ausgang am Kragen wird es bald in Tokio geben. Angelika Paschbeck freut sich über das Interesse. Halb verschämt, halb stolz sagt sie den beiden Frauen aus Japan, die Mindest-Ordersumme betrage 5000 Euro - gar nicht so schlecht für ein Label, hinter dem nur sie und eine weitere Mitarbeiterin stehen.
Nebenjob als Werbemodel
Von der Mode allein kann sie nicht leben. Sie arbeitet nebenher freischaffend als Designerin und nimmt auch weiter Modeljobs in der Werbung an: „Jetzt bin ich langsam in dem Alter, in dem ich für Versicherungen oder Banken die Mutter oder die Business-Frau verkörpern kann.“ Solche Jobs lohnen sich am Ende sogar für die Mode: Bei Werbeaufnahmen hat sie schon viele gute Tips für Styling und Make-up bekommen.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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