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Prêt-à-porter Der neue New Look

01.03.2007 ·  John Galliano erinnert beim Prêt-à-porter an den großen Dior vor 60 Jahren - die anderen Designer bleiben in der Gegenwart. Die ewigen Regeln der Modewelt bleiben: Anstehen, Gesehenwerden, Hinsetzen, Sehen und Kommentieren. Nächste Schau.

Von Florentine Fritzen
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Neunundfünfzig Stockwerke über Paris schlägt die Modewelt ihre Regeln in den Wind. Auf dem Dach der Tour Montparnasse gibt es keinen Laufsteg. Die Models des Berliner Labels Bless defilieren nicht. Sie hopsen am Dienstagabend frierend zwischen den Besuchern herum. Posieren in flatternder und knatternder Kleidung auf dem kargen Hubschrauberlandeplatz. Unten flimmert die nächtliche Stadt.

Es ist der dritte Tag der Pariser Damenmodewoche. „Hier ist halt ein bisschen Action Moving“, sagt ein Model. „Und ein super View.“ Der platinblonde Bubikopf verschwindet in einer üppigen Kapuze. Eine Besucherin jammert: „Du hast es gut, du hast warme Klamotten.“ Der Bubikopf taucht wieder auf. „Ja, aber ich hab' voll die dünne Strumpfhose.“

Bless: Viel fluffiges Fell

Die Strumpfhose ist weiß und steckt in Stiefeln. Ansonsten haben Desirée Heiss aus Paris und Ines Kaag aus Berlin aber dafür gesorgt, dass die Models dick verpackt sind in der Kollektion für den kommenden Herbst und Winter. Die beiden Designerinnen zeigen viel fluffiges Fell und lagenweise Stoff. Die Modemacherinnen präsentieren ihre Kollektion an „Persönlichkeiten“. Die dürfen auch mal kleiner, kräftiger oder älter sein als das Durchschnitts-Magermodel auf den Laufstegen. „Kein' Zigarett', bitte“, mahnt ein Fotograf mit französischem Akzent. Eine Dunkelhaarige hält ihre Kippe hinter den Rücken. „Ist das für ein amerikanisches Magazin?“ - „Oui.“

Unten am Pariser Boden bleiben die ewigen Regeln der Modewelt unangetastet. Anstehen, Gesehenwerden, Hinsetzen, Sehen und Kommentieren. Nächste Schau. Viele Besucher, die in das weiße Dior-Zelt in den Tuilerien drängen, haben sich für den Anlass schön gemacht. Ein junger Amerikaner, Stylist aus Kalifornien, hat sich Brillanten-Imitate auf die Wimpern geklebt.

Bei Dior gibt es Pelz zuhauf

Modeschöpfer John Galliano verpasst seinen Models lieber schwarze Augenbrauen-Aufkleber und Affenschaukel-Frisuren. Die Strohhüte sehen aus wie Sonnenschirme am Mittelmeer. Pelz gibt es auch bei Dior zuhauf, als dicke Ärmelverstärker oder, auf Röcken, als längliche Bommeln in Form von Wischmopps. Viele Stücke sehen aus wie sorgfältig gefaltete Basteleien aus Papier. Bei den Farben herrschen Senfgelb, Rot- und Rosatöne vor. Die Silhouetten erinnern an die große Zeit des „New Look“ vor genau 60 Jahren, als Christian Dior der Frau wieder Luxus gönnte - heute stellt sich Galliano mit Farbe und Fülle gegen das ansonsten weiter recht dominante Schwarz.

Die Mädchen wirken phantastisch entrückt und hasten kurz darauf auf Pumps zur nächsten Schau. Der Gang übers feuchte Kopfsteinpflaster an der Place de la Concorde wird zum Hindernislauf. Ein paar Halbwüchsige aus dem Maghreb erkennen nicht, wer da stakst. Sie lästern: „Elle peut pas marcher! Elle marche comme ça!“ Sie machen das Holpern und Stolpern ziemlich gut nach.

Lagerfeld: Schwarz, Schwarz, Schwarz

Chanel steht erst für Freitag auf dem Schauenkalender. Karl Lagerfeld zeigt am Mittwochmorgen in den Hallen der Sorbonne aber schon mal seine eigene Kollektion. Sie mutet militärisch an. Zu armeegrünen Mänteln mit Rundknöpfen im selben Farbton tragen die Models spitze Stiefeletten mit drei Seitenschnallen. Ansonsten: Schwarz, Schwarz, Schwarz. Für etwas Weiblichkeit sorgen Netzstrümpfe und durchsichtiger Stoff.

Durchscheinende Textilien und viel Dunkles gibt es auch am Mittag auf der Schau des Schweizer Hauses Akris im Louvre. Zu Kleidern und Kostümen in Anthrazit tragen die Models Taillengürtel. Die Röcke enden kurz über dem Knie. Designer Albert Kriemler hat sich von der zeitgenössischen Schweizer Architektur anregen lassen und mischt Materialien: Seide mit Aluminium oder Ziegenfell. „Ich mochte die Farben“, schwärmt eine Italienerin nach der Schau. „Dieses Grau!“

Valentino: Warm, wollig, ledrig

Im Saal nebenan geht es farbiger, italienischer und noch eleganter zu. Valentino zeigt Abendkleider in Tomatenrot, Himmelblau und Altrosa. Ansonsten ist seine Kollektion warm, wollig, ledrig. Zu Brauntönen gesellen sich Reptil- und Raubkatzenmuster. Wie so viele Modeschöpfer sieht Valentino Pelz als wichtigen Trend.

Ob die zwei Frauen, die während der Schau nackt zwischen die Models zu stürmen versuchen, gegen Tierfelle auf dem Laufsteg protestieren wollen? Die Zuschauer erfahren es nicht. Sicherheitsleute packen die beiden. Die Models schreiten ungestört weiter. Ihr Marsch über Dutzende Laufstege geht noch bis Sonntag weiter. Dann werden die Regeln des Ausnahmezustands wieder aufgehoben - bis zur Haute Couture im Sommer.

Quelle: F.A.Z., 01.03.2007, Nr. 51 / Seite 9
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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