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Peter Pilotto Modemacher des digitalen Zeitalters

 ·  Eine neue Generation Londoner Designer mischt die Mode auf. Dazu gehört das Label Peter Pilotto. Mit zwei Köpfen, vier Händen und 3D-Technologien flüchtet es in fremde Welten.

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© Pitti Uomo Digitaldrucke im Palazzo: Die Zwischenkollektion zeigt Peter Pilotto ausnahmsweise in Florenz.

Christopher De Vos reicht dem Gast zur Begrüßung nicht die Hand, sondern ein Stück Teppich. „Hier, für Sie“, sagt er und versucht den kunterbunten Fetzen mit dem kaleidoskopischen Muster loszuwerden, der anscheinend übrig geblieben ist von der großflächigen Installation im Florentiner Palazzo. „Das ist doch Kunst, wenigstens von innen.“

Zu Späßen scheint der Modemacher also noch aufgelegt zu sein. Und das, obwohl er in diesen alten Gemäuern in wenigen Stunden eine Kollektion zu präsentieren hat, es um die Mittagszeit nicht nur draußen, sondern auch drinnen glühend heiß ist und er soeben Museumsführer für einen Pressetross spielen musste, der ihm eine Stunde lang kreuz und quer durch die Ausstellung folgte.

Doch De Vos pustet sich die blonden Locken aus dem Gesicht und lacht. Seine Späße in der Hektik sagen auch etwas über die Professionalität des jungen Designers aus, und die ist auch ein Gruß aus dem neuen London. Die Stadt, in der das Label beheimatet ist, sagt er, habe ihn in den vergangenen Jahren gelehrt, dass Mode eben auch ein Geschäft sei.

Nun war London bis vor einigen Saisons als Modestadt schon für etliches renommiert, etwa für seine Universitäten, die Designstudenten zu außergewöhnlichen Fähigkeiten verhalfen. Oder für seine Freigeister, die halbjährlich etwas Verrücktes in dem Modezelt, damals noch neben dem „Natural History Museum“, präsentierten. Wenn es aber um den wirtschaftlichen Instinkt ging, schien es in der Modestadt zu haken.

In dieses London hat es im Jahr 2006 einen Jungen gezogen, der Peter Pilotto heißt. Sein Name, der so flott über die Lippen rutscht, erzählt von seiner Herkunft. Die Mutter ist Österreicherin, der Vater Italiener, Peter Pilotto wächst in Tirol auf und geht anschließend zum Studium nach Antwerpen, wo er De Vos kennenlernt. Nach dem Abschluss an der belgischen Modeschule zieht Pilotto zunächst alleine nach London und beginnt dort, unter eigenem Namen ein Label aufzubauen. Die Kleider verkaufen sich 2008 schon in ein paar Läden, als der ehemalige Kommilitone aus Antwerpen - De Vos - zu ihm stößt. Die beiden werden Designpartner, doch der Namensschriftzug auf den weißen Etiketten, die bereits eingestickt sind, bleibt.

In dieser Zeit beginnt sich auch die Designerlandschaft in London zu verändern. Die Qualität der Häuser steigt. Außerdem wird die Modewoche dadurch relevanter, dass junge Talente, die zuvor lieber in Paris oder New York zeigten, an Ort und Stelle bleiben. Auch eine etablierte Marke wie Burberry flüchtet nicht mehr auf die vermeintlich wichtigere Bühne nach Mailand. „London zuvor zu verlassen, hatte System“, sagt De Vos, für den die Präsentation in Florenz nur noch eine Ausnahme ist.

Dagegenzuhalten sei bis heute nicht einfach, dennoch gäbe es für das junge Label keine bessere Stadt. Nach der Schau für den aktuellen Sommer schrieb „Style.com“ von dem Durchbruch der Marke. Die hängt zum Beispiel im Kleiderschrank von Samantha Cameron. Die Ehefrau des britischen Premierministers orientiert sich in der Förderung junger Designer aus dem Heimatland an Michelle Obamas Strategie - und schlüpft deshalb selbst in die Stücke. Zum Feuer der olympischen Fackel, die am Freitag vor einer Woche in der Downing Street 10 Station machte, trug Cameron ein Kleid mit Mosaikdruck von Peter Pilotto.

Es sei eine Herausforderung, ohne langjährige Erfahrung solche Kleider zu entwerfen, sagt De Vos. „Sie dürfen ja neben den Teilen etablierter Häuser nicht abfallen.“ Dass dies aber auch nicht unmöglich ist, zeigen inzwischen mehrere junge Labels. Im Online-Shop Net-A-Porter zum Beispiel sind die Kleider mit Trompe-l’oeil-Drucken der Designerin Mary Katrantzou meistens nach wenigen Stunden ausverkauft. Auch bei Stücken aus der Kollektion von Roksanda Ilincic, die vornehmlich mit sonderbaren Farbkombinationen arbeitet, muss man schnell sein. Und eben bei Pilotto.

Die neue Generation Londoner Designer geht mit einem schärferen Bewusstsein für den Markt an die Arbeit, ohne dass dabei ihre kreativen Kräfte auf der Strecke bleiben. „Früher war Designern in London doch hauptsächlich die Show wichtig - die Präsentation auf dem Laufsteg“, sagt Pilotto.

Beim Gespräch in Florenz kann man das Gefühl bekommen, die zwei Modemacher hätten sich zuvor mit einem Unternehmensberater zusammengesetzt. Sie sprechen von Teamstrukturen, geschäftlichem Wachstum und Kundenanalysen, während die Kleider mit flirrenden Mustern, das Markenzeichen des Labels, weltweit auf Kleiderbügeln in 130 Läden und auf vielen schmalen Schultern hängen.

In ihren Ateliers experimentieren viele dieser Designer unterdessen an einem neuen Stil, der auch für die Modestadt steht. Sie sind die digital natives der Mode. Auf Stoffen bilden sie Meereswelten ab oder Wohnzimmeratmosphären, die so real daherkommen, weil sie mit 3D-Technologie entworfen sind. Die Digitaldrucke sind für aufstrebende Designer, die sich noch nicht auf eine Armee Schneiderinnen im Rücken verlassen können, auch eine Möglichkeit, Qualität aus eigenen Kräften zu sichern. Suzy Menkes, die Modekritikerin der „International Herald Tribune“ schrieb, jene Modemacher brauchten lediglich einen Schreibtisch, einen Stuhl, einen Computer und kreatives Denken.

Die Videoinstallation in Florenz, die Teil der Ausstellung ist, steuert De Vos mit seinem iPhone. Dazwischen stehen Models in der neuen Resort-Kollektion des Labels, die, wie Zwischenkollektionen es eben so an sich haben, kommerzieller ist als die Hauptlinien von Sommer und Winter, die länger zum vollen Preis in den Läden hängt.

Aufwendig ist das, was De Vos und Pilotto hier präsentieren, trotzdem: Die Designer scheinen alle Farben des Regenbogens auf einer Jacke untergebracht zu haben. Tribal anmutende Drucke kombinieren sie mit blütenweißen Kragenleisten, und ihre Muster lenken sie in eine Richtung, die im Verlauf der Schultern abwärts eine Eigendynamik annimmt, als würde der Anzug immer rasanter auf den Steinfußboden des Palazzos zurasen - und das Model gleich mitnehmen.

Dass sich in der Arbeit der beiden Designer nämlich kaum noch Raum für Zurückhaltung bietet, hat auch mit deren Hintergründen zu tun, die zeigen, dass zwei Köpfe und vier Hände eben manchmal zu viel sind für ein Kleid. Während De Vos sich besonders für Architektur interessiert und sie über komplexe Schnitte entsprechend in die Mode der Marke führt, konzentriert sich Pilotto auf die Musterungen. „Das war schon im Studium so“, sagt er. „Wir schauten uns dasselbe Bild an und mochten es beide, nur zogen wir daraus völlig unterschiedliche Botschaften.“

Bei den Zielen für die eigene Marke sind sich die beiden indessen einig: Irgendwann sollen die Leute auf einen Blick „einen Peter Pilotto“ wie „einen Pucci“ erkennen können. Obwohl De Vos und Pilotto also fest zu London gehören, kommt ihr Vorbild, das Traditionshaus Pucci, ursprünglich - aus Florenz.

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