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Pariser Prêt-à-porter Die wiedergewonnene Weiblichkeit

07.10.2004 ·  Neben den etablierten Star-Designern, wie Dior oder Jean-Paul Gaultier, präsentieren auch viele Nachwuchs-Modemacher ihre Kreationen auf der Prêt-à-porter in Paris - nicht alles wirklich straßentauglich.

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Pünktlicher als die Schau beginnt die Demonstration der Tierschützer. Vor dem Zelt in den Tuilerien, in dem Modemacher John Galliano seine Kollektion für das Modehaus Christian Dior zeigen wird, heben sie ihre Schilder in die Höhe: "Pelz wird von schönen Tieren und häßlichen Menschen getragen. John Galliano - Designer des Todes". Immer wieder habe man Galliano heimlich gedrehte Videos und Informationsmaterial über die brutale Haltung und Schlachtung von Tieren gesendet, sagt Michael McGraw, Mitarbeiter der Organisation Peta. "Nie hat er reagiert. Er macht einfach weiter. Er gehört zu den schlimmsten."

Nicht, daß den meisten Dior-Gästen diese Demonstration mehr als eine kleine Abwechslung im Alltagstrott von 81 Schauen wäre. Aber all diejenigen, die draußen vor der Tür dem exklusiven Ereignis fernbleiben müssen, und das sind viele, können sich über Luxus auf Kosten von Tieren informieren, über Käfighaltung, Vergasung, interkontinentale Massentransporte. "Es gibt aber auch positive Beispiele in der Mode", sagt McGraw, während drinnen die Schau beginnt. "Auf Pelz verzichten Vivienne Westwood, Giorgio Armani und Calvin Klein. Stella McCartney kommt sogar ganz ohne Leder aus." In Paris dagegen gibt es für Peta viel Arbeit: Jetzt im Herbst entfaltet sich im Stadtbild wieder pelzige Pracht.

Tragbar und leicht

Doch dieses Mal kommt auch John Galliano weitgehend ohne Pelz aus. Kein Wunder, denn auf den Prêt-à-porter-Schauen, die am Montag begannen und noch bis zum Dienstag kommender Woche dauern, wird die Mode für Frühjahr und Sommer 2005 gezeigt. In einer überraschend tragbaren, überwältigend romantischen und geradezu süßlichen Kollektion mit Blumendrucken, Farbenüberschuß, leichten Sommerkleidern und kurzen Jeansröcken zeigte Galliano, daß man Pelz und das sonstige Brimborium im kommenden Sommer nicht nötig hat. Aber auch das reicht dem Dutzend Tierschützern noch nicht. Für den Fall, daß Pelze auf dem Laufsteg wirklich aussterben, haben sie sich neue Materialien ausersehen: Nun will man sich auch um geschundene australische Merinoschafe kümmern.

Die wiedergewonnene Weiblichkeit bei der Pariser Prêt-à-porter

Die überraschende Rührigkeit der Tierschützer wie die verblüffende Schnörkellosigkeit des großen Experimentators Galliano sind gleichermaßen ein Symptom für die aktuelle Mode. Denn kaum etwas bestimmt die Kollektionen, die gerade in den Schaufenstern hängen, so sehr wie der Rückgriff auf altbekannte Schnitte und Stoffe. Die Chanel-Jacke, die brave Bluse zum adretten Kostüm, der Trenchcoat, der knielange Rock, der Pelzbesatz an Kragen und Ärmeln - all das kündet vom durchaus konservativen Grundton der Mode. Die Schauen in New York, Mailand und Paris sind nun der Versuch, für den Sommer diesen "bürgerlichen Schick" weiterzuentwickeln. In New York sah man die romantische Variante mit hellen und leuchtenden Farben, unendlich vielen Abendkleidern und dem "preppy look" der besseren Mädchen. In Mailand setzte man stark auf ethnische Trends, Pelz und Schlangenhaut, Ornament und Dekor.

„Dior not war“

Auch in Paris scheint man mit Galliano, dessen revolutionäre Ästhetik dieses Mal auf den billigen T-Shirt-Spruch "Dior not War" zusammengeschrumpft ist, die Wonnen der Harmlosigkeit auskosten zu wollen. Das zeigt schon der zweite Höhepunkt der Woche, Jean-Paul Gaultiers Schau. Der Designer, den das Fachblatt "Journal du Textile" auf der Rangliste der besten Kreateure seit nunmehr fünf Jahren verläßlich auf die Nummer eins setzt (dieses Mal vor John Galliano, Yohji Yamamoto, Ann Demeulemeester und Dolce & Gabbana), bringt Zigeunerromantik ohne Grenzen auf den Laufsteg. Gaultier, der für Hermès sicherlich wieder eine stärkere Kollektion zeigen wird, trifft mit Blümchensex, Troddelparade, Späthippie-Style vielleicht einen Nerv. Aber es war nicht der von Catherine Deneuve, die in der ersten Reihe ihre Augenbrauen noch über die Ränder der großen Sonnenbrille zog. Enge Kleider, deren Volants in der Art der westeuropäischen Vorstellung von Flamenco-Romantik vom Knie abwärts wallen und den Laufsteg putzen?

Mit solchen Feudel-Phantasien gibt sich die japanische Noch-immer-Avantgardistin Rei Kawakubo mit ihrer Marke "Comme des Garçons" nicht ab. Die für ihre überdimensionalen Entwürfe mit beulenartigen Ausbuchtungen bekannte Modeschöpferin nimmt sich auch dieses Mal viel Raum: Breite Tutus karikieren den aktuellen Hang zum Petticoat, übergroße Neoprenröcke die weithin herrschende Funktionsmode. Aber Rei Kawakubo bleibt nicht in der Besserwisserdistanz: Ihre zweireihigen Lederjacken sind mit groben Nähten wie notdürftig zusammengenäht und geben gerade in dieser vorläufigen Art ihre Kunstfertigkeit zu verstehen. Diese durchaus tragbaren Jacken könnten ein Hit des kommenden Sommers werden. Dazu eine Jeans oder einen Rock von "Lagerfeld Gallery" - perfekt! Denn Lagerfelds Röcke sind zwar vorne hochgeschlitzt, wahren aber mit viel schwarzem Tüll den Anstand und versetzen den Gang in Schwingung. Mit seiner eigenen Linie zeigt sich der Chanel-Designer in der schönsten Sommerlaune, die aus einfachen Kittelkleidern, schön drapierten Halternecks und einem starken Sinn für den Abendauftritt besteht.

Nicht zu revolutionär

Kaiser Karl muß sich eben immer wieder neu erfinden - so hält er sich jung. Denn wieder wächst die Konkurrenz mit neuen Designern für alte Marken heran. An diesem Donnerstag wird der Italiener Roberto Menichetti seine erste Kollektion für Céline präsentieren (und den sportlichen Look von Vorgänger Michael Kors nach aller Voraussicht verspielter inszenieren). Am Sonntag folgt die Premiere von Hervé Leroux für Guy Laroche und von Stefano Pilati für Yves Saint Laurent. Pilati hat die größte Aufgabe - denn er folgt auf Tom Ford, der vor einem halben Jahr Gucci (und damit auch YSL) verließ. Doch die Neuen, jeweils mit viel Erfahrung, denn ohne ging es nur Ende der Neunziger, werden die Mode nicht auf den Kopf stellen. Auch bei ihnen ist in Zeiten, in denen es um die Sicherheit geht, auf Solidität zu hoffen. Ein weiblicher und nicht übersexualisierter Look, nicht mehr ganz so dominante Farben, ein sparsamerer Einsatz von Kristallen und Ornamenten, ein gewisser Hang zur Romantik - diesen breiten Laufstegpfad der aktuellen Mode werden sie nicht verlassen. Das wäre denn doch zu revolutionär.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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