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Pariser Modeschauen Die Haute Couture schwelgt im Luxus

09.07.2004 ·  Samt und Seide, Gold und Brokat - mit Anleihen in kaiserlichen Kleiderschränken haben Frankreichs Stardesigner bei den Haute-Couture-Schauen in Paris in dieser Woche allen Unkenrufen über den Niedergang der Branche getrotzt.

Von Anke Schipp
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Der Haute-Couture-Effekt sieht so aus: Wenn man schon drei Tage vor, nach und zwischen den Schauen, während der Abendessen und Empfänge und morgens beim Frühstück darüber gesprochen hat, daß es vielleicht bald vorbei sein wird mit der Hohen Schneiderkunst, weil sie immer weniger Designer entwerfen und immer weniger Kundinnen kaufen wollen, wenn man also die Krise hinauf und herunter und vielleicht sogar herbeigeredet hat, sitzt man am Donnerstagmittag dichtgedrängt auf den kleinen Goldstühlen bei Jean-Paul Gaultier und muß nochmal alles überdenken. Sieht so eine Krise aus?

Erste Frau, erstes Bild, ein Paukenschlag: Sie trägt ein Cape aus rotem Rentierfell, hohe braune Schaftstiefel und einen Hut so groß wie ein Wagenrad. Aber vor allem trägt sie Stolz und Würde und fegt die Zweifel über den Sinn und Zweck der Couture hinweg. Gaultiers Präsentation gehörte zu den temperamentvollsten Darbietungen bei den Haute-Couture-Schauen in Paris, die am Donnerstagabend zuende gingen. Gleichzeitig machte er mit ihr schmerzlich bewußt, was verloren ginge, wenn die Hohe Schneiderkunst tatsächlich das Jahr nicht überleben würde: Es wäre das Ende der Phantasie in der Mode. Denn im Gegensatz zum Pret-a-porter bietet die Haute Couture Spielraum für die Designer. Nur hier sind sie frei davon, kommerziell denken zu müssen. Bei der Haute Couture geht es nicht um Verkaufszahlen, Order-Größen und Produktionsstrategien. Die Modelle der Haute Couture sollen gerade keine "Must haves" sein, die von der zweiten und dritten Mode-Liga kopiert werden und sich in dieser Form schließlich auf dem Wühltisch im Kaufhaus wiederfinden - sie sollen schlicht einzigartig sein.

Nur wenige Kundinnen

Der exklusive Kreis von Kundinnen wird aber wird immer überschaubarer. Längst nicht jede Frau, die in der ersten Reihe sitzt, wird später auch einen der Entwürfe kaufen. Schauspielerin und Model Elizabeth Hurley zum Beispiel, die bei Chanel, Lacroix und Gaultier Jeans mit wechselnden Oberteilen trug, bekommt zwar zu großen Auftritten Couture-Modelle zur Verfügung gestellt: "Aber sie zu kaufen ist immer noch eine andere Frage", gesteht sie vor der Schau bei Gaultier. "Die Kleider sind doch ein bißchen teuer für die meisten von uns." Man brauche keine Kundinnen, findet dagegen der englische Modefachmann Colin McDowell. "Der Zweck der Haute Couture liegt nicht im Verkaufen, sondern in der Publicity."

Die Haute Couture schwelgt im Luxus

Sie wurde auch dieses Mal hergestellt. Bei Gaultier, bei Chanel, bei Lacroix und bei Scherrer, wo die Schau verspätet begann, weil Gerard Depardieu nach einem Motorradunfall mit Krücken in den Saal humpelte. Darüber wird später genauso berichtet werden wie über Chanel: Am Ende des Defilees entstieg Karl Lagerfeld einer riesigen Parfumschachtel. Unter dem Motto "Duo" hatte er zuvor vorwiegend schwarz-weiße Entwürfe präsentiert - in leicht unterkühlter Eleganz. Wie immer würfelte er die Coco-Chanel-Elemente Tweed, Kamelie, Perlenkette neu zusammen. Er drehte unerwartete Pirouetten: die doppelten Röcke, bei denen zwei im gleichen Stoff übereinanderliegen, so daß der eine unter dem anderen hervorlugt, und die Kombinationen von Tweed mit Seide, Spitze mit Satin, Bleistift- mit Faltenrock.

Warm hält Wolle und Tweed

Haute Couture setzt keine Trends, sagt man. Dafür ist das Pret-a-porter zuständig, das Anfang März seine Kollektionen gezeigt hat. Die Haute Couture, die erst jetzt ihre Vorschläge für Herbst und Winter unterbreitet, hinkt also hinterher. Und weist vielleicht doch in die Zukunft? Es könnte zum Beispiel sein, daß Pelz seine Hochphase überschritten hat und langsam wieder in Vergessenheit gerät. Bei Gaultier waren Lammfell-Capes und Fellmützen zu sehen, bei Dior verbrämte Brokat-Schleppen, bei Chanel nichts davon. Warm hält man sich künftig lieber mit Wolle und Tweed.

Auf die Damenwelt zukommen könnte außerdem der "Sissi-Style". John Galliano war eigens nach Wien gereist, um sich mit ihrem Leben vertraut zu machen. Daß seine Models Krönchen trugen, zeigt, wie sehr er das Thema verinnerlicht hat. Statt Abendkleid wird künftig Robe getragen, denn nicht nur Dior zeigte Majestäten-Mode. Chanel unterfütterte ein Ballkleid aus kariertem Tweed mit soviel Tüll, daß der Rock zu schweben schien. Christian Lacroix raffte, straffte, bauschte und bog seine Brokat-Modelle, das man seinen Augen nicht trauen wollte. Alles sehr bunt - aber uni. Ein neuer Lacroix? Nichts zu sehen von den Blümchen- und Patchwork-Stoffen, kein überladener Mustermix. Opulent, aber schlicht war seine Kollektion. "Radikal und pur" nannte er selbst seinen neuen Stil. Man munkelte, daß der Wandel mit den Vertragsverhandlungen zu tun haben könnte, die der Designer mit LVMH führt, dem Luxuskonzern, dem sein Haus gehört.

Events sollen Kundinnen locken

Womit wir wieder beim Geschäft wären, dem häßlichen Gesicht der Haute Couture. Nicht einmal die Akteure selbst reden das Dilemma schön: Sie versuchen, daran zu arbeiten. Dior-Chef Sidney Toledano schlug jetzt vor, eine Luxus-Woche einzuführen, in der nicht nur Couture-Kleider, sondern auch hochwertige Schmuck- oder Schuhkollektionen präsentiert werden. Einen ersten Vorgeschmack gab es schon. Die Marke Louis Vuitton zeigte am Rande der Defilees Ringe, Ketten und Uhren, die Luxus-Ledermarke Longchamps präsentierte eine Taschenkollektion - wie Louis Vuitton ebenfalls vor den Augen prominenter Gäste. Mit solchen "Events" könnten künftig tatsächlich mehr kaufkräftige Kundinnen nach Paris gelockt werden, um sich von Kopf bis Fuß auszustatten.

Aber mutiert dann nicht die Haute Couture zu einer Art Luxusmesse für den gehobenen Geschmack? "Luxus-Woche klingt für mich nach Verkaufswoche", sagte Jean-Louis Dumas, Chef der Luxusmarke Hermes, in der "Herald Tribune". Seine Marke werde es sich genau überlegen, ob sie an solch einem Projekt teilnähme. Wichtiger wird es für die Zukunft sein, die Haute Couture mit neuen Namen aufzufrischen. Auch hier ist Dior möglicherweise führend: Die Marke bietet der jungen französischen Designerin Stephanie Coudert finanzielle Unterstützung. Ihre Kollektion, die sie während der Schauen zeigte, wurde mit Wohlwollen aufgenommen. Noch funktioniert aber der Haute-Couture-Effekt. Nach der dynamischen Gaultier-Schau sind keine Kritiker des Systems mehr aufzutreiben. "Haute Couture wird es immer geben," sagt Andre Leon Talley von der amerikanischen "Vogue". "Jedenfalls solange Frauen sich Kleider überziehen und es Männer gibt, die sie ihnen kaufen."

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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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