„La France profonde“, das einfache, unschuldige, ländliche Frankreich, mitten in Paris: Das soll wohl dieser riesige Pinienwald bedeuten, der im Grand Palais aufgebaut ist. Aus den Bäumen, Büschen und Gräsern kommen die Models hervor wie Paradiesvögel, die unschuldig in die Runde blicken. Auf Beutesuche? Oder um nicht zur Beute zu werden?
Und das ist noch nicht alles. Denn wie es der Zufall will, präsentiert Karl Lagerfeld seine Haute-Couture-Schau für Chanel am 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags. Während Lagerfelds ziemlich bester Feind François Hollande mit seinem halben Kabinett in Berlin empfangen wird, hält der deutsche Nachfolger der französischen Kollaborateurin Coco Chanel unter der riesigen Glaskuppel Hof für das vornehmlich französische Publikum. Und die französischen PR-Damen wollen – auf Beutesuche – die deutschen Journalistinnen von Interviews mit ihrem „Kaiser Karl“ abhalten. Die Sonntagsreden zur deutsch-französischen Freundschaft wurden am Dienstag jedenfalls nicht in Paris gehalten.
Mindestens so viele Referenzen sind bei dem Couture-Haus drin, das mit Dior die Woche der Hohen Schneiderkunst dominiert, die am Sonntag begann und noch bis zum Donnerstag dauert. Die Kollektion handelt Lagerfeld nach dem Defilee mit den drei Worten „romantisch, dramatisch, modern“ ab. Romantisch sind die langen Abendkleider mit Volants, dramatisch die aufwendigen Stickereien, modern die blassrosa und zartgrau schimmernden Tweed-Kostüme. Eine Linie bringt der Designer durch eine runde Schulterpasse hinein, die sich zum veritablen Kragen auswächst und dann zur tief hängenden Schulter herablässt. Ein genialer Trick des deutschen Pragmatismus in einer sehr französischen Kollektion: Die Schultern werden aus dem Kleid gewissermaßen herausgehoben, die schwierigeren Partien um die Oberarme aber kaschiert – ganz anders als bei den geläufigen schulterfreien Kleidern.
Drei Dimensionen Zukunft
Ohne internationale Energie geht es eben nicht mehr in der Couture. Das beste neue Beispiel ist Iris van Herpen. Das 28 Jahre alte holländische Wunderkind lässt in seiner vierten Couture-Kollektion sogar eine halbe Million Volt durch eine Freundin rasen, die wie eine Statue auf einer Stele inmitten des Schauensaals im Hotel Intercontinental steht. Aus der jungen Frau, die im silberbeschichteten Nylonanzug und Ganzkörper-Kettenhemd steckt, zucken an allen Ecken und Enden lilafarbene Blitze. Ein seltsamer Gag und eine symbolische Aufladung der Kollektion: Denn van Herpen, die einst bei Alexander McQueen das skulpturale Experimentieren lernte, probiert heute viele Stoffe und Formen aus.
So hat sie mit Neri und Keren Oxman vom Massachusetts Institute of Technology 3D-Kleider entwickelt, die auskragen und glänzen. Keinen einzigen Stoff dieser Kollektion hat die Designerin, die Anfang März ihre erste Prêt-à-porter-Kollektion vorstellen wird, einfach so auf der Stoffmesse gekauft. Mit ihren alchimistischen Künsten verbindet Iris van Herpen auch eine persönliche Botschaft: „Wir Menschen nutzen nur den geringsten Teil der Energie, der in uns ist. Ich will zeigen, wie man sie hinauslassen kann“, sagt sie backstage. So gibt sie der Couture, die noch immer vorzugsweise für ältere Damen ist, in mindestens drei Dimensionen Zukunft.
Etwas mehr Energie hinauslassen müsste auch Alexis Mabille, 1977 geboren und erst seit wenigen Wochen „membre permanent“ unter den auserlesenen Couture-Häusern. In seiner ersten Reihe sitzt zwar Dita Von Teese und freut sich auf die Haute Couture, weil sie eine „tragbare Kunst“ sei. Aber es sieht doch alles sehr altmodisch aus, was der Darling aller Altgewordenen auf die Bühne bringt. Ganz anders dagegen Giambattista Valli. Auch er mit nostalgischen Anwandlungen, romantischen Einschlägen und arg barocker Musik im Hintergrund. Aber wie modern interpretiert! Er wirft Tüll über die Seidenkleider, damit eine zweite Ebene hineinkommt. Für den Vintage-Look gibt es großflächig Makramees. Das abstrahierte Luchs-Muster wird mit Blütenapplikationen bestickt. Sogar Volants lässt er mehrstufig flattern. Das ist brandgefährlich, weil es an die Old Couture erinnert und die zurückgebliebene Alta Moda in seiner Heimatstadt Rom, nicht an die neue Haute Couture. Aber dieser Italiener darf an seine Kleider, ohne dass es kitschig aussieht, sogar Federn heften!
Raf Simons präsentiert Unterstatement
Es ist eine Hoch-Zeit der Haute Couture wie lange nicht. Und das ist vor allem Raf Simons zu danken. Vergangenes Jahr kam er zu Dior. Die Aussage seiner ersten Couture-Schau behält er auch in dieser Frühjahr-Sommer-Schau in einem Zelt in den vermatschten Tuilerien bei: In der Tradition sind genug Motive zu finden, man muss sie nur modernisieren. Also bringt er Blumenstickereien wie bei dem alten Gartenliebhaber Christian Dior, aber leicht und bunt; hemmungslos zur Schau gestellte Bustierkleider und Glockenröcke, die man gern auf der Oscar-Feier sähe; dann wieder die ausgestellte „Bar“-Jacke über glänzenden Zigarettenhosen. „Die Silhouette ist wunderbar, und die verschiedenen Materialien sind toll kombiniert“, sagt Schauspielerin Sigourney Weaver kennerhaft nach der Schau. Womöglich sieht das alles so frisch aus, weil es erst die zweite Couture-Schau des Designers überhaupt ist. Weil er zudem die weichen „flou“-Stoffe und die festen „tailleur“-Stoffe ansprechend kombiniert. Und weil er sogar noch für einen kleinen Gruß in Gelb und Orange an seine Jil-Sander-Zeit Nerven hat.
Raf Simons ist auch deshalb zum Darling der Moderedakteure geworden, weil er seinen Job allürenfrei versieht. Das Understatement kommt auf dem Laufsteg darin zum Vorschein, oder eben: nicht zum Vorschein, dass er das Innenfutter von Jacken mit Blumenmotiven besticken lässt, also Stickereien im Wert von Tausenden Euro kaum zu sehen sind. „Ich will eine Kollektion, die sich selbst erklärt“, meint Simons. Die Kundinnen verstehen es offenbar. „Seitdem ich hier im Haus bin“, sagt Sidney Toledano, der seit zwei Jahrzehnten bei Dior arbeitet und seit 15 Jahren die Geschäfte führt, „hatten wir keine so erfolgreiche Couture-Saison wie die letzte“. Man habe weniger Probleme, Kundinnen zu finden, als Schneiderinnen und Stickerinnen. Deshalb arbeite Dior mit der Schule der Modekammer zusammen. Hoffentlich klappt das mit dem Nachwuchs auch ohne duales Ausbildungssystem, denn in dieser Saison wird es wieder viel Arbeit geben: Mit dem simplen Thema Frühling blüht die Couture zu neuer Größe auf.