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Pariser Herrenmodeschauen Knaben im Soldatenrock

05.07.2006 ·  Bei den Herrenmodeschauen in Paris schritten Modelle in verfremdeter, dekonstruierter und historisierender Militärkleidung über den Laufsteg. Auch der Glitzertrend ist nicht zu übersehen. Denn die Mode macht die Kleidung.

Von Florentine Fritzen, Paris
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Die Modehäuser lassen in Paris getrennt marschieren und schlagen gemeinsam einen Trend für Frühling und Sommer 2007 vor: Kleidung mit Anleihen bei der Armee. Über viele Laufstege der Herrenmodeschauen schritten bis Dienstag abend Modelle in verfremdeter, dekonstruierter, historisierender Militärkleidung.

Dior zeigt taschenreiche Uniformjacken in Beige und Kurzarmmodelle aus schwarzem Leder mit rundem Überwurf am Rücken. In Pierre Cardins Kollektion mit dem Namen „Futur“ lassen jeansblaue Soldatenröcke mit Metallknöpfen an die militaristischen Jahre vor dem Ersten Weltkrieg denken, als Filippo Tommaso Marinetti im Pariser „Figaro“ sein kriegsverliebtes „Futuristisches Manifest“ veröffentlichte.

Sein Innerstes symbolisch nach außen kehren

Cardin, der 83 Jahre alte Meister französischer Männermodekunst, gibt sich also klassisch avantgardistisch. Der Brite Paul Smith hat am Mittwoch erst seinen 60. Geburtstag gefeiert. Er fällt unter dem Glasdach der Ecole Nationale Superieure des Beaux Arts vor allem mit Gürtelschnallen aus Messing auf, mit denen der Träger sein Innerstes, das Sternzeichen also, symbolisch nach außen kehren kann.

Auch Paul Smith bedient den Military-Trend und zeigt kurze strand- und straßentaugliche Hosen mit ausgebeulten Seitentaschen. Hermes präsentiert Hemden mit Heeresanmutung und breiten Gürteln auf Taillenhöhe. Und das koreanische Haus Wooyoungmi zeigt im kleinen Theater Elysee Montmartre unterhalb von Sacre-Coeur Hüte, die aussehen wie eine Kreuzung aus Melone und Soldatenhelm.

Die Mode macht die Kleidung

Auf den Glitzertrend, der schon auf der Mailänder „Moda Uomo“ in der vergangenen Woche auffiel, setzen in Paris viele Modehäuser. Oder besser gesagt: Sie setzen auf den funkelnden Trend. Denn nicht die Kleidung macht die Mode, wie Pierre Cardin in seinem Showroom im innersten Pariser Stadtviertel, dem Marais, bei einem Glas Champagner sagt, sondern die Mode macht die Kleidung. Die Mode liebt es derzeit also glänzend, und willig schicken ihre Vollstrecker Models in metallischen Anzügen über die Laufstege.

Givenchy etwa bietet im Centre Pompidou eine Auswahl an funkelnden Mänteln, silbernen Nadelstreifenanzügen und glänzenden Hemden, kombiniert mit schwarzer Fliege. Wer seine Mitwelt nicht derart blenden will, dem bietet das französische Haus auch metallische Details, mit denen sich mehr punktuell punkten läßt: Silberschuhe oder eine schwarze Weste, deren oberes Revers mit einer schimmernden Schicht überzogen ist.

Purpur als einziger Farbton

Sonst sehen die Givenchy-Models alle ein bißchen aus wie Johnny Cash. Das liegt an den Sonnenbrillen und am unterkühlten, auf edel gestylten Rock-'n'-Roller-Look, den Ozwald Boateng irgendwo zwischen den späten fünfziger und den frühen sechziger Jahren schillern läßt. Der Designer selbst trägt einen weißen Anzug, als er sich am Ende der Show in vielen stolzen Posen feiern läßt. Da Weiß, Schwarz und Silber ja keine Farben sind, ist Purpur der einzige Farbton, den Givenchy den Herren diesmal bietet. Dafür gibt es Muster zuhauf: Streifen, Karos und Punkte.

Auch Dior spielt stärker mit Formen als mit Farben. John Galliano schneidet Jackettärmel ab und ganze Teile aus Kleidungsstücken heraus. Krawatten schnurren zu kurzen schmalen Bändern zusammen. Die Schau im Atelier Berthier an der Porte de Clichy verfolgen auch wieder viele Prominente. Elton John ist noch einfacher zu erkennen als Mick Jagger, der sich in der ersten Reihe durchs Programm tuschelt und gähnt. Denn auf Eltons Jacke ist hinten in Rot sein Vorname aufgestickt. Die mageren Dior-Models, die sonst durch sichtraubende Pagenkopf Ponys und abstehende Ohren auffallen, tragen hingegen hauptsächlich Schwarz mit weißen und silbernen Einsprengseln.

Schärpen über den nackten Oberkörper

Galliano macht die Schärpe zu seinem Zeichen. Während der Schau tragen die mädchenhaften Knaben sie in Weiß diagonal über einem schwarzen Hemd - oder in Schwarz unter einem durchsichtig-schwarzen Shirt. Am Ende der Schau liegen die Schärpen über den nackten Oberkörpern der androgynen Schar. Der Anführer mit Schellenkranz und riesigen weißen Engelsflügeln unterstreicht, daß die Grenzen zwischen Mann und Frau im Sphärischen liegen.

Wie immer sieht der Besucher auch viel Abstruses, das aber nicht immer überrascht oder wenigstens unterhält. Nach einer Stunde Wartezeit in brütender Hitze unter dem Glasdach der Menagerie de Verre präsentiert das japanische, in Paris ansässige Modehaus Gaspard Yurkievich seine Modelle als eine Kreuzung aus Raumfahrern und Aliens in breit gestreiften Kniestrümpfen, schwarzen Leggings, Kitteln mit Netzelementen, silbernen Pluderjacken und jenen knöchelhohen weißen Turnschuhen, die den Chucks von Converse ähneln und die in Japan schon jetzt groß in Mode sind.

Cool und classique, aber nicht kühl und klassisch

Auch Ute Ploier präsentiert unter einem Glasdach: in einer ehemaligen Markthalle im zehnten Arrondissement. Die junge Modemacherin aus Österreich scheint sich an ihre Schulzeit in den Neunzigern erinnert zu haben, als sie die weiten grauen Sweatshirts entwarf, die blau gepunkteten Strickjacken, die bis fast ans Knie reichen, und die Patchwork-Oberteile, die sich aufplustern wie Bomberjacken.

Lust zum Einkaufen macht hingegen Hermes. Mit Blick auf den nahen Eiffelturm bekommen die Zuschauer im Theatre National de Chaillot am Trocadero weite, gerade fallende Hosen vorgeführt, die auf der Hüfte trotzdem eng sitzen und zu denen die Designerin Veronique Nichanian Espadrilles als sommerliches Schuhwerk empfiehlt. Zu kühlen Farben gibt es einige kräftige Einsprengsel: Hemden in Flieder, eine rosa Krawatte, ein orangefarbenes Tuch zum grauen Anzug - oder orangefarbene Schuhsohlen. Mit ihren weich fallenden V-Ausschnitt-Pullis, ihren Kapuzenjacken aus einer Art grauem Tweed und ihren Trenchcoats ist diese Mode cool und classique, ohne kühl und klassisch zu sein.

Quelle: F.A.Z., 06.07.2006, Nr. 154 / Seite 9
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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