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Pariser Haute Couture Fabelwesen aus der Dose

08.07.2005 ·  Eben noch in Jeans und T-Shirt - jetzt auf dem Laufsteg, der die Welt bedeutet: Wie bei den Pariser Haute-Couture-Schauen aus Mädchen Models gemacht werden. Ein Backstage-Bericht von der aktuellen Dior-Show zwischen Maskenball und Märchenwald.

Von Anke Schipp, Paris
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Die Metamorphose beginnt gegen elf Uhr. Der Vormittag im Bois de Boulogne ist noch nicht richtig in Gang gekommen. Über dem Polofeld nahe der Seine hängt leichter Dunst. Zwei Pferde traben träge mit ihren Betreuern am Spielfeldrand entlang. Es riecht nach frischgemähtem Gras. Der Eingang ist mit Metallgittern abgesperrt. Hinter ihnen stehen Männer in schwarzen Anzügen, mit unverhältnismäßig breiten Schultern und verhältnismäßig wenig Affinität zu freundlichen Gesten. In der Haute-Couture-Woche heißt das: Ein Defilee steht bevor. Am Nachmittag wird das Couture-Haus Christian Dior in einem riesigen weißen Zelt am Rande des Polofelds seine Kollektion für den Herbst und Winter präsentieren. Bis zur Schau sind es noch gut vier Stunden.

Seit acht Uhr morgens ist Pat McGrath im Zelt unterwegs. Ihre Stimme tönt über alle und alles hinweg. Wenn die Amerikanerin nicht eine bekannte Make-up-Künstlerin wäre, würde sie wahrscheinlich als Soul-Sängerin ihr Geld verdienen. Und wenn ihr rauhes Lachen aus der Tiefe ihrer Kehle platzt, möchte man glauben, daß es ganz einfach ist, in gut vier Stunden drei Dutzend unscheinbare Models in atemberaubende Zauberwesen zu verwandeln, von denen in den nächsten Tagen ganz Paris oder wenigstens die halbe Modewelt sprechen soll. John Galliano, Designer der Dior-Damenlinie, hat das Thema vorgegeben: Es geht um die Geschichte des Hauses Dior, um ihren Gründer, der vor hundert Jahren geboren wurde, und darum, wie Galliano diese Geschichte interpretiert. Es ist der Tag der Metamorphosen.

Hier fällt die Illusion des schönen Scheins

Pat soll diese Geschichten aus den Gesichtern der Models hervorholen. Drei Tage hat sie mit ihrem Team an den Vorschlägen gearbeitet und Galliano 90 Looks in Form von Polaroids vorgelegt, auf Din-A4-Zettel geklebt. "Accepted" steht handschriftlich auf den auserwählten. Stella Tennant zum Beispiel, die Britin, soll die Mutter von Dior in Zeiten der Belle Epoque darstellen. Zwei Stylisten montieren ein riesiges Knäuel falschen Haars an ihre kurzen Haare und besprühen es grau. Dann wird sie weiß geschminkt. Später in der Schau wird sie aussehen, als sei sie von den Toten erweckt. Aber noch sitzt sie entspannt vor dem Spiegel und liest Zeitung.

Pariser Haute Couture: Fabelwesen aus der Dose

Die Metamorphose findet backstage statt. Hier fällt die Illusion des schönen Scheins binnen Minuten wie schlecht toupiertes Haar in sich zusammen. Backstage - das ist nicht mehr als ein schnell zusammengezimmerter Arbeitsraum mit Biertischen, Plastikstühlen, Spiegeln, Puderquasten, Make-up-Pinseln, Föns, Watte, Haarspray, Coladosen, Aschenbechern, kleingeschnittenen Früchten in Plastikbehältern. Irgendwer behält immer den Überblick. Die Metamorphose hält den Zeitplan ein.

Dünn, groß, also Models

11.30 Uhr. Vor dem Polofeld halten im Zehn-Minuten-Takt Autos und lassen Mädchen in Jeans heraus, dünn, groß, also Models. Die Sicherheitsleute winken sie einfach durch. Gegen zwölf ein Zwischenfall. Eine blasse Frau in blassem Kleid wird nicht hereingelassen. Bei näherem Hinsehen erkennt man Linda Evangelista. Die Männer in Schwarz schweigen. Wenn jemand mit ihnen zu diskutieren versucht, verziehen sie keine Miene und ignorieren die Person. Abgewiesen zu werden macht Linda Evangelista durchschnittlich und irgendwie sympathisch. Bald wird sie den Eindruck widerlegen.

Im Zelt nimmt die Metamorphose ihren Lauf. Auf Fragen antwortet Pat McGrath mit tiefem Lachen: "Es ist so hektisch, ich weiß nicht mal mehr, wie ich heiße." Sie geht von Model zu Model. "Hier bitte den Lidschatten noch ein bißchen höherziehen!" - "Es muß dramatischer wirken!" - "Sieht fabelhaft aus! Aber pudere noch mal die Nase ab." In der ersten Reihe sitzt Nadja Auermann. Sie wird später in der Sequenz "Hollywood" auftreten und mit anderen Models jene Diven verkörpern, die Dior in den fünfziger Jahren eingekleidet hat. "Das hat John mir so erklärt", sagt sie. Im blau-weißen Ringelshirt läßt sie die Grundierung für das Make-up über sich ergehen. Später auf dem Laufsteg wird ihr kurzes, glattes Haar lang und wellig sein. Falsche Haarteile, Lockenstäbe, Haarspray - Hilfsmittel der Metamorphose.

Galliano legt letzte Hand an

Die Models werden erst geschminkt. Das dauert bis zu einer Stunde. Dann werden sie frisiert. Das kann dann auch länger dauern. In die dünnen Zöpfe werden Bastfäden geflochten. Die Haare werden mit Kreppeisen bearbeitet, damit sie später wie Wellblech abstehen. Ist der Kopf fertig, beginnt das Warten. Zeitvertreib: Kettenrauchen, Musik aus weißen MP3-Playern hören, ins Handy sprechen, das Display lesen, ins Handy tippen, Wasser trinken. Gegen 13 Uhr wird es hektischer. Die Scheinwerfer heizen das Zelt auf. Linda Evangelista will während des Schminkens nicht fotografiert werden. Sie wird ins Separée gebracht.

Auf der anderen Seite, am Laufsteg, geht die Musik an und aus, Tonproben. Die Dekoration ist schon aufgebaut, wohl eine der aufwendigsten in der Haute-Couture-Geschichte: ein verwunschener Garten mit verwachsenen Hecken und Marmor-Skulpturen, an denen die Spinnweben hängen. Backstage schickt man jetzt die Fotografen und Journalisten weg. Die Models werden angezogen, und John Galliano legt letzte Hand an. Die Schau beginnt um 15.30, eine Stunde Verspätung.

Metamorphose im Märchenwald

Die Metamorphose führt Mädchen in die Märchenwelt. Das erste Model entsteigt einer schwarzen Kutsche. Ein kleiner Junge im Matrosenanzug begleitet sie: Christian Dior mit seiner Mutter. Doch die Wesen, die auf dem Laufsteg über den Kies wandeln, werden artifizieller. Galliano macht das Handwerk zum Thema. Manche Frauen sehen aus wie Schneiderpuppen, an denen unfertige Schnitteile hängen. Galliano dekliniert Dior noch einmal neu. Der Tüll - damals die Unterfütterung der ausgestellten Tellerröcke - wird zum tragenden Stoff mit applizierten Blumen und Polka-Tupfen. Darunter ist nichts, wie es scheint: Die fleischfarbenen Korsetts spielen mit Trompe-l'oeuil-Effekten. Das Dekollete wird unsichtbar vergrößert, die Hüfte auch. Das sind Rundungen, wie man sie vor fünfzig Jahren mochte. Die Verfremdung trifft auch die Hollywood-Diven. Linda Evangelista hat die Blässe verloren. Pat McGrath hat ihr den Glanz vergangener Tage gegeben.

Dann der Maskenball, Edgar Degas ist Gallianos Inspiration. Auf einer Reise nach Peru hat Galliano erkannt, was die dortige Tracht mit Diors New Look zu tun hat. Mit den Folklore-Modellen läßt er eine frische Brise über den Laufsteg wehen, so verharrt die Schau am Polofeld nicht im Musealen. Am Ende wird er wieder einmal metaphysisch: ein weißer Engel mit Tüllflügeln, eine Madonna mit Goldkrone. Ein Jahrhundert der Mode, kompakt verpackt in 20 Minuten. Galliano läßt sich in einer Kutsche vorfahren. Bernard Arnault, Chef des LVMH-Konzerns, zu dem Dior gehört, hat Tränen in den Augen. Das Defilee der Gratulationen beginnt. Die Models ziehen sich um und verschwinden. Die Limousinen schieben sich zurück in Richtung Innenstadt. Die Pferde bleiben und die unnatürliche Stille, die herrscht, wenn sich ein heftiges Gewitter verzogen hat.

Quelle: F.A.Z., 08.07.2005, Nr. 156 / Seite 7
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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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