Home
http://www.faz.net/-gut-tle1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Paris Ein Vorhang hebt sich zur Premiere

06.10.2006 ·  Vor acht Jahren schickte der Designer Hussein Chalayan Models im Tschador auf den Laufsteg. In Paris auf der aktuellen Prêt-à-porter zieht er die Frauen fast komplett aus. Das ist dieses Mal nicht skandalträchtig, dafür aber sehenswert.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (2)

Am Anfang sah man nur, daß das Kleid bebte und lebte - obwohl das Model unter dem großen Lampenschirm-Hut starr auf dem Laufsteg stand. Hussein Chalayan, der Designer, verfolgte die Szene auf einem Bildschirm backstage, und die Zuschauer im Omnisport de Bercy in Paris, wo beim letzten Prêt-à-porter Alexander McQueen virtuelle Damen erscheinen ließ, hielten den Atem an.

Dieses Mal war die Erscheinung nicht metaphysisch, sondern physikalisch zu erklären. Chalayan, der türkisch-zyprische Designer, der 1970 in Nikosia geboren wurde, seit 1982 in der Moderebellenstadt London lebt und schon immer gern mit Kleidern experimentierte, nutzte eine ausgefeilte Elektronik, um Leben auf den Laufsteg zu bringen. Das Kleid also wackelte und hob sich langsam - wie ein Vorhang - zu einer sehnsüchtig erwarteten Premiere.

Sicherheitsdebatte umgangen

Ganz langsam zog die unsichtbare elektronische Hand des Modeschöpfers den leichten Chiffon unter den Hut, zog und zog und zog, bis die junge Frau nur noch mit ihrer Schönheit und dem großen runden Lampenschirm bekleidet war. Nun bebte auch die Halle vor Applaus, denn wohl keine der hundert Kollektionen der Pariser Woche macht die Mode so lebendig. Dabei konnte man Chalayans „peep show“ auch ganz anders verstehen.

Vordergründig als einen Kommentar zur Debatte um Magermodels, in die Chalayan ein schlankes Model stellt, das nicht magersüchtig ist. Und hintergründig auf seine eigene Winterkollektion von 1998. Damals hatte Chalayan Tschadors auf den Laufsteg geschickt, die sich von Modell zu Modell von unten her so verkürzten, daß am Ende ein nacktes Model nur mit Kopftuch dabei herauskam.

Was damals schon Entrüstung unter Muslimen hervorrief, würde heute sicherlich zu einer Sicherheitsdebatte bei der Modewoche führen. Daher hat sich Chalayan nun ganz brav und elektronisch avantgardistisch darauf verlegt, ein Nichts aus Chiffon mechanisch in ein wirkliches Nichts zu verwandeln. So wäre es ein bitterer Kommentar zur muslimisch verordneten „political correctness“, eine Parabel auf einen Designer, der noch immer gern ein bißchen mit der Mode spielt - Hauptsache, es sieht nicht mehr allzu politisch aus.

Die Entrüstung im Publikum ersetzt man mit einer solchen Schau durch den Spaß an der Freud'. Gar nicht so schlecht: Denn auch den erlebt man ja in der Mode nicht allzuoft.

Quelle: kai., F.A.Z., 06.10.2006, Nr. 232 / Seite 8
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel