19.01.2010 · Wintermode hat sich von reiner Funktionskleidung, die vor allem warm halten und vor Nässe schützen soll, zur Lifestyle-Mode entwickelt. Sie wird auch im Alltag getragen und hat das Straßenbild in den Städten maßgeblich verändert.
Von Anke SchippKatja M. besitzt einen Daunenparka mit Fellbesatz an der Kapuze, der Temperaturen von minus 40 Grad aushält, dazu trägt sie wasserdichte Lederboots mit einem drei Zentimeter hohen Profil und eine Mütze aus federleichtem Fleece und atmungsaktive Goretex-Handschuhe. In dieser Aufmachung könnte sie an einer Expedition in die Antarktis teilnehmen, würde mühelos durch meterhohen Schnee stapfen und Windgeschwindigkeiten von 200 Kilometern pro Stunde aushalten können. Tatsächlich aber ist es das Outfit, das sie trägt, um ihre Kinder morgens in die Schule zu bringen - mit dem Auto.
Es ist kalt in Deutschland. Manche mögen das als Einschränkung sehen. Andere freuen sich: Bei den Minustemperaturen der vergangenen Wochen stiegen die Umsätze des deutschen Einzelhandels nach Angaben des Fachmagazins „Textilwirtschaft“ um bis zu zwanzig Prozent. Aber auch bei Temperaturen oberhalb des Gefrierpunktes liegt die Outdoor-Mode - also alles das, was man trägt, wenn man sich draußen aufhält - im Trend. Und ist einer der wenigen Lichtblicke in einer teils dahinsiechenden Branche. Denn Outdoor-Mode hat sich von reiner Funktionskleidung, die vor allem warm halten und vor Nässe schützen soll, zur Lifestyle-Mode entwickelt, die im Alltag getragen wird und das Straßenbild der Städte maßgeblich verändert hat. Der graue Wollmantel und der schlichte Anorak, mit denen man sich in früheren Zeiten warm gehalten hat, kommen einem schon fast anachronistisch vor. Im Trend liegen Parkas und Daunenjacken. Groß, bunt und so warm wie Schlafsäcke.
Die Daunenjacke ist zum Statussymbol geworden
Der Boom begann vor gut zwei Saisons mit den kunterbunten Daunenjacken der italienischen Outdoor-Marke Moncler. Sie bestehen aus hochwertigen Daunen, vor allem aber sind sie modisch. Sehr modisch: tailliert und körperbetont in knallig glänzenden Farben wie Fuchsia, Mauve oder Lindgrün. Viele andere Marken folgten dem Trend. Mittlerweile ist die Daunenjacke zum Statussymbol geworden - ein ideales Accessoire zum SUV, dem „Sport Utility Vehicle“, einem Auto, das als Geländewagen konzipiert wurde, das aber vor allem durch die Einbahnstraßen der Villenvororte gelenkt wird.
Ähnlich verhält es sich mit dem zweiten Trend in der Outdoor-Branche: dem Parka. Ursprünglich war er ein reiner Funktionsmantel, der in Alaska und Sibirien getragen wurde und mit dem im Zweiten Weltkrieg die amerikanischen Soldaten ausgestattet wurden. In den siebziger Jahren trugen ihn Studenten, bevor er wieder in der Versenkung verschwand. In diesem Winter bestimmt er dagegen das Straßenbild in Berlin-Mitte. Bestseller ist allen voran der Woolrich-Arctic-Parka: dunkelblau mit fellbesetzter Kapuze. Das amerikanische Unternehmen, das seit der Mitte des 19. Jahrhunderts „workwear“ produziert und mit der rot-schwarzen Holzfällerjacke einen weiteren Klassiker der Outdoor-Welt schuf, feiert mit dem Parka ein großes Comeback, obwohl er im Vergleich mit den Hochglanzjacken von Moncler geradezu unauffällig wirkt.
Die Barbour-Jacke ist zurück auf den Straßen
Zurück auf den Straßen der Metropolen ist auch die Barbour-Jacke, jene waldgrüne Wachsjacke, die erst von Jägern, dann von der Queen und in den achtziger Jahren von Internatsschülern getragen wurde. Danach galt sie gut zwei Jahrzehnte lang bestenfalls als snobistisch, eher aber als bieder. Heute laufen damit junge Trendsetter durch die Straßen von London und New York. „Im Moment können wir uns vor Bestellungen kaum retten“, heißt es in der deutschen Zentrale in Düsseldorf. „Wir gehen davon aus, dass der Trend auch nach Deutschland schwappt.“
Der Erfolg der Barbour-Jacke und auch des Parkas basiert auch auf der authentischen Anmutung, die sie vermitteln. Und einem gewissen Understatement - beides Themen, mit denen sich Mode im Moment gut verkaufen lässt. Jacken, die nicht mit unnötigen Extras glänzen, sondern ihre Basis im Funktionalen haben - und dazu an die große weite Welt erinnern. Ausstatter wie Jack Wolfskin oder Napapijri haben sich phantasievolle Markennamen zugelegt, mit denen man Abenteuer, gigantische Berge oder kräftezehrende Expeditionen verbindet. Tatsächlich hat Wolfskin seinen Firmensitz im hessischen Idstein - und Napapijri, das eine norwegische Flagge im Firmenwappen trägt und aus dem Finnischen übersetzt „Polarkreis“ heißt, agiert von Norditalien aus. Das führen sie bei ihren Produkten fort: ein Anchorage-Parka oder das Ontario-Jackett tragen dazu bei, dass man sich im kalten Januar in der Fußgängerzone von Braunschweig ein bisschen fühlt wie beim Schlittenrennen mitten durch Alaska.
Die Anbieter liefern sich eine Materialschlacht
Dabei geht es auch um das Thema Funktion. Zwar müssen die Parkas und Daunenjacken sich im Alltag selten bei mehr als minus zehn Grad bewähren, aber der Träger möchte das Gefühl haben, dass sie es könnten. Die Anbieter liefern sich deshalb eine regelrechte Materialschlacht, bei der warme, atmungsaktive und wasserabweisende Produkte noch wärmer, noch atmungsaktiver, noch wasserabweisender gemacht werden sollen. Die Produktbeschreibungen klingen mitunter so kompliziert, dass man sich an seinen Physikunterricht erinnert fühlt, bei dem man auch schon nichts verstanden hat. Es gibt Nano-Tex-Jacken, die eine Oberfläche wie Lotusblätter haben, auf denen das Wasser abperlt, es gibt Bodymapping-Futter, das aus verschiedenen Materialien besteht, deren Wärmeleistung an die Bedürfnisse der verschiedenen Körperpartien angepasst ist. Es wird die Bauschkraft von Daunen in „Cuin“ berechnet. Allein die Fleece-Jacke gibt es in vielen verschiedenen Varianten, bis hin zum Hyperfleece, das aus mehreren Lagen besteht und als besonders atmungsaktiv gilt. Gerade bei männlichen Kunden wecken diese Outdoor-Marken Vertrauen, weil ihre Produkte weniger modisch als technisch daherkommen.
Ein Erfolgsmodell verspricht deshalb auch das Projekt G-Lab zu werden, das von Björn Gericke ins Leben gerufen wurde und nächste Woche bei der Street- und Urbanwear-Messe Bread & Butter in Berlin vorgestellt wird. Björn Gericke, Sohn des bekannten Motorradsportbekleidungsherstellers Hein Gericke, hat eine Jacke entwickelt, die nach Bikerjacke aussieht, aber für den Alltag gemacht ist. Eine Art Motorradjacke „light“, die dennoch die Funktionen erfüllt, die sie auch haben muss, wenn man mit ihr bei 200 Stundenkilometern über die Autobahn rast: „Sie muss wasserdicht, abriebfest und gut belüftet sein“, erläutert Gericke. Und modisch: in Navy-Black, mit metallenen Druckknöpfen ist sie als Parka und in Kurzform zu haben, „eine Mischung aus Sakko und Outdoor-Jacke“, sagt Gericke, „ideal für Businessreisen“. „Fashion Engineering“ nennt Gericke sein Konzept des Spagats, Mode und Technik zu vereinen, mit dem auch schon die Marke Belstaff große Erfolge feierte.
Neben authentischer Anmutung und technischer Kompetenz geht es bei Outdoor-Produkten, vielleicht mehr noch als in der generellen Mode, um das Thema Nachhaltigkeit, weil es Kleidungsstücke sind, die zumindest ursprünglich dafür gemacht wurden, sie in der Natur zu tragen. Mittlerweile gibt es Skijacken, die aus recyceltem Polyester gefertigt werden. Es gibt Zertifikate für Daunen, die garantieren, dass sie nicht von lebenden Enten gezupft wurden. Und: Erfolg haben vor allem jene Produkte, die nicht nur einen Winter überdauern, sondern mindestens so langlebig sind wie ein Geländewagen.
Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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