29.07.2010 · Öko-Mode und Luxus - eine Verbindung, die man lange nicht für möglich hielt. Bis Designer anfingen nachhaltige High-End-Mode zu entwerfen - mit Erfolg! Die natürlichen Kleidungsstücke erfreuen sich wachsender Beliebtheit.
Von Anke SchippFrüher waren das mal Gegensätze - Öko und Luxus. Ein ungleiches Paar. Eine Verbindung so unvorstellbar wie eine Liaison zwischen Jürgen Trittin und Victoria Beckham. Jemand, der nachhaltig dachte, konnte nicht gleichzeitig ein Leben im Luxus führen. Luxus war in den Augen von Ökos etwas Überflüssiges, der schöne Schein oberflächlich und Konsum so verwerflich wie laufendes Wasser beim Zähneputzen. Wer in den siebziger und achtziger Jahren mit grünen Ideen sympathisierte, gab sich genügsam, konnte verzichten, war mit dem Einfachen zufrieden. Und dass er dabei einen Pullover trug, der grau und kratzig war, gehörte dazu, denn er war nicht mit einer gesundheitsschädlichen Farbe gefärbt, die Wolle nicht chemisch bearbeitet. Man fühlte sich gut, besser als andere, die wiederum im Porsche mit 200 Sachen über die Autobahn fuhren und abschätzig auf den verrosteten Renault 4 auf der rechten Spur blickten.
Öko und Luxus. Das waren zwei Welten, die sich nicht berührten - und die sich im neuen Jahrtausend doch annähern. Fast möchte man glauben, dass auch Jürgen Trittin und Victoria Beckham ein hübsches Paar abgeben würden, wenn man sich mit Magdalena Schaffrin und Jana Keller im ersten Stock des Berliner Luxushotels Adlon unterhält. Die beiden Frauen sind das, was man früher Ökos nannte. Überzeugte Fundamentalisten, was ihre Kleidung betrifft, die sie tragen und die entwerfen. Alles zertifiziert, nachhaltig, chemiefrei. Sie stehen vor einer mit Goldstuck verzierten Holzwand und erzählen von ihrem ungewöhnlichen Projekt, Luxus und ökologisches Denken miteinander zu verweben, so dass am Ende ein hübscher Stoff daraus werden könnte. Sie nennen es Eco de Luxe, vielleicht weil auf Englisch harmonischer klingt, was eigentlich nicht zusammengehört. Vor drei Jahren lernten sie sich kennen.
Schaffrin entwirft unter ihrem eigenen Namen Businessmode mit einem besonderen Blick auf die Schnitte. Jana Keller unter dem Namen Royal Blush Ledertaschen, die mit Rinde und Wurzeln umweltschonend gegerbt werden. Beide wussten damals nicht so richtig, wo sie ihre Mode präsentieren sollten. Auf Designermessen ging ihre Botschaft unter, auf Grünen Messen fielen sie aus dem Rahmen, weil sie zwischen den Naturprodukten wie zwei exotische Vögel wirkten. Denn bei aller Nachhaltigkeit legten sie vor allem Wert auf anspruchsvolles Design. Also entschlossen sie sich, eine eigene Plattform aufzubauen, den "Green Showroom", der einmal im Jahr während der Berlin Fashion Week im Adlon stattfindet und bei dem High-End-Marken von Kleidung, Accessoires und Kosmetik präsentiert werden. Bei der ersten Veranstaltung vor einem Jahr waren es noch 16 Marken, bei der zweiten Anfang Juli schon fast doppelt so viele, die sich zu der kleinen, exklusiven Messe anmeldeten.
Der Öko-Boom wird auch vom Massenmarkt unterstützt
Aus dem Öko-Boom, den nach der Lebensmittel- auch die Modeindustrie heimgesucht hat, ist zwar längst der Trend mit dem Namen Eco-Chic geworden, der auch vom Massenmarkt durch Marken wie H&M und Jeanshersteller aufgenommen wurde. Doch Designermode, die nach ökologischen Maßstäben gefertigt wird, ist immer noch eine Seltenheit. Die britische Modemacherin Stella McCartney ist eine der wenigen, die seit Jahren weder Pelze noch Leder verwendet und trotzdem ernst genommen wird von den Hochglanz-Modemagazinen.
Und dann gibt es noch Miguel Adrover. Der Bauernsohn aus Mallorca war in den neunziger Jahren so etwas wie ein Shootingstar in der New Yorker Modeszene. Eigenwillig. Gefeiert und hofiert. Als er Probleme mit seinem Investor bekam, zog er 2004 zurück nach Mallorca und eröffnete eine Bar. Dort spürte ihn vor drei Jahren Wolf Lüdge auf, Geschäftsführer von Hess-Natur. Der Anbieter für Öko-Mode aus der hessischen Provinz wollte sein Image aufpolieren, das viele immer noch mit Schlabberlook verbanden. Lüdge hatte damals die Vision, Hess-Natur auf der Fashion Week in New York zu präsentieren. Viele in der Branche hielten das für Irrsinn. Adrover machte mit, aber warnte: "Sie werden dich lebend verspeisen." Lüdge erwiderte: "Aus Spannung kommt Veränderung." Und hatte recht.
Doch ökologische Designermode wird vorläufig ein Nischenprodukt bleiben
Mit den extravaganten Entwürfen von Adrover, der nicht nur Naturmaterialien verarbeitet, sondern die Pflanzenwelt als Inspiration sieht, wurde der führende Anbieter für Öko-Mode mit dem etwas biederen Image plötzlich zum Hype. Amerikanische Modejournalistinnen fragten nach der Schau im Herbst 2008 Interviews an, Suzy Menkes, Kritikerin der "International Herald Tribune", berichtete, und im vergangenen Jahr trug Cameron Diaz ein Kleid von Hess-Natur auf dem Cover der amerikanischen "Vogue" - dorthin schaffen es nur die wenigsten der längst etablierten Designer aus Mailand, Paris und New York. Zwar macht die Designerkollektion von Adrover bei Hess-Natur nur gut zehn Prozent des Sortiments aus, aber durch die Imageaufwertung ist auch der Verkauf der Basis-Kollektion teils um das Zwanzigfache gestiegen. Und das Wichtigste: "Hess-Natur ist als Modemarke akzeptiert", ergänzt Lüdge.
Dennoch glaubt der Betriebswirt, dass das Designsegment in der Öko-Mode nicht so schnell wachsen wird wie der Streetwear-Bereich, der sich in Berlin auf der Messe "theKEY.to" präsentierte. Öko-Designermode bleibt vorläufig ein Nischenprodukt mit kleiner Zielgruppe. Man könnte es auch exklusiv nennen. In den Adlon-Suiten präsentieren sich die Anbieter zwischen Kirschholzmöbeln und gedimmtem Licht leise und dezent, wie es sich für Vertreter von Elite-Produkten gehört. Man spricht weniger über die Nachhaltigkeit der Produkte - sie ist Voraussetzung - als über ihr Design. Der Motorradhelm aus Italien, der mit natürlich gegerbtem Leder überzogen ist, fällt nicht auf, weil er öko ist, sondern weil er sich bei einer Stadtfahrt auf der Vespa ziemlich gut machen würde.
Das Problem der High-End-Ökomode: Sie ist teuer
Um dieses Gefühl zu untermauern, kopieren Eco-Designer die Marketing-Codes der bereits länger etablierten High-End-Mode. Hess-Natur bringt im Herbst eine "Capsule Collection" mit der amerikanischen Designerin Eviana Hartman heraus - kleine, feine Sonderkollektionen liegen im Trend. Und Royal Blush listet auf, welche Prominenten die Taschen tragen - ein beliebtes Marketinginstrument von Designermarken, um ihre Accessoires zu begehrenswerten Objekten zu machen.
Denn High-End-Ökomode hat ein Problem: Sie ist teuer, weil sie unter ökologischen Bedingungen produziert wird. Weil ihr Design aufwendig ist. Weil nur geringe Stückzahlen verkauft werden. "Das muss man erst mal erklären", sagt Julia Knüpfer. Ein Strickkleid der Designerin, die sie unter der noch jungen Marke ICA Watermelon verkauft (benannt nach dem berühmten "Dirty Dancing"-Filmzitat "I carried a watermelon"), kostet bis zu 450 Euro. Öko-Kleidergeschäfte aber hätten meist eine Grenze von 300 Euro. "Was darüber hinaus geht, können sie nicht verkaufen." Knüpfers Zielgruppe findet sich daher eher in Designerstores wie den Galeries Lafayettes. Das Berliner Luxuskaufhaus hat offenbar das Potential des Eco-Chics erkannt und präsentiert bis Ende August unter dem Titel "Labo Mode Eco-Logic" die Kollektionen von vier Berliner Jungdesignern, deren Produkte in Deutschland und größtenteils in traditioneller Handwerkskunst in Verbindung mit ökologischen Stoffen und ungiftigen Farben hergestellt werden.
Noch läuft die Liaison zwischen Luxus und Öko nicht reibungslos
Dass Knüpfer Öko-Mode machen möchte, wusste sie ziemlich früh. Aufgewachsen auf dem Land in Mecklenburg, trug sie Öko-Kleider, die ihr die Eltern anzogen. Zwischendrin rebellierte sie und verweigerte die politisch korrekten Sachen. Auf der Modeschule entschloss sie sich dann doch, den Faden wiederaufzunehmen, um "kunstvolle, elegante, begehrenswerte Kleidungsstücke zu entwerfen, die gleichzeitig ökologisch und fair sind". Heraus kamen kunstvoll gehäkelte, geknotete und gewebte Kleider, die mitunter couturehaft, mitunter richtig sexy wirken.
Noch verläuft die Liaison zwischen Öko und Luxus aber nicht reibungslos. Nicht alles im Green Showroom des Adlon ist wirklich ein Luxusprodukt mit herausragendem Designanspruch. Und mancher ökologisch denkende Mensch fragt sich, ob ein Luxushotel, das mit hohem Energieaufwand betrieben wird, tatsächlich der richtige Ort ist, um Öko-Mode zu präsentieren. Aber auch darauf haben Schaffrin und Keller eine politisch korrekte Antwort: Normalerweise sind Messestände nichts als eine Wegwerfkulisse - aufwendig gebaut, um nach wenigen Tagen verschrottet zu werden. Im Hotel aber steht schon alles bereit. Nachhaltig und doch schön anzusehen.
Ich hab grad ein wenig Bio-...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 29.07.2010, 12:34 Uhr
Die Öko-Kultur treibt Blüten......
claus bronner (kritiker111)
- 29.07.2010, 18:24 Uhr
Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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