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Nostalgiewelle Oldies für die Kids

03.06.2009 ·  In deutschen Kinderzimmern rollt die Nostalgiewelle: Ihren Jüngsten suchen Mütter aus, was sie selbst von früher kennen. Da mischt sich Omas Puppenstube mit „Sesamstraße“, Sandmännchen und der etwas schrägen Anmutung tschechischer Kinderfilme.

Von Anke Schipp
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Der Effekt ist immer der gleiche: Manchmal ist es ein zerrupfter Teddybär, manchmal eine niedliche Spieluhr, das Muster einer Hose oder die Stickerei auf einer Bluse, die dem Herzen einen kleinen Stich versetzt. Ein Anflug von Sehnsucht, alte, verblichene Bilder, die vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Gegen Nostalgie ist niemand gefeit, denn schließlich gilt für alle, was in den Poesiealben zahlreicher Generationen schon immer prophezeit wurde: „Erst wenn du groß bist, siehst du ein, wie schön es war, ein Kind zu sein.“

Nicht wenige Designer führen ihren Erfolg auf diese schlichte Weisheit zurück. In den kinderreichen Stadtteilen mit hohem Altbaufaktor von Berlin, Hamburg, München und Frankfurt gibt es Dutzende von Läden, die Szene-Mütter mit nostalgischen Kindermöbeln, Designstücken und entsprechender Mode ausstatten. Die Erinnerungen weckende Ware ist nicht modern und funktional, sondern eher ein bisschen unpraktisch, altmodisch oder kitschig. In ihrer Ästhetik mischt sich Omas Puppenstube mit „Sesamstraße“, Sandmännchen und der etwas schrägen Anmutung tschechischer Kinderfilme.

Ging es beim Kinderdesign bis vor kurzem noch vor allem darum, den Niedlichkeitsfaktor möglichst weit zu reduzieren, rollt jetzt eine Retrowelle, die beweist: Bärchen ist nicht gleich Bärchen. Der Teddybär von „Steiff“ ist okay, der stilisierte Comicbär auf dem Schlafanzug nicht. Das Rehlein auf der Schlafuhr - ja, Walt Disneys Bambi - eher nein. Alte Kinderbücher wie „Die Häschenschule“ oder „Henriette Bimmelbahn“ ersetzen in den Kinderzimmern die sterilen Geschichten von Benjamin Blümchen. Junge Mütter lassen ihre eigene Kindheit wiederauferstehen - für die meisten waren das die Siebziger. Ein ganzes Jahrzehnt wird recycelt. Oder das, was von ihm übrig ist.

Großflächige Blumen, diagonale Streifen und Comicelemente

Wenn Sabine Eilers nicht gerade in ihrem Atelier an der Nähmaschine sitzt, durchforstet sie Flohmärkte auf der Suche nach alten Stoffen mit großflächigen Blumen, diagonalen Streifen, Karomustern oder Comicelementen. Als Studentin verwendete sie die Fundstücke noch für sich selbst, erkannte jedoch schließlich, dass viele Stoffe nach der Verarbeitung übertrieben wirkten, „an Kindern aber toll aussehen“. Sie entwarf schlichte Schnitte, Kleider in A-Linie zum Beispiel, Schürzen oder Blusen mit Puffärmeln. Ihre Mode verkauft sie im Atelier, in ausgewählten Läden und über das Internet (www.designerie-frankfurt.de). Geworben wird dafür mit Flyern und per Mundpropaganda auf Spielplätzen und in Krabbelstuben. Marketing im Segment Kindermode funktioniert manchmal sehr simpel.

Andreas Linzner hat mit einer ähnlichen Geschäftsidee, die auf der Verwertung alter Stoffe basiert, über die Grenzen hinweg für Aufmerksamkeit gesorgt. Er beglücke nicht nur spielende Kinder, sondern auch ästhetisch anspruchsvolle Erwachsene, schrieb das New Yorker Stadtmagazin „Time Out“ über seine auffälligen Frottier-Elefanten. Der Stoff mit den vielen kleinen Schlingen hatte es dem gelernten Herrenschneider angetan. Linzner sammelt ausrangierte Handtücher mit Blümchenmuster, Bademäntel und Gardinen, die er zum großen Teil auf einem Recyclinghof findet und in Form von Elefanten wiederauferstehen lässt (www.andreaslinzner.com). „Natürlich empfinden das viele als nostalgisch“, sagt der Hamburger, „weil es sie vielleicht an ihre eigene Kindheit erinnert oder an die Toilette von Tante Lilly.“ Mittlerweile stehen die possierlichen Tiere in Schaufenstern von Mailand und Hongkong oder bei Paul Smith: Dem britischen Designer haben die German toys offenbar so gut gefallen, dass er sie in den eigenen Läden verkauft.

Für deutsche Designer ist das Retrokonzept eine gute Möglichkeit, sich abzuheben. Denn bislang waren es meistens ausländische Marken, die in der Kinderwelt ihre Spuren hinterließen. Besonders in der Mode bestimmen entweder teure Marken aus Italien und Frankreich wie „I Pinco Pallino“ oder „Baby Dior“ die Trends - und machen aus den lieben Kleinen altkluge Erwachsene. Oder es sind die Holländer, die es von jeher bunt und wild treiben, wie beispielsweise die Marke Oilily. Die Schweden sorgen mit Hennes & Mauritz dafür, dass in Kindergärten, Schulen und auf Spielplätzen ein Kind dem anderen gleicht. Die neuen deutschen Marken sollen individuell wirken und bewusst ein bisschen streng klingen. Da gibt es „Fräulein Singer“ aus Berlin, die eigentlich Susan Diegler heißt und hübsche Kleidchen schneidert (www.fraeuleinsinger.de). Oder „Frau Tulpe“, bei der man via Internet fast alle Kinderstoffe der vergangenen Jahrzehnte bestellen kann (www.frautulpe.de) - mit Motiven wie kleinen Pilzen, quietschroten Erdbeeren oder hoppelnden Häschen.

Schulranzen mit Kuhfell

Viele ihrer Kunden reagierten geradezu euphorisch, wenn sie die Sachen aus ihrer Kindheit entdecken, erzählt Lena Petri, die in Hamburg den Laden „Vergissmeinnicht“ betreibt (www.vergissmeinnicht-hamburg.de). Ihr gehe es grundsätzlich darum, werthaltige Sachen zu verkaufen, die auch weiterzuvererben sind. „Die meisten wählen dann automatisch das aus, was sie von früher kennen.“ Wie den Schulranzen mit Kuhfell, den zumindest in der Schweiz jedes Kind kennt. Ihr Konzept folgt dabei nicht dem Ökoprinzip, das nur Spielzeug aus Holz duldet. Im Fokus stehen eher emotionale Klassiker des Kinderzimmers - sogar solche aus Plastik, wie das Kinder-Handwerk-Set mit Bohrmaschine, Akkuschrauber und Helm der Marke Bosch. „Auch das ist eine Tradition.“

Wie emotional ein Stück Stoff auf Menschen wirken kann, erlebt derzeit Graziela Preiser. In ihrem Hamburger Atelier häuft sich täglich eintreffende Fanpost. Schließlich hat eine ganze Generation in „Grazielas“ Äpfelchen-Bettwäsche oder in den Schlafanzügen mit plakativen Autos, Enten, Elefanten und Maikäfern ihre Nächte verbracht. Der große Renner aber war in den siebziger Jahren die Herzchen-Bettwäsche, die über die Frauenzeitschrift „Brigitte“ verkauft wurde. 20 000 Kilometer Stoff seien damals verarbeitet und geordert worden, erzählt die Designerin, die einst Kreativdirektorin bei dem Magazin war, nicht ohne Stolz.

Mit ihrer Tochter Nina Nägel hat die Grafikerin im vergangenen Jahr die Bettwäsche, Nachthemden und Schlafanzüge zum Teil wiederaufgelegt. Die Tochter war es, die feststellte, dass die Stoffe zum Kultobjekt geworden sind und sich über E-bay wie warme Semmeln verkaufen. Die Mutter beschreibt ihre Muster als ein fröhliches, modernes Design. „Damals, in den siebziger Jahren, hatte ich das Gefühl, es gibt nichts Kindgerechtes.“ Ihre Entwürfe sollten nicht bloß dekorativ sein, sondern anregen: Immer gab es etwas zu entdecken, beispielsweise im legendären „1,2,3-Muster“, bei dem sich die Zahlen zwischen Äpfeln, Autos und Hühnern verstecken (www.bygraziela.com).

Aus kleinen Mädchen werden große Diven

Die Designerin erklärt sich den aktuellen Erfolg ihrer Stoffe damit, dass viele Eltern, „die in ihrer Kindheit in Graziela-Bettwäsche gekuschelt, in Graziela-Schlafanzügen geträumt und aus Graziela-Tassen getrunken haben, heute in dem Alter sind, in dem sie nun Kinder haben - die sie gerne mit ihren Lieblingsstücken von damals verwöhnen wollen“. Sie selbst kann sich allerdings nicht daran erinnern, als junge Mutter ähnlich gedacht zu haben. „Vielleicht, weil es solche Klassiker damals einfach nicht gab.“

Vielleicht aber auch, weil Kindheit damals noch nicht so stark zelebriert wurde. Nie zuvor ernteten Kinder so viel Aufmerksamkeit wie heute, da schon Geburtstage der Jüngsten als aufwendig geplante Events gestaltet werden. Vermutlich hätte man vor dreißig Jahren über eine Aussage wie die der Designerinnen von „Elfen Couture“ den Kopf geschüttelt: „Wir möchten, dass jedes einzelne Teil unserer Kollektionen zum Lieblingsstück werden kann, an dessen Zauber man sich auch als Erwachsener noch gern erinnert.“ Die Entwürfe von Britta Breuel und Selina von Holleben machen aus kleinen Mädchen große Diven. Die Sommerkollektion etwa ist von dem Film „Der große Gatsby“ (1974) inspiriert - auch das etwas, an das sich viele Erwachsene erinnern dürften, weil sie ihn als Jugendliche gesehen - und nie vergessen haben.

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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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