17.04.2009 · Vom großen Andrang spürt man nicht mehr viel. Es ist gespenstisch ruhig geworden in New Yorks exklusiver Shoppingmeile Fifth Avenue. Selbst Luxuskaufhäuser locken mit Sonderangeboten. Der deutsche Designer Tomas Meier lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken.
Von Roland LindnerEs ist gespenstisch ruhig geworden an der Fifth Avenue in New York. Die Ladenmieten der exklusiven Shoppingmeile sind so hoch wie sonst nirgendwo in Amerika. Die Luxusadressen reichen von Tiffany's über Cartier, Armani, Fendi, Ferragamo bis zu Louis Vuitton. Aber vom großen Andrang spürt man in Zeiten der Rezession nicht mehr viel. Manche der großen „Flagship Stores“ sind wie ausgestorben. Luxuskaufhäuser wie Saks Fifth Avenue sehen sich zu spektakulären Sonderangeboten gezwungen.
Tomas Maier will sich davon nicht beeindrucken lassen. Der deutsche Chefdesigner der italienischen Luxusmarke Bottega Veneta hat zu einer rauschenden Konsumparty an die Fifth Avenue geladen. Das Kaufhaus Bergdorf Goodman hat viel Platz dafür freigeräumt. Die Marke darf sich mit ihrer gesamten Kollektion breitmachen: Handtaschen, Kleidung, Schmuck, Möbel. Sonst wird das ganze Sortiment nur in den 121 Bottega-Boutiquen auf der Welt gezeigt. Bergdorf macht Maier für den Anlass zum Star eines Empfangs inmitten seiner Möbelkollektion. Es ist ein Auftrieb von Mode- und Medienleuten, als ob es keine Rezession gäbe. Der gebürtige Pforzheimer des Jahrgangs 1957 beschwört in seiner Kollektion den extravaganten Lebensstil. Zu den bei Bergdorf ausgestellten Bottega-Möbeln gehört ein Feldbett, für das 10 800 Dollar fällig sind - dafür ist die Oberfläche aus Leder, mit dem für die Marke typischen Flechtmuster. Klapphocker: 4300 Dollar. Schreibtisch mit Lederoberfläche: 19 700 Dollar. Handtaschen: von 1500 bis 75 000 Dollar.
Luxusmarke ohne Logos
Trotz der Preise will Maier seine Marke nicht als extravagant verstanden wissen. Er will keinen zur Schau gestellten Luxus verkaufen, sondern unaufdringliche Produkte. Maier hat das Unternehmen als Luxusmarke ohne Logos positioniert. Der Markenname wird nicht prominent auf den Produkten abgedruckt, sondern versteckt, zum Beispiel im Inneren der Handtaschen. „Wenn Ihre eigenen Initialen genug sind“ - der Werbespruch ist ein Seitenhieb auf andere Luxushersteller, die Logos prominent plazieren. Exklusivität und hohe Preise ergeben sich für Maier zwangsläufig aus der aufwendigen Handwerksarbeit, etwa der Intrecciato-Flechttechnik fürs Leder.
Tomas Maier ist so etwas wie der Gegenentwurf zu seinem alten Freund Tom Ford, der ihn im Jahr 2001 zu Bottega Veneta geholt hat. Die Marke war damals gerade vom italienischen Modekonzern Gucci gekauft worden, wo Ford als Chefdesigner ein Superstar war. Ford, der mittlerweile seine eigenen Kollektionen entwirft und vermarktet, setzt beim Design auf Effekte. Auch persönlich könnten die beiden kaum unterschiedlicher sein: Ford sonnt sich in der Öffentlichkeit und ist ein Meister des charmanten Geplauders. Maier ist einsilbig, fast ein wenig schüchtern. Öffentliche Auftritte absolviert er selten.
Demonstratives Understatement
Das demonstrative Understatement sieht Maier in der Wirtschaftskrise als Wettbewerbsvorteil. Auffälliger Luxus (“conspicuous consumption“) ist nicht einmal mehr im sonst so konsumwütigen New York angesagt. Mit der neuesten Handtasche von Louis Vuitton will man in solchen Zeiten nicht unbedingt gesehen werden. Maier meint, Verbraucher überlegten sich ihre Anschaffungen genauer und kauften gezielter ein. „Wir verkaufen etwas Zeitloses, kein Modeprodukt, das bald überholt ist.“ Freilich lässt die Rezession seine Marke nicht unberührt: „Das Geschäft läuft nicht so gut, wie es sollte.“
Das ist auch im Laden von Bottega Veneta zu sehen, der nur ein paar Straßen entfernt von Bergdorf Goodman auf der Fifth Avenue liegt. Auch hier herrscht Leere. Maier sagt, in den ersten Monaten des Jahres habe der Umsatz stagniert - nach einem Umsatzwachstum um zehn Prozent auf 402 Millionen Euro im vergangenen Jahr. In der zum PPR-Konzern gehörenden Gucci-Gruppe, zu der wiederum auch Balenciaga, Yves Saint Laurent und Alexander McQueen gehören, ist Bottega Veneta die zweitstärkste Marke nach Gucci selbst.
Schmuckkollektion aus Pforzheim
Tomas Maier pflegt noch immer die Verbindungen zu seiner deutschen Heimat. So lässt er in Pforzheim die Schmuckkollektion von Bottega Veneta herstellen. Zu Hause ist er aber seit vielen Jahrzehnten im Ausland. Nach dem Abitur ging er auf eine Modeschule in Paris und arbeitete lange als Designer für Marken wie Hermès oder Revillon. Heute verbringt er die meiste Zeit in Miami, New York und Mailand. Seit vergangenem Jahr hat er neben seinem deutschen Pass auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. „Das war mir wichtig, damit ich wählen konnte. Ich habe so lange in Frankreich gelebt, ohne zu wählen. In Amerika wollte ich jetzt einfach dazu beitragen, dass es nicht so weitergeht wie vorher.“ So sehr er sich nun freut, dass Barack Obama Präsident ist: Die Mode von „First Lady“ Michelle Obama - in Amerika ein großes Gesprächsthema - scheint ihn nicht zu begeistern. Ein Urteil will er sich aber nicht entlocken lassen: „Mir ist wichtig, dass sie im Weißen Haus ist. Was sie anzieht, ist egal.“