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New York Fashion Week Den schönen Schein wahren

21.09.2009 ·  Ein Film, 200 Schauen, ganz viel Optimismus: Die Modewoche für Frühjahr und Sommer in New York tut so, als habe sie nie etwas von einer Krise gehört. Oder zumindest nichts damit zu tun.

Von Alfons Kaiser
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In der vergangenen Woche herrschte Ruhe in den Condé-Nast-Büros hoch über dem Times Square. Die Damen von „Vogue“ und „Glamour“ waren drunten in den Modezelten im Bryant Park und in der ganzen Stadt bei den mehr als 200 Veranstaltungen der Modewoche. Und auch die neueren Mitbewohner in den Büros waren endlich ausgeflogen: die Berater von McKinsey. Seit Juli hatten sie in den Redaktionen nach Optimierungspotentialen gesucht, und angeblich wurden sie fündig. Die Zeitschriften müssen wegen der Anzeigenkrise für 2010, so schreibt das Branchenblatt „Women's Wear Daily“, mit Ausgabenkürzungen von bis zu 30 Prozent rechnen. Wie soll man unter solchen Bedingungen den schönen Schein wahren?

Ja, das waren Zeiten, als man noch 50.000 Dollar aus den Fenstern werfen konnte, weil eine aufwendig produzierte Bildstrecke nicht so ganz perfekt war. Dieses goldene Zeitalter ist erst zwei Jahre her. In der hervorragenden Dokumentation „The September Issue“, die in den amerikanischen Kinos angelaufen und in Deutschland bald auf DVD zu haben ist, missfällt der „Vogue“-Chefin Anna Wintour bei der Vorbereitung auf die Septemberausgabe 2007 (die dickste „Vogue“ aller Zeiten mit 840 Seiten) die Arbeit ihrer Kreativchefin Grace Coddington. Die Shooting-Orgie muss wiederholt werden, die alten Bilder wandern in den Müll. Hoffentlich waren die Berater von McKinsey in den Moderedaktionen zu beschäftigt, um nicht hinunter ins Kino in der 42. Straße zu gehen und sich die entlarvenden Szenen anzusehen. Sonst würden sie womöglich noch Effizienzreserven bei Anna Wintour entdecken.

Von Lidschatten und Lippenstift

Beim Film landen wohl alle Modeleute irgendwann. Tom Ford feiert mit seiner Christopher-Isherwood-Verfilmung in Venedig Erfolge. Diane von Fürstenberg, gerade vom Festival in Toronto zurückgekehrt, erzählt mit leuchtenden Augen von der Premiere des ersten Films ihrer Tochter Tatiana. Auch das künstlerisch anspruchslose Genre blüht. „Project Runway“ mit Scharfrichterin Heidi Klum läuft schon in der sechsten Staffel. Und die frisch angelaufene Fernsehserie „The Beautiful Life“ (mit Mischa Barton und Elle McPherson) kleistert Schönheit mit Lidschatten und Lippenstift zu. Nach Kunst und Musik vereinnahmt die Mode also nun in breiter Front Film und Fernsehen - und steigt zu einer entscheidenden Größe in der Populärkultur auf.

Das Selbstbewusstsein überträgt sich auch auf die „Mercedes-Benz Fashion Week“: Es wurde mehr getratscht als geklagt. Jeder tut so, als habe er mit der Krise, die New York nun ein Jahr lang in düstere Stimmung versetzt hat, trotz einer „Vogue“-Septemberausgabe mit nur noch 584 Seiten nicht viel zu tun - und das, obwohl sich gerade die Lehman-Pleite jährte. Anna Wintour selbst sorgte für gute Stimmung, als sie am vorvergangenen Donnerstag die lange „Fashion Week“ mit der „Fashion's Night Out“ beginnen ließ. Die Leute kamen schon deshalb in Scharen in die Geschäfte, um Designer wie Oscar de la Renta auch mal anfassen zu können. Der Abend zeigte eindringlich, wie die Öffnung der „Vogue“ für die Frau auf der Straße aussehen kann: Redakteur Hamish Bowles sang durch seinen neuen Schnurrbart hindurch Noel-Coward-Songs im Laden von - Oscar de la Renta, Ralph Lauren, Donna Karan? Nein, er sang wirklich im Geschäft der Edeltrash-Marke Juicy Couture. Wenn das McKinsey wüsste! Man könnte glatt ein Geschäftsmodell draus machen.

„Business as usual“ auf den Laufstegen

Und so wird gefeiert, als gebe es kein Gestern und kein Morgen. Lady Gaga hält die Marc-Jacobs-Party in Atem. Die Alexander-Wang-Aftershowparty, bei der Madonna zugegen war, fand in einer Tankstelle statt, in der die Gäste fröhlich rauchten. Was wiederum der legendären Journalistin Ingrid Sischy zuviel wurde: Schon zur Mitte der Woche war sie gar nicht mehr zu sprechen. Sie kritzelte das Wort laryngitis auf ihren Block und hielt es jedem hin, der mehr als nur ein Küsschen wollte: Kehlkopfentzündung. Eine Woche lang, so hat ihr der Arzt befohlen, darf sie nicht reden. Wie soll die umtriebige Frau das nur durchstehen?

Auf den Laufstegen wird die Schau „business as usual“ gegeben. Dabei ist der Rahmen oft kleiner. Und viele Modemacher wie Peter Som oder Tory Burch veranstalten Präsentationen: Sie sind billiger zu inszenieren als Defilees. Oft sind die Kollektionen klein, weil weniger geordert wird, und tragbar bis preiswert, damit die Einkäufer überhaupt etwas bestellen. Da war es eine Wohltat fürs Auge, dass drei Marken aus dem all American-Einerlei herausragten. Die Proenza-Schouler-Designer gaben mit geschickt gewickelten und herrlich bedruckten Kleidern einen freien und doch feierlichen Ton fürs Frühjahr vor. Marc Jacobs inszenierte mit dem japanischen Einschlag seiner avantgardistischen Vorbilder, mit den romantischen Empfindungen eines frisch Verheirateten und mit der wilden Kombinationsfreude eines Besessenen den ästhetischen Überschuss, ohne den Designerstücke nur Klamotten wären.

Junge Designer beleben die Szene

Und die beiden Rodarte-Schwestern aus Kalifornien werteten ihren genialen gothic glam mit couturehafter Lust am Drapieren auf, mit einem klugen Materialmix von Chiffon bis Leder und mit angesengten Fasern für den destroyed look. Nach der Schau verrieten sie im Gewühl der Fans, dass sie die Stoffe ausgerechnet während der Waldbrände in Kalifornien anbrennen ließen - die beiden haben einen düsteren Humor. Der Geschäftssinn von Kate and Laura Mulleavy ist aber auch nicht zu unterschätzen. In der ersten Reihe saß der Nordamerika-Chef des Luxuskonzerns LVMH, Renauld Dutreil. Selbst wenn die Franzosen nicht zugreifen sollten, wie sie es vor Jahren bei Marc Jacobs und Donna Karan erfolgreich getan haben: Schon die Sichtung in der front row erhöht den Marktwert des Labels.

Ein paar brillante Schauen heben New York noch nicht auf Pariser Niveau. Aber die vielen jungen Designer beleben die Szene. Heilsbringerin Michelle Obama, die zahlreiche Modemacher aus Manhattan in ihrer Garderobe berücksichtigt, war zwar nicht erschienen, nicht einmal ihre Stellvertreterin auf Erden, die Social Secretary Desirée Rogers, die im Februar noch für Furore in der ersten Reihe gesorgt hatte. Aber es schien, als wollten sich all die jungen Designer, die erst durch Anna Wintour und dann durch Michelle Obama groß wurden, in deren Herzen schneidern.

Die Krise brachte niemanden ernsthaft ins Grübeln

Jason Wu, dessen weißes Ballkleid die Präsidentengattin zum Abend der Amtseinführung trug, hat einen glänzend-souveränen Upper-East-Side-Chic entwickelt. Die aus Frankreich stammende Sophie Theallet, an deren Blockstreifen-Röcken Michelle einen Narren gefressen hat, veranstaltet mit ihren gefälligen Hängerchen eine richtig große Schau. Thakoon Panichgul, dessen Entwürfen die First Lady schon oft zugesprochen hat, entwickelt sich mit wunderbarem Mustermix und komplizierten Raffungen weiter. Nach der Schau sagt er, die kostenlose Werbung habe ihm einen „riesigen Zuspruch“ gebracht. Weil er zudem in „September Issue“ einen sympathischen Auftritt hat, so erzählt er, fliegen ihm jetzt auch schon auf offener Straße die Herzen der Fans zu.

Wenn die Mode wirklich ein halbes Jahr vorausblickt, müsste die Rezession im nächsten Jahr vorüber sein. Ins Grübeln gebracht hat die Krise niemanden ernsthaft. An grundsätzlichen Auffassungen ändert sich wenig. Die kommunitaristische Hoffnung des Soziologen Amitai Etzioni, „dass dezente Kleidung wieder zu einer Quelle gesellschaftlicher Zustimmung werden sollte“, hat trotz der Krise im amerikanischen Statusdenken keinen Platz. Und eine kapitalismuskritische Schelte der Warenästhetik wird als echt deutsch angesehen. Shoppen ist in Amerika schließlich das beliebteste Hobby. Es traf sich also gut, dass Notenbankchef Ben Bernanke just zur Modewoche das Ende der Rezession ausrief.

Der Magerwahn in der Modebranche

Auch die ästhetischen Vorstellungen ändern sich nicht. Zwar bekam die amerikanische „Glamour“ viel Anerkennung, weil sie in der September-Ausgabe ein nacktes „plus-size model“ abbildete. Aber auf den Laufstegen ist alles wie immer. Die Models sind so jung, dass sie ihren Geburtstag teils noch in Disney World feiern. Und sie sind so dürr, dass man immer wieder erschrickt. Alexandra Shulman, Chefin der britischen „Vogue“, kritisierte im Juni den Magerwahn in der Modebranche. Und wie waren die Reaktionen? „Viele Designer haben angerufen und haben mir gratuliert“, sagt sie leicht resigniert vor der Proenza-Schouler-Schau. „Alle meinten, sie hätten damit nichts zu tun.“

Die einzigen, die das Mitleid aller in der Szene genießen, sind die Mitarbeiter der Mode-Kaufhäuser. Bei denen schlägt nämlich nicht nur die krisenbedingte Kaufzurückhaltung zu Buche, sondern auch die strukturelle Schwierigkeit, Kunden in einen Laden zu locken, der alles und nichts anbietet. Zudem gründen Modemarken eigene Geschäfte, um die Händlermargen für sich selbst zu verbuchen. Aktuelles Beispiel: Tommy Hilfiger. Am Mittwoch Abend eröffnete er mit viel Getöse seinen weltgrößten Store - fünf Etagen, Fifth Avenue. Er kann es sich leisten. Trotz der Krise wächst sein Umsatz. Oder gar wegen der Krise?

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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