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New York Fashion Week Das Weite finden

11.09.2007 ·  Platz schaffen die Modedesigner derzeit während der New York Fashion Week - Platz vor allem für die Models. Denn besonders viele Labels zeigen auffällig weite Kleider. Ein Trend für Frühjahr und Sommer 2008? Julia Kunkelmann analysiert.

Von Julia Kunkelmann
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Wo man auch hinschaut weite Kleider. Auf den Schauen in New York präsentieren die Designer in diesem Herbst auffallend viele bodenlange Flatterkleider, die zwar im Brustbereich eng sind, aber darunter, in Höhe der Empiretaille, verhüllen Massen an Stoff die dünnen Frauenkörper und Ballonkleider bauschen sich wie japanische Lampions um die schmalen Hüften der Models.

Die weiten Kleider, die Designer wie Marc Jacobs, Diane von Fürstenberg, Badgley Mischka, Vera Wang oder Michael Kors zeigen, könnten einerseits ein Versuch sein, vom gegenwärtigen Magerwahn abzulenken. Andererseits könnten sie auch ein Zeichen der Unabhängigkeit der Frau sein. Klingt von weit hergeholt? Gar nicht!

Frauen definieren sich nicht mehr über ihr Aussehen

Viele Männer haben eine Abneigung gegen weite Kleider, allerdings ohne eine wirkliche Begründung dafür geben zu können. Klar, je voluminöser das Kleid desto mehr trägt es auf. Aber für Frauen ist das manchmal auch ganz praktisch, zum Beispiel wenn man nach dem vierten Gang eigentlich schon pappsatt ist, beim Dessert jedoch trotzdem nicht Nein sagen mag. Mit einem weiten Kleid muss man zumindest nicht für den Rest des Abends den Bauch einziehen. Doch was Frauen so praktisch finden, ist für Männer das Problem: Ein Flatterkleid zeigt eben nicht jedes Kilo. Verständlich, dass Männer nicht davon begeistert sind, wenn Frauen ihre Körperformen negieren, denn so haben sie nicht die geringste Chance auch nur zu erahnen, was sich unter dem „Zelt“ verbirgt. Die Prüfung der Figur einer Frau muss sich also auf die Oberarme oder die Fesseln beschränken. Deshalb fordert auch Leander Brant in seinem Text „Die Fashionlüge“ in der Juli-Ausgabe der „Elle“: „Wir wollen, dass die Form des Kleids (...) die Figur zur Geltung bringt. Und nicht aufs Hinterhältigste versteckt!“ Außerdem beschwert er sich: „Wir Männer finden die aktuelle Mode untragbar! Und ich meine das im doppelten Wortsinn.“

Trendanalyse zur New York Fashion Week: Das Weite finden

Doch die Zeiten haben sich längst geändert: Frauen definieren sich heute nicht mehr nur über ihr Aussehen und ihre Figur, sondern über ihren Intellekt. Deshalb ist es auch nicht mehr notwendig, Männer durch figurbetonte Kleider beeindrucken zu müssen. Dass sich die Rolle der Frau in den letzten Hundert Jahren gewandelt hat, ist bekannt. Genauso hat sich auch die Mode gewandelt. Spätestens seit die Modeschöpferin Madeleine Vionnet Anfang des 20. Jahrhunderts das Korsett in der Mode abgeschafft hat, lassen sich Frauen nicht mehr einengen und tragen deshalb auch in der nächsten Saison ganz selbstbewusst weite Kleider. Frauen ziehen an, was ihnen gefällt und nicht, was Männer von ihnen erwarten.

Das Korsett: Symbol für die Abhängigkeit der Frau

Noch vor einem guten Jahrhundert wurden Frauen lediglich als Statussymbol des Mannes betrachtet, wie an den Theorien von Thorstein Veblen deutlich wird. Veblen, ein Philosoph, dessen Hauptwerk „The Theory of Leisure Class“ Ende des 19. Jahrhunderts entstand, war der Ansicht, dass Frauen den Reichtum des Mannes verkörpern sollten. Diesen sollten sie beispielsweise durch prunkvolle Kleider und edelsten Schmuck, also durch demonstrativen Konsum zur Schau stellen. „Arbeit gehört nicht zur Welt der Frau. Ihre Welt ist der Haushalt, den sie verschönern und dessen schönster Schmuck sie sein sollte“, behauptete er.

Seiner Meinung nach ist vor allem das Korsett - also das genaue Gegenteil der heutigen Kleider - ein Symbol für die Abhängigkeit der Frau, denn er findet: „Wo immer also der verschwenderische Aufwand (...) so weit getrieben wird, dass er zu einem sichtbaren Unbehagen führt, darf man sogleich annehmen, dass die betreffende Person, meist die Frau, (...) die Verstümmelung (durch das Korsett) nicht um ihrer selbst Willen vorgenommen hat, sondern dass sie dies alles für jemand anders tut, von dem sie wirtschaftlich abhängig ist.“ Er meint sogar, dass diese Abhängigkeit „in der ökonomischen Theorie letzten Endes nichts anderes als Knechtschaft“ bedeutet und dass die Frau „noch immer Hab und Gut des Mannes ist.“ Dies begründet er damit, dass die Frauen Dienerinnen sind, „denen bei der Differenzierung der wirtschaftlichen Funktion lediglich die Aufgabe zufällt, die Zahlungsfähigkeit ihres Herrn zu Schau zu stellen und zu bezeugen“ - und sonst nichts.

Das weite Kleid: Symbol für die Unabhängigkeit

Da Frauen heute in der Regel ihr eigenes Geld verdienen, sieht das im 21. Jahrhundert zum Glück anders aus. Frauen haben inzwischen auch andere Aufgaben, als nur den Haushalt „zu verschönern und dessen schönster Schmuck“ zu sein. Die Emanzipation hat uns so weit gebracht, dass kürzlich eine Spiegel-Ausgabe titelte: „Die Alpha-Mädchen - Wie eine neue Generation von Frauen die Männer überholt“. In der Titelgeschichte geht es darum, dass junge Frauen sich über traditionelle Rollenbilder hinwegsetzten und gut ausgebildet und selbstbewusst in gesellschaftliche Eliten streben.

Viele moderne Frauen glauben nicht mehr an die Versorgung durch die Ehe, sondern streben nach Erfolg. Sie machen sich auf den Weg an die Macht - und lassen die Männer hinter sich, heißt es in dem Artikel, der Studien zitiert, die belegen, dass mehr junge Frauen als Männer Abitur machen, nämlich 56,8 Prozent und dass 50,8 Prozent Hochschulabsolventinnen sind. Frauen scheinen den Männern - egal ob im Ballon- oder Flatterkleid - davonzufliegen.

„Erstmals uneingeschränkt gleichberechtigt“

Auch die klassische Rollenverteilung ist passé, denn laut Spiegel stimmen 96 Prozent der unter 18 bis 29 Jahre alten Frauen der Aussage „Für mich ist sehr wichtig, dass sich Frau und Mann die Arbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung möglichst gerecht teilen“ zu. Es hat lange gedauert, doch in ihrem jüngsten Buch „Die Antwort“ sagt Alice Schwarzer: „Erstmals in der Geschichte“ seien die Frauen in Deutschland „uneingeschränkt gleichberechtigt“. Endlich.

Vielleicht tun wir den Männer den Gefallen und ziehen die neuen weiten Kleider, die in New York vorgestellt wurden nicht ganz so oft an, wie wir eigentlich gern möchten und kaufen uns nicht noch drei weitere Exemplare davon. Ein bisschen wollen wir den Männern ja schließlich auch gefallen. Doch wir müssen nicht - wir wollen!

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