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New York Fashion Week Das Leben ist ein roter Teppich

17.09.2009 ·  Mit den New Yorker Kollektionen beginnt die Modesaison. Marc Jacobs, der erste Höhepunkt, gibt die Stimmung vor: hochgeschlossene Blusen, rüschenbesetzte Kleider, Pluderhosen und Strickpullunder. Ein Schau-Spiel in drei Akten.

Von Alfons Kaiser
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Vorspiel. „New York Deli“, Lexington Avenue. Draußen liegen die Wochenzeitungen aus Bangladesch aus. Drinnen ist viel los. Gegenüber beginnt gleich die Schau. Biplab Kumar Bhattacharjee ist erst seit neun Monaten hier. Marc Jacobs kennt er nicht. Aber er freut sich über all die Modeleute, die noch Cadbury’s und Twix in seinem Laden kaufen. „Hey“, ruft ein Taxifahrer aus seinem Wagen von der zweiten der fünf Lexington-Avenue-Spuren herein, „hast du auch Ramadan-Speisen?“ – „Klar!“ Noch immer ist Fastenmonat. Bhattacharjee dürfte etwas zu sich nehmen, er ist Hindu. Aber sein Chef ist Muslim, also hält er sich zurück. Wann dürfen sie wieder essen? Er schaut auf die Uhr. „Heute um 19.09 Uhr.“ Dann geht die Sonne unter.

Erster Akt: Einzug. Armory, Höhe 26. Straße, Rekrutierungsbüro der Nationalgarde, jetzt vermietet an den Designer Marc Jacobs für die Frühjahr/Sommer-2010-Damenmodenschau. Abend. Die Spitze des Empire State Building leuchtet noch von der Sonne, an der Avenue Jeeps der Nationalgarde, Ankunft der Gäste, Spannung in der Luft vor der ersten wichtigen Schau der Saison, dem Stimmungsmesser vor London, Mailand, Paris.

„Hier ist Energie. Gucken Sie sich die Massen an!“

Chaos auf der Straße, Dauerhupen, die Fotoblogger verstehen nicht mal die Namen der Stilikonen, die sie gerade fotografiert haben. Auftritt Lady Starlight, Partnerin und Geistesverwandte von Popstar Lady Gaga, im Vintage-Silber-Kleid. „Aus einem Stück Stoff geschnitten, supersimpel.“ Und warum ihre Liebe zu Marc Jacobs? „Er ist frisch und spannend und auf meiner Wellenlänge.“ Aus der nächsten Limousine steigt Stephen Sadove, Saks-Fifth-Avenue-Chef, stolpert fast über Lady Starlight, bleibt unentschlossen stehen, und als Lady Starlight zurückflaniert, wird Sadove auch noch vom rückwärtslaufenden Pro-Sieben-Kameramann umgerempelt.

Am Seiteneingang laufen die dürren Mädchen die Stahltreppe hoch, Iris, Vlada, Natascha, Amanda, Tao. Die Sonne ist weg, den Gehweg bitte freihalten, die Limousinen fahren vor, Madonna soll auch noch kommen. Ed Filipowski, die Sphinx der Veranstaltungsagentur, hält mit seinen Männern den Eingang sauber von Modestudentinnen. Rein kommen die Einkäuferinnen: Julie Gilhart von Barneys. Rein kommen die bunten Blogger: Perez Hilton. Rein kommt die Presse: fast schildkrötengleich inzwischen Suzy Menkes, aufrecht im Marc-Jacobs-Kleid die russische Fernsehstarjournalistin Evelina Khromtchenko, verwuschelt Olivier Zahm, kein Fahrradkurier, sondern Chef eines der besten Modemagazine: „Purple“. Rein kommen all die besten Freunde, die Stichwortgeber, die Downtown-Musen. Sind schon Prominente da? „Ja“, sagt eine Modestudentin, „Rachel Zoe.“ Die Stylistin als Celebrity – so schnell scheint die Rezession nicht vorbeizugehen. Früher fuhren hier Jennifer Lopez, Victoria Beckham, Jay-Z, Beyoncé und, kurz vor Antritt der Haftstrafe, Lil’ Kim vor.

Statt mehr als 1000 gibt es drinnen nur noch 700 Plätze. Die Stimmung aber ist wie immer. „How are you?“, amerikanisch eine Oktave höher gerufen. „You look fabulous!“, mit ausladenden Lippenbewegungen in die Ferne gehaucht, weil man durchs Chaos nicht kommt und nicht dringt. Als Letzte huscht Cathy Horyn von der „New York Times“ auf ihren Platz, obwohl sie die kürzeste Anfahrt hat. Auftritt Carine Roitfeld, Chefin der französischen „Vogue“: „Hier ist Energie. Gucken Sie sich die Massen an!“ Fast besser als bei den besten Schauen in Paris? „So weit würde ich jetzt doch nicht gehen.“

Brokatstickerei ruft ein Goldenes Zeitalter wach

Zweiter Akt: Umzug. Weißer Raum, helles Licht, klinisch rein – beim Erfinder des Grunge! Madonna ist gekommen. Sitzanordnung als Stimmungsaufheller: Fast alle sind in der ersten Reihe, dafür müssen die Models im Zickzack 200 Meter laufen. Blass wie Geishas drehen Iris und Kolleginnen die Runden. Hochgeschlossene Blusen unter Minitrenchcoats geben Sicherheit. Das über und über mit rundlaufenden Rüschen besetzte Kleid sieht aus, als wär’s ein Stück von Comme des Garons. Die Muster sind Material geworden, als Gitterstruktur am Kleid und Fransen an den Taschen.

Bleistiftröcke mit Geisha-Bluse und Büstenhalter darüber reißen zusammen. Muschelförmig mäandern die Plisseebahnen wie Origami-Orgien. Brokatstickerei ruft ein Goldenes Zeitalter wach, dazu ein Bauchbeutel: Das ist so sehr Marc Jacobs, wie Fünf-Millionen-Dollar-Jahreseinkommen-Kaufhauschefs neben mittellose Downtown-Künstler zu setzen. Und dann sind da noch Strickpullunderminis als Gruß an die frühe Madonna, Kniebundhosen als Wink ans Rokoko und am Vorabend des Lehman-Jahrestags Nadelstreifen der Pleitebanker von nebenan, die mit hervorspringenden Falten ihren Schrecken verlieren.

Militärjacken erinnern an die Nationalgarde hier im Haus, breite Schultern aus Lamé ironisch an die letzte Saison und die Achtziger-Jahre-Besessenheit des Herbstes. In der Lingerie lösen sich die Rüschen zu labbrigen Unterwasserpflanzen-Bordüren auf. An den dreieckigen Stoffstückchen hängen Perlen, wenn sie nicht gerade unter die Bänke rollen: Der mit Tischdeckenmustern dekorierte Harlekin in Pluderhosen ist die Frau der Stunde. Der Zitatemarathon fließt in sanftem Apricot aus. Die Braut – das letzte große Paris-Zitat – erlöst das Publikum aus modemetaphysischer Einsamkeit: Hier gibt es sie noch, in Chiffonwolken mit schwarzem Mini-Rand. Und erst am Ende, als sie alle noch einmal kommen, erkennt man die flachen Schuhe in der Art japanischer Zori-Sandalen. Die Mädchen tragen Dutt, Demut kleidet. Als der Schöpfer über die Bühne läuft, ein einziger spitzer Schrei all der Damen.

„Ich liebe Marc Jacobs“

Dritter Akt: Auszug. Armory, backstage. Jubel für Marc Jacobs. Frisch verheiratet, weißes Hemd, schwarzer Rock, junger Bart, hochgekämmte Haare, beste Stimmung. Die Harlekinmotive erklärt er grundsätzlich: „Die ganze Welt ist eine Bühne.“ Madonna hat wie ein Mädchen ihre Haare hochgesteckt und himmelt ihn an. Aufs Bild passen nur Madonna, Marc und Lady Gaga. Jesus, Madonnas neuer Freund, kommt nicht mit drauf, steht sowieso im Hintergrund, wie ein vergessener Leibwächter. Und schon ist Madonna fort, durch den Hintereingang, als wäre sie nur für zwei Sätze gekommen. Jesus hinterher. Lady Gaga, rote Strähnen im blonden Haar, sympathisch frische Rasiernarbe am Schienbein, bleibt noch ein bisschen. Sie will, sagt sie, auf der Party danach noch singen. „Aber das ist der einzige Auftritt heute Abend.“ Marc Jacobs verabschiedet sich schnell zu Interviews. Lorenzo hält ihr die Hand. Da stehen sie etwas verloren, aber glücklich, als hätte Lorenzo Martone vor ein paar Wochen nicht Marc Jacobs geheiratet, sondern dieses Marc-Jacobs-Kleid mit zarter Gestalt innendrin.

Lady Gaga redet so lieblich, als wollte sie die mit Nieten besetzte Zorro-Maske in ihrem Gesicht vergessen machen. „Ich liebe Marc Jacobs“, haucht sie. Und was ist das Besondere an ihm? „Bei Marc ist das Leben ein roter Teppich!“ Aber der elfenbeinfarbene Latexmantel stammt nicht aus seiner Kollektion! „Nein, der ist aus dem Haus!“ Aus welchem Haus? „Aus dem Haus von Gaga!“ Hat sie denn Ambitionen, selbst Modemacherin zu werden? „Nein, ich werde keine eigene Modekollektion herausbringen.“ Abgang Jacobs. Abgang Martone und Gaga, die sich noch immer an der Hand halten. Vor der Tür Geschrei, Blitzlichter, Hupen. Ende.

Nachspiel: „New York Deli“, später Abend. Biplab Kumar Bhattacharjee steht im Hintergrund und schneidet Brot. An der Kasse sitzt nun sein Chef. Zwei Flaschen Bier, zwei Flaschen Wasser, einmal „Bar-b-que flavoured Corn Chips“: zehn Dollar zehn. Auf 50 Dollar und zehn Cent gibt der Chef 30 Dollar heraus. 30 Dollar? Entschuldigung, fehlt da nicht was? „Ah“, meint der Chef überrascht, „sorry.“ Er kramt und kramt und kramt in der Kasse, bis alles vergessen ist und 40 Dollar herauskommen. So weit liegen Schein und Wirklichkeit manchmal auseinander.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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