16.02.2005 · Auf den New Yorker Modenschauen für Herbst und Winter wird den Frauen Volumen verpaßt.
Von Alfons KaiserDie Kälte ist noch nicht zu Ende, da herrscht für die Designer schon der nächste Winter. Auf den New Yorker Schauen, die am Wochenende nach mehr als 100 Defilees an acht Tagen zu Ende gingen und die - vor Mailand und Paris - der erste Trendangeber der Mode sind, haben sich die Designer darauf geeinigt, daß die Klimakatastrophe jedenfalls noch nicht im nächsten Winter einzieht. Mit Winterstoffen und viel Pelz, mit Mehrlagigkeit und knielangen Röcken, mit luftgefülltem, also gut isolierendem Volumen richten sich die Modemacher auf kalte Zeiten ein. Es wäre nicht New York, wenn dieser Ansatz nicht bestens der unsichtbaren amerikanischen Maxime der Verkäuflichkeit entspräche. Achtung! Diese Mode kann man wirklich tragen!
Nach den farbenfrohen Jahren richten sich nun die meisten Designer auch vom Ton her auf den Winter ein und nutzen Braun und Grau, Grün und Gold, Lila und Bordeaux. Selbst Custo Barcelona, durch bunte Drucke in den vergangenen Jahren erfolgreich, bringt viel dunklen Samt und Tweed. So reichhaltig verziert wie in dieser Saison waren die Frauen selten. Mit Bordüren aus Straß, mit Lederflecken, mit Swarovski-Steinchen, mit Pelz- und Samt-Intarsien, mit ethnischen Stickereien, ja sogar mit Häkeleinsätzen und Brokat werden die rauhen Winterstoffe veredelt. Die Applikationen lassen kaum noch Platz für die noch vor kurzem so beliebten Drucke und zwingen zur Einfarbigkeit. Wenn man so will, nehmen all die Verzierungen der Mode die Farbe. Denn auf Schwarz oder Grau, das zeigte Ralph Lauren in seiner angenehm ausgeruhten Kollektion von überraschend schmaler Silhouette, zeichnen sich brauner Pelz oder helles Kalbsleder noch am besten ab.
Sekretärinnenblusen zur Bush-Wahl
Lauren war auch das beste Beispiel für die Langlebigkeit klassischer Webmuster und Materialien: Glencheck, Kaschmir und Tweed stehen für die guten alten Werte. Schon vor einem Jahr war auf den Schauen in unsicheren Zeiten ein Hang zum konservativen Erscheinungsbild bei Frauen zu beobachten. Und als all die Sekretärinnenblusen, Fünfzigerjahreröcke, Chanel-Jacken und Tweedmäntel dann im Herbst in den Läden hingen, gewann George W. Bush in der Tat die Wahl, schon allein, um die Vorhersagekraft der Mode zu bestätigen. Zur Belohnung trug Laura Bush bei der Amtseinführung ein Kleid von Goldknopf-König Oscar de la Renta. Und nun bleibt Bush so sicher an der Macht wie der Rock an den Frauen. Hosen übernehmen in diesem Machtspiel die Rolle des Wie-hieß-er-noch-gleich John F. Kerry: Sie gelten heute auf den Laufstegen als schwer vermittelbar, sind fast noch seltener als früher die Röcke und führen wahrscheinlich im Kongreß ein einsames Dasein als Hinterbänkler. Modisch ist man im Rock also auf der Höhe der Zeit, medizinisch sollte man sich über eine Lockerung der impliziten Vorschriften gehobenen New Yorker Bürolebens unterhalten, die besagen, auch im Winter dürfe man gerne mit bloßem Bein zur Arbeit kommen. Immerhin - das ist die gute Nachricht für den Winter - sind Miniröcke so aus der Mode, daß sich nur der Modewochen-Neueinsteiger Diesel zur allgemeinen Gaudi in sie verrannte.
Die Taille, mit der Hüfte eine kleidungstechnisch sensible Zone, rutscht einfach hoch. Da die Rocklänge gleich bleibt wie nun schon seit mehr als einem Jahr, nämlich oft tüllgestützt auf Kniehöhe schwingend, führt die in vielen Kollektionen gezeigte hohe Taille zu langen Röcken, die nach einer Form verlangen. Nur so kann man es sich erklären, daß plötzlich - allen voran bei Marc Jacobs, Oscar de la Renta, Calvin Klein, Narciso Rodriguez und Derek Lam - großvolumige Röcke, unter der Brust ansetzend und bis zu den Knien oder noch tiefer reichend, zu Dutzenden zu sehen sind. Wenn man bedenkt, daß selbst Models in solchen Kleidern unglücklich aussehen, wird einem angst und bange um die richtige Frau: Da trainiert sie sich mühsam die Pfunde ab, nur um nun Ballonröcke mit Empiregürtung empfohlen zu bekommen, die aussehen, als sei es in der Modeszene durch den inspirierenden Einfluß der Designer zu einer kollektiven Scheinschwangerschaft gekommen. Fast könnte man vermuten, daß sich in einer demographisch-kostümgeschichtlichen Volte ein latenter und verdrängter Kinderwunsch in dieser Umstandsmode Bahn bricht.
Mieder und Korsagen
In seltsamem Gegensatz dazu stehen die Mieder und Korsagen. Sie lassen den Oberkörper schmal erscheinen und lehnen sich an die wegweisenden Entwürfe von Narciso Rodriguez an, der mit vielen Teilungsnähten die Frau einzuschnüren scheint. Auch ist der Einfluß des Designerduos Proenza Schouler zu spüren, die trotz konservativen Stils körpernah geschnittene und versteifte Oberteile in jeder neuen Saison neu pushen. Zudem scheint der Hang zu Lingerie-Elementen die Korsage begünstigt zu haben. Dieser Trend, Satin und Spitze aus der Nacht in den Tag herüberzuholen, wandert nun aber wieder in die Nacht. Dominant war es nur noch in der Jennifer-Lopez-Linie "Sweetface", die sich aber ohnehin an ganz junge, also noch etwas verträumte Frauen richtet.
Der Oberkörper, insgesamt schmal, verlangt ebenfalls nach Volumen. Da trifft es sich gut, daß Pelz wegen der an die zwanziger Jahre angelehnten Luxusanmutung, wegen der Ausbreitung der Hip-Hop-Kultur, wegen besserer Verarbeitungstechniken und eines damit verbundenen jüngeren Images verkauft wird wie nie zuvor. Oscar de la Renta, BCBG Max Azria, Ralph Lauren, Wolfgang Joop, Carolina Herrera, Michael Kors - kaum jemand wollte auf Fuchs, Zobel oder Nerz an Mantelsäumen, Ärmeln, Krägen oder gleich als Mantel oder Jacke verzichten. Unterstützt wurde der Pelz durch den seltsamen Hang zum Thema Rußland (dort möchte man wohl Läden eröffnen) etwa bei Diesel, der Kimora-Lee-Simmons-Linie Baby Phat, Diane von Furstenberg oder Cynthia Steffe mit Pelzkapuzen am Sakko bis hin zu riesigen Pelzmützen. Dieser Trend regiert nicht nur auf dem Laufsteg in der Theorie, sondern auch am Laufsteg in der Praxis. Je einflußreicher die Moderedakteurin, desto voluminöser und prachtvoller der Pelz: Die zierliche französische "Vogue"-Chefin Carine Roitfeld saß wie ein verirrter Braunbär in der ersten Reihe. Und wenn der Trend dort sitzt, dann setzt er sich wirklich durch.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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